Welcher Gattung ist denn vorliegendes Buch überhaupt zuzuordnen? Handelt es sich hier um einen Bildband, ist es vielleicht ein Reiseführer, hat man ein Geschichtsbuch entdeckt, oder ist es doch eher ein Reisetagebuch?
Die Autorin kombinierte den Inhalt ihres Buches aus eben diesen Bereichen und das mit glücklicher Hand!
Zu Beginn des Buches erschließt sich dem Leser, wie es einstmals zum Bau der Transsib kam, welche, nicht zuletzt strategischen, Überlegungen den Ausschlag für die Umsetzung dieses überaus erhgeizigen Projektes gaben - übrigens seit 1857, also lange vor dem ersten "Spatenstich", 1891 - im Zarenreich begonnen, Revolution, Kriege und Kommunismus überstanden, rollt die Transsib immer noch - was für uns Westler als Vehikel einer Traumreise dienlich ist, bedeutet für viele Menschen die einzig bezahlbare und einigermaßen zuverlässige Reisemöglichkeit durchs Riesenreich - die Autorin berücksichtigt diese Tatsache, verliert sich nicht in romantischen Bildern allein - wissenswerte Fakten und politische Zusammenhänge kommen in diesem Buch nicht zu kurz.
Die am Anfang stehenden Texte beleuchten das Bauprojekt Transsib auf kurzweilige Art und Weise - der Leser wird von trockenen Statistiken verschont - besonders interessant finde ich übrigens den Abschnitt, in dem die Wirkung der Transsib auf das Publikum der Weltausstellung in Paris (1900) beschrieben wird.
Der Aufbau der geschichtlichen Einleitung hätte mich für sich betrachtet schon zum Kauf veranlasst, wäre ich mit dem Buch, vor dem "Blindkauf" über Amazon.de, in Berührung gekommen.
Im weiteren Verlauf des Buches wechseln sich halbseitige und doppelseitige Fotos mit lebendigen Beschreibungen und Erklärungen zu Land und Leuten ab - es eröffnen sich einzigartige Perspektiven, welche Momente innerhalb und außerhalb des Zuges festhalten - und dies eben nicht nur im Vorbeifahren, Aufenthalte unterschiedlicher Länge ermöglichten offensichtlich Erkundungen entlang der Strecke.
Die persönlichen Reiseeindrücke, die Beobachtungen und Beschreibungen der Autorin sind so vielfältig, wie es die Strecke selbst wohl sein wird - auf mehr als nur einer Seite des Buches wünschte ich mich an die Stelle der Reisenden.
In einer hier veröffentlichten Rezension wurde übrigens kritisiert, die abgebildeten Fotos und ein Großteil der Texte wären lediglich zusammengetragen, jedoch nicht von der Autorin selbst im Bild festgehalten, bzw. allein geschrieben worden - ist doch völlig egal, solange die Mischung der Einzelkomponenten stimmt - und die Arbeiten der Urheber dieses Buches passen ausgesprochen perfekt zusammen - für kleines Geld mit der Transib reisen, wenn auch nur in Gedanken, bei einer heißen Tasse Tee, vom Sofa aus, Texte und Bilder sorgen hier für dichte Atmosphäre - Tagträume und Fernweh satt, für unter 10 Euro, was will man eigentlich mehr?
Wer mehr über Sibirien lesen möchte, sollte unbedingt nach Büchern von Gerd Ruge (u.a. Sibirisches Tagebuch) und Thomas Roth (Russisches Tagebuch: Eine Reise von den Tschuktschen bis zum Roten Platz) greifen.
Bei all den optischen Reizen des Landes, sollte man jedoch nicht die sozialen und politischen Baustellen Russlands vergessen - an dieser Stelle sei Ihnen das Buch "Die Rote Zone: Ein Gefängnistagebuch", von Grigori Pasko ans Herz gelegt.
Alle drei empfohlenen Bücher habe ich übrigens hier bei Amazon rezensiert.