Wunderbare Geschichten sind dies, die John Updikes letztes Vermächtnis an die Welt darstellen. Bis auf die erste Geschichte MAROCCO sind alle diese 18 Geschichten in den letzten 10 Jahren entstanden. Ihnen allen ist der Abschied eingeschrieben, alle erzählen von gelebtem Leben. All die Entscheidungen, die Zufälligkeiten, Verletzungen, Freuden, Hoffnungen, Enttäuschungen - eine große Distanz nimmt ihnen den Schrecken, eröffnet die Möglichkeit zur Versöhnung mit dem eigenen Leben. Nicht selten kehrt der Erzähler dabei zu seinen Anfängen zurück, trifft auf Menschen seiner Kindheit, aus High-school-Tagen oder auf Frauen, die er damals als junges Mädchen vergöttert hat - und heute? Das Leben hat andere Wege eingeschlagen. Manchmal bestätigen sich die Entscheidungen, manchmal zeigen die Entscheidungen dem Erzähler, wer er war und wer er geblieben ist. Somit geht es immer auch um die Freiheit des Menschen - die Freiheit sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, Entscheidungen zu treffen, sich zu lösen, Bindungen einzugehen. So begegnet der Erzähler in der Geschichte FREI endlich seiner wahren Jugendliebe, nachdem diese mehrere Ehen hinter sich hat und er mit Witwer seiner einzigen Frau ist. Eine Begegnung wird langwierig geplant und eingefädelt - nur um zu erkennen, dass ihn mit dieser Frau rein gar nichts verbindet und er auch frei ist, die vermeintliche Erfüllung seines Lebenstraums auszuschlagen. Er verlässt das Treffen und übernachtet in der Lieblingsunterkunft seiner verstorbenen Gattin.
In der Geschichte PERSÖNLICHE ARCHÄOLOGIE verbindet sich auf bewegende Weise die Geschichte eines Landhauses in New England - und damit ein Teil der amerikanischen Sozialgeschichte - mit der persönlichen Geschichte des Erzählers. Craig Martin hat ein riesiges altes Landgut erworben. Auf seinen Wanderungen durch die Parks, die zum Anwesen gehören, findet er immer wieder Überbleibsel der früheren Besitzer. Archäologische Fundstücke, die ihm Aufschluss über die Eigenheiten, den Stand, ja die gesamte Geschichte dieser Vorbesitzer geben. Er verbindet sie alle mit einer bestimmten Ära des Landes - bis er eine Tages Golfbälle findet, die er selber vor Urzeiten, als er das Anwesen erwarb, in den Wald geschlagen hatte - damals noch in der Hoffnung selber ein statthafter Golfer zu werden. Die Bälle markieren den Anfang seiner eigenen Ära, aber er steht am Ende seines Lebens.
Diese Geschichten sind alle berührend und mit einer erstaunlichen Leichtigkeit und Unaufdringlichkeit erzählt. Es handelt sich zweifellos um die Kunst eines großen Erzählers.
Thomas Reuter