Rezension
Buchtitel Die Transaktionsanalyse - eine Einführung
Autoren Ian Stewart
Vann Joines
Umfang 454 Seiten
Verlag HERDER spektrum
ISBN 3-451-05523-6
Die in dieser Rezension verwendeten männlichen Bezeichnungen gelten sinngemäss auch für die weiblichen Formulierungen.
Ian Stewart und Vann Joines beabsichtigen mit dem vorliegenden Buch, in Theorie und Praxis der Transaktionsanalyse einzuführen. Sie vermitteln die Transaktionsanalyse als Theorie der menschlichen Persönlichkeit sowie als Kommunikations- und Entwicklungstheorie. Die TA will den Menschen unterstützen, sein eigenes Potential auszuschöpfen und effektiver zu kommunizieren. In der Praxis wird die Transaktionsanalyse als Therapie- und Beratungskonzept zur Behandlung von alltäglichen Daseinsproblemen bis hin zu schweren psychischen Erkrankungen beschrieben. Ausser in der Therapie lässt sich die TA auch hervorragend im Kommunikations- und Führungstraining anwenden. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass ihre Ausführungen nicht als Ersatz für eine Therapie verstanden werden sollen. Das Studium dieses Werkes soll den Leser dabei unterstützen sich selber besser kennen zu lernen. Als umfassender Einblick in die Welt der TA und als Nachschlagewerk zu den einzelnen Elementen der Transaktionsanalyse zielt dieses Buch sowohl auf den TA-Neuling als auch auf den TA-Praktizierenden ab.
Die behandelte Einführung spricht den Leser auf sämtlichen Taxonomiestufen an. Kopf, Herz und Hand werden angeregt. Stewart und Joines verstehen es auf bemerkenswerte Weise, das Wechselspiel zwischen umfassender Theorie, Veranschaulichung dieser Theorie im Bezug auf fiktive Alltagssituationen und immer wieder in sich aufbauenden praktischen Übungen zu nutzen. Somit weiss der Studierende nach dem Lesen dieses Buches, welches die Grundelemente der Transaktionsanalyse sind. Er versteht die Wirkungsweise der einzelnen Themenbereiche. Und, sofern er die praktischen Übungen ernst nimmt und umsetzt, kann er das vermittelte Wissen bei sich selber direkt anwenden.
Stewart und Joines bauen die Elemente der Transaktionsanalyse in ihrem Buch modulartig auf. Die einzelnen Bausteine, zum Beispiel das Modell der Ich-Zustände, das Entstehen des Lebensskripts, das Maschensystem, sind in sich geschlossen. Es verlangt vom TA-Neuling vor allem zu Beginn des Studiums viel Aufmerksamkeit, um zu den einzelnen Themen den roten Faden herzustellen. Wer sich ausdauernd mit der Materie auseinandersetzt und sich von den über 450 Seiten dieses Werkes nicht abschrecken lässt, entdeckt schnell, wie die Themenbereiche ineinander fliessen.
Im ersten Teil des Buches widmen sich Stewart und Joines der Theorie der Ich-Zustände. Um dieses Modell effektiv anwenden zu können, halten es die Autoren für entscheidend, zwischen der funktionellen Analyse und der strukturellen Analyse der Ich-Zustände zu unterscheiden. Im funktionellen Modell werden zu beobachtende Verhaltensweisen beschrieben. Im strukturellen Modell die gespeicherten Erinnerungen und Strategien. Die Wichtigkeit dieser Abgrenzung begründen Stewart und Joines darin, dass das funktionelle Modell aufzeigt wie Menschen miteinander umgehen wogegen das strukturelle Modell beschreibt, was innerlich dabei abläuft. Bereits damit wird dem Leser früh ein Grundwissen über das Lebensskript vermittelt, welches sich hauptsächlich auf der Struktur der Ich-Zustände nachvollziehen lässt.
Ausführlich beschreiben die Beiden wie wir in frühester Kindheit unsere eigenen Überzeugungen über uns selber, die Anderen und die Welt festgelegt haben. Sie zeigen nachvollziehbar auf, wie wir versuchen, diese Überzeugungen zu rechtfertigen und wie wir beharrlich darauf hinarbeiten, die Endauszahlung des Lebensskripts zu erreichen. Die Frage nach dem „Warum" beantworten Stewart und Joines damit, dass diese selber gewählte Weltanschauung in den ersten Kindsjahren unsere Strategie zum Überleben war. Den damals verfassten Lebensplan tragen wir mehr oder weniger stark auch als Erwachsene in uns. In belastenden Situationen reagieren wir auf das Hier und Jetzt oft mit unseren frühkindlichen Beschlüssen. Die beiden Autoren ergänzen diese Theorie mit einfach verständlichen Beispielen aus dem Alltag. Ian Stewart und Vann Joines betonen, dass jeder von uns heute weit effektivere Ressourcen zur Bewältigung dieser Stresserlebnisse zur Verfügung hat. Jedes Mal, wenn es uns gelingt aus unserem Skript auszubrechen, schwächen wir unseren frühkindlichen, zum Teil krankmachenden Lebensplan und stärken unser Erwachsenen-Ich.
Beim rezitierten Werk handelt es sich um eine tiefgreifende und umfassende Einführung in die Transaktionsanalyse. Die vielen Beispiele und Übungen stellen stets den Bezug zur Praxis her. In mehreren Anhängen wird dem interessierten Publikum weiterführende Literatur aufgezeigt, auf bestehende Fachverbände hingewiesen und der Ausbildungsweg zur Anerkennung als Transaktionsanalytiker dargelegt. Sympathisch wirkt, dass das gesamte Werk in der Du-Form aus dem Englischen übersetzt wurde. Auffallend, dass sich der Übersetzer sowohl im Vorwort, in einem separaten Nachwort als auch in Form vieler Fussnoten für die entstandenen Schwierigkeiten bei der Übersetzung vom Englischen ins Deutsche entschuldigt. Die unzähligen Verweise zu den im letzten Teil des Buches ausführlich beschriebenen Erklärungen von Fachbegriffen können den Lesefluss beeinträchtigen. Wer sich davon nicht ablenken lässt, wird von diesem Buch begeistert sein und es immer wieder auch als Nachschlagewerk hervor nehmen.
Dr. Ian Stewart ist 1940 in Glasgow geboren. Er ist TA-Therapeut, Mathematikprofessor, Schriftsteller und Autor. Aus seiner Feder stammen unter anderem Werke wie "Die wunderbare Welt der Mathematik", "Die Gelehrten der Scheibenwelt" und "Spielt Gott Roulette. Uhrwerk oder Chaos".
Vann S. Joines aus Nord Carolina ist Theologe, Lehrtherapeut der ITAA, Guppen- und Familientherapeut.
Im April 2006
Roman Wallimann