"Flammender Zorn" bildet den Abschluss der sehr beliebten Panem-Trilogie und schlägt dabei eine ganz andere Richtung ein, als die beiden Vorgänger. Standen dort einige wenige Menschen und ihre Schicksale, Abenteuer und Gefühle im Mittelpunkt, geht es nun um nichts Geringeres als die gesamte Menschheit. Der Bürgerkrieg, der sich schon angedeutet hatte, bricht aus. Begleitet von einem politischen Ränkespiel bei dem keine Seite "Die Guten" zu sein scheint. In dieser Welt wirken die Protagonisten, um die sich bislang alles drehte, vergleichsweise unbedeutend und klein und sind nur noch ein Rädchen im Getriebe. Zusätzlich wird die Stimmung immer düsterer und bedrückender. In den Schlachten sterben mehrere lieb gewonnene Charaktere und die Hauptfiguren haben in den Kriegswirren wenig Kontakt zueinander. Diese Atmosphäre wird noch dadurch verstärkt, dass Ich-Erzählerin Katniss vor allem lethargisch und resignierend auf die Entwicklungen reagiert. Ihr Kampfeswille blitzt nur noch ganz selten durch.
Der Aufstandes gegen das totalitäre Regime wurde seit dem ersten Roman mit Andeutungen entwickelt. Es wurde zwar fast nie direkt thematisiert, aber dem Leser war schon klar, dass es letztlich unvermeidbar ist, dass es einen Widerstand gegen das System geben muss, der in einer Revolution eskalieren wird. Gleichfalls war zu erwarten, dass das Mädchen, das in den ersten Teilen im Mittelpunkt einer inszenierten Fernsehshow stand, in einem echten Krieg eine längst nicht so tragende Rolle spielen kann.
Für sich allein betrachtet ist der Roman also durchaus schlüssig und spannend sowieso. Ich finde es auch nicht verwerflich, dass die Geschichte nicht so schön endet, wie sich das viele Leser gewiss gewünscht haben. Es muss nicht immer auf ein rosarotes Hollywood-Happy-End hinauslaufen. Trotzdem bin ich nicht glücklich, denn es findet ein erheblicher Stilbruch zwischen Buch 2 und 3 statt. Der ist zwar nicht so sehr inhaltlicher, aber dafür emotionaler und literarischer Natur.
Autorin Suzanne Collins weckt Erwartungen und Hoffnungen, die sie nicht erfüllt. Das hat nichts mit einem guten/schlechten Ende zu tun, sondern dass sie mal eben den ganzen Erzählstil auf den Kopf stellt. Über zwei Romane hinweg baut sie behutsam eine Handvoll Charaktere auf, lässt sie sich entwickeln, ein Beziehungsgeflecht zueinander aufbauen und den Leser daran Teil haben. Ihr Roman spielt vor allem in diesem Mikrokosmos, die große, böse Welt dient lediglich als Kulisse. Im letzten Teil nimmt sie dann einen Vorschlaghammer zu Hand und legt all das vorher mühsam Aufgebaute innerhalb weniger Seiten in Schutt und Asche. Aus einem Abenteuer-Jugendbuch wird eine Kriegsberichterstattung. Von der Nahaufnahme zoomt sie plötzlich in die Totale.
Der dritte Teil bewegt, berührt und wühlt auf, aber eben auf ganz andere Weise als die Vorgängern. Es ist kein sympathisierendes Mitfiebern mehr, sondern besitzt die verschreckende Faszination eines Autounfalls. Die Ereignisse mögen sich zwar realistisch in das Gesamtgeschehen einfügen. Die Art und Weise wie sie geschildert und von den Hauptpersonen (und damit dem Leser) erlebt werden, passt aber nicht zu der Perspektive der ersten beiden Bände.
Der Trilogie als Gesamtheit fehlt der rote Faden, eine kontinuierliche Entwicklung und ein in sich schlüssiger Spannungsbogen. Wie kann der Leser sich mit einer Hauptperson identifizieren, die im Vergleich zu den ersten Büchern kaum wieder zu erkennen ist und überdies selbst das Interesse an ihrem Schicksal verloren zu haben scheint?
Suzanne Collins ist keine politische Berichterstatterin aus einem Krisengebiet, der es in erster Linie um Wahrheit und Realität gehen sollte (wir reden hier von einem Fantasy-SiFi-Roman). Sie schreibt Unterhaltungsliteratur für ein jugendliches Zielpublikum (zumindest lässt sie sich so vermarkten). Genau diesem Anspruch - "zu unterhalten" - wird sie aber im Abschlussband nicht mehr im gleichen Maße gerecht, wie in den Vorgängern.
Vielleicht war das auch nie ihre Absicht, vielleicht wollte sie die Leser absichtlich auf eine falsche Fährte locken, um dann besonders nachdrücklich zu schocken. Sollte das ihr Ziel gewesen sein, dann hat sie es gut gemacht. Ob das allerdings für den Leser spaßig und zufriedenstellend ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ein nachdrücklich in Erinnerung bleibendes Leseerlebnis ist es aber allemal.