Er könne nicht erfinden und habe in seinen Werken auch nichts erfunden, ließ Claude Simon seine Leser einmal wissen. Dies ist nachzuprüfen und gilt letztlich für alle großen Romane des französischen Literatur-Nobelpreisträgers von 1985: Wind (1957), Die Straße in Flandern (1959), Geschichte (1967), Jardin des Plantes (1997)- um nur einige zu nennen.
Erfunden hat der 88-Jährige auch in seinem neuen Roman, dem kleinen, aber bedeutenden Buch "Die Trambahn", sicher auch nichts. Ist es doch - wie einst Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", ein Buch also der wahrhaften Erinnerung, der Vergegenwärtigung vergangener Zeiten. Und so ist dem letzten großen Vertreter des modernen Romans ein außergewöhnlich schöner Roman, gelungen. Ein Alterswerk voller Gelassenheit und Weisheit.
In Perpignan ist Claude Simon aufgewachsen, hier hat er seine Kindheit verbracht. Und nun fährt er wieder wie einst mit der Trambahn von der Endstation der Stadt bis hinunter zum Strand, Station für Station. Die Trambahn ist für ihn wie für Marcel Proust die berühmte "Madeleine" Auslöser des Erinnerungsprozesses und Metapher für das Fortschreiten des Lebens. Und so nimmt er seine Leser mit auf diese Erinnerungsreise durch die Stadt seiner Kindheit und sein Leben.
Es gibt kaum Handlung in diesem Buch, dafür eine Fülle von wunderschönen, feinziselierten Sätzen die innehalten lassen, die man immer wieder lesen mag, weil sie Assoziationen ermöglichen und durch ihre bildhafte Sprache Erinnerungswelten erschaffen. Lesen wir also, wie der Autor die Trambahn, dieses Gefährt der Erinnerung, beschreibt, oder die Fahrkurbel und die Farben der Fahrscheine. An dem alten Kino mit seinen grellbunten Plakaten vorbei geht der Weg, vorbei auch an den "Rumpfmännern", den Kriegsinvaliden auf ihren kleinen Wägelchen; entlang der Villen der Bourgeoisie bis hinunter zum Badestrand, wo die Tanzmusik spielt.
Es ist "schicksalhafte Trambahn", die dem Schüler nicht nur Probleme in der Schule bereiten kann. Sie konfrontiert ihn auch auf mehr oder weniger züchtigen Töchter der Stadt und die alten ehrenwerten Herren. Erinnerungen kommen auf an die Mutter, die sich schuldig fühlt am Tod ihres Mannes, und an die grausame Magd, die kleine Kätzchen gegen die Wand wirft und Ratten lebendig aufgespießt über dem Feuer brät.
Es ist Claude Simons Buch und doch ist -. vom Autor gewollt - Proust immer gegenwärtig. Simon setzt sich kritisch mit Geschehnissen in der "Recherche" auseinander und zieht gleichzeitig Parallelen. So bei der Begegnung mit dem lebhaften jungen Mädchen am Strand, dem der Autor mit "leidenschaftlicher Inbrunst und Begeisterung erlag". Ihren geräuschvollen Auftritt verbindet er "mit dem von Andrée, Albertines junger Begleiterin,...die mit geschlossenen Füßen über den auf der Promenade von Balbec sitzenden ,armen Alten' hinwegspringt".
Voller Altersweisheit auch die Schilderung eines kürzlichen Aufenthalts in einem Krankenhaus, wo senile Alte, dem Tod näher denn dem Leben, ihre Eigenheiten pflegen, ihre Eigenwilligkeiten zelebrieren. Komik und Tragik des Lebens am Ende des Lebens werden von Simon auf unnachahmliche Weise erzählt.
Der existentielle Augenblick, die persönliche Erfahrung wird durch das Erinnern und das Erzählen eines Autors wie Claude Simon zu großer Literatur. Nicht zuletzt auch durch den genius loci, der im Roman "Jardin des Plantes" eben jener Garten war und in "Die Trambahn" das Perpignan seiner Kindheit. Er hat dies und sein Erleben in dieser Stadt und in dieser Zeit dem "ungreifbaren und schützenden Nebel des Gedächtnisses" in Sätzen und Bildern entrissen und offenbar gemacht.