Aus der Amazon.de-Redaktion
Ariana Franklin, Newcomerin auf dem Gebiet des Historienthrillers, geht neue Wege. Im Gegensatz zum oft näselnd historisierenden Sprachgestus manch berühmter Kollegen, pflegt sie eine erfrischend moderne, fast ironische Sprache. Da schickt König Henry schon mal ein Stoßgebet gen Himmel, Thomas Becket, der ermordetete Erzbischof von Canterbury, möge gefälligst denen da oben auf den Sack gehen. Ebenso augenzwinkernd erweist sie dem Gottvater des historischen Arztromans, Noah Gordon, ihre Reverenz in Gestalt von Gordinus, Adelias Lehrer an der berühmten Ärzteschule im süditalienischen Salerno.
Funkelnde Genrebilder, sauber recherchiert, mit leider nicht immer straff geführtem Spannungsbogen. Adelia, die im England jener Tage sofort als Hexe gebrandmarkt würde, schnippelt und schnüffelt sich auf Killersuche incognito durchs düstere Cambridge. Zartbesaitete Leserseelen sollten sich auf rüde Behandlungsmethoden gefasst machen. Neben diversen Vivisektionen erleichtert die resolute Heilerin per Schilfrohr (!) einem Prior das Wasserlassen derart, dass es jeden prostatageplagten Leser in die Ohnmacht treiben dürfte. Mauschelnde Stadtväter, schweigsam mümmelnde Mönche, sie alle werden zum Aderlass gebeten bis des Rätsels überraschende Lösung auf dem Seziertisch liegt. Trotz streckenweise verschleppter Handlung, kein schlechter Einstand für Ariana Franklin. --Ravi Unger
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Die Totenleserin von Ariana Franklin. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
schneller, als es sein Rheuma erlaubte. Es war eine riesige Burg, sehr
kalt, und in ihren Mauern hallten wilde Geräusche. Trotz seiner raschen
Schritte blieb dem alten Mann kalt denn er hatte Angst. Der Hofmeister
brachte ihn zu einem Mann, der allen Angst machte.
Sie gingen über lange, steinerne Korridore, mitunter an offenen Türen
vorbei, aus denen Licht und Wärme, Stimmengewirr und die Klänge einer Gambe
drangen, und an anderen, die geschlossen waren und hinter denen nach der
Vorstellung des alten Mannes gottlose Dinge geschahen.
Burgdiener, die nicht schnell genug auswichen, wurden rüde beiseite
gestoßen, und so zogen die beiden Männer in ihrer Hast eine Spur von zu
Boden gefallenen Tabletts, umgekippten Nachttöpfen und unterdrückten
Schmerzensschreien hinter sich her.
Eine letzte Wendeltreppe, und sie gelangten auf eine lange Galerie mit
einer Reihe von Schreibtischen an der Wand und einem wuchtigen Tisch in der
Mitte. Die mit grünem Filz ähnlichem Stoff bezogene Tischplatte war in
Quadrate eingeteilt, auf denen unterschiedlich große Häufchen von
Zählperlen lagen. Dreißig oder noch mehr Schreiber erfüllten den Raum mit
dem Kratzen von Federn auf Papier. Bunte Kugeln flirrten und klickten auf
den Drähten ihrer Abakusse hin und her, so dass es sich anhörte wie auf
einem Feld mit emsigen Grillen.
Der einzige untätige Mensch im ganzen Raum war ein Mann, der auf einer
Fensterbank saß.
»Aaron aus Lincoln, Mylord«, verkündete der Hofmeister.
Aaron aus Lincoln sank auf ein schmerzendes Knie und berührte die Stirn mit
den Fingern der rechten Hand, die er sodann mit der Handfläche nach oben
ausstreckte, um dem Mann auf der Fensterbank seine Ehrerbietung zu zeigen.
»Wisst Ihr, was das da ist?«
Aaron blickte unbeholfen nach hinten auf den riesigen Tisch, antwortete
aber nicht. Er wusste, was es war, doch die Frage des Königs war rein
rhetorisch gewesen.
»Jedenfalls kein Spieltisch, so viel steht fest«, sagte Henry II.
»Das ist meine Staatskasse. Die Quadrate verkörpern meine englischen
Countys, und die Zählperlen darauf zeigen, wie viel Abgaben sie an das
königliche Schatzamt zahlen müssen. Steht auf.«
Er zog den alten Mann hoch, führte ihn zum Tisch und zeigte auf eines der
Quadrate. »Das ist Cambridgeshire.« Er ließ Aaron los. »Unter Einsatz Eures
beträchtlichen finanziellen Sachverstandes, Aaron, was schätzt Ihr, wie
viele Perlen liegen da wohl?«
»Nicht genug, Mylord?«
»Wahrhaftig nicht«, sagte Henry. »Cambridge ist ein einträgliches County
normalerweise. Ein bisschen flach, aber es bringt stattliche Mengen an Korn
und Vieh hervor und zahlt pünktlich an das Schatzamt normalerweise. Auch
seine große jüdische Bevölkerung zahlt pünktlich an das Schatzamt
normalerweise.
Würdet Ihr sagen, dass die Anzahl der Zählperlen, die im Augenblick da
liegen, keine wahrheitsgetreue Darstellung seines Wohlstands ist?«
Wieder gab der alte Mann keine Antwort.
»Und warum ist das so?«, fragte Henry.
Aaron sagte matt: »Ich denke mir, wegen der Kinder, Mylord. Der Tod von
Kindern ist immer bedauerlich«
»Fürwahr.« Henry hievte sich auf die Tischkante und ließ die Beine baumeln.
»Und wenn er sich noch dazu auf die Wirtschaft auswirkt, dann ist er eine
Katastrophe. Die Bauern von Cambridge sind im Aufstand, und die Juden sind
wo sind sie?«
»Sie haben in der dortigen Burg Zuflucht gesucht, Mylord.«
»In dem, was davon übrig ist«, bestätigte Henry. »Ja, das haben sie,
wahrhaftig. In meiner Burg. Wo sie von meiner Mildtätigkeit leben, mein
Essen essen und es gleich an Ort und Stelle wieder ausscheißen, weil sie
Angst haben, die Burg zu verlassen.
Und das alles bedeutet, dass sie mir kein Geld einbringen, Aaron.«
»Nein, Mylord.«
»Und die aufgebrachten Bauern haben den Ostturm niedergebrannt, in dem sich
das Verzeichnis sämtlicher Schulden an die Juden und damit an mich befindet
ganz zu schweigen von den Steuerverzeichnissen, weil sie glauben, dass die
Juden ihre Kinder quälen und töten.«
Zum ersten Mal ertönte zwischen den Hinrichtungstrommeln im Kopf des Alten
eine Pfeife der Hoffnung. »Aber Ihr nicht, Mylord?«
»Was nicht?«
»Glaubt Ihr nicht, dass die Juden die Kinder töten?«
»Ich weiß es nicht, Aaron«, sagte der König leichthin. Ohne den alten Mann
aus den Augen zu lassen, hob er eine Hand. Ein Schreiber kam angelaufen und
schob ein Stück Pergament hinein. »Hier habe ich einen Bericht von einem
gewissen Roger aus Acton. Darin heißt es, dass das ein regelmäßiger Brauch
bei euch ist. Laut dem wackeren Roger foltern die Juden zu Ostern
mindestens ein Christenkind zu Tode, indem sie es in ein Fass stecken, das
innen mit Nägeln gespickt ist. Das haben sie schon immer getan und werden
es auch weiterhin tun.«
Er blickte kurz auf das Pergament. »Sie stecken das Kind in das Fass und
schließen den Deckel, so dass die Nägel ihm ins Fleisch dringen. Dann
fangen diese Teufel das herausrinnende Blut in Behältnissen auf, um es in
ihr rituelles Backwerk zu mischen.«
Henry II blickte auf: »Nicht sehr angenehm, Aaron.« Er konsultierte wieder
das Pergament. »Oh, und lachen tut ihr auch noch dabei.«
»Ihr wisst, dass das nicht wahr ist, Mylord.«
Der König nahm den Einwurf des Alten so wenig zur Kenntnis, als wäre er nur
ein weiteres Klicken auf einem Abakus gewesen.
»Aber dieses Jahr Ostern, Aaron, dieses Jahr Ostern habt ihr begonnen, sie
zu kreuzigen. Jedenfalls behauptet unser wackerer Roger aus Acton, dass man
das Kind, das gefunden wurde, gekreuzigt hat wie hieß das Kind noch
gleich?«
»Peter aus Trumpington, Mylord«, antwortete der Oberschreiber prompt.
»Dass Peter aus Trumpington gekreuzigt wurde und dass daher vermutlich auch
die anderen zwei vermissten Kinder das gleiche Schicksal ereilt hat.
Kreuzigung, Aaron.« Der König sprach das ungeheure und schreckliche Wort
ganz sanft aus, aber es hallte die kalte Galerie entlang und gewann auf
seinem Weg mehr und mehr an Kraft. »Es gibt bereits Bestrebungen, den
kleinen Peter zum Heiligen zu machen, als hätten wir nicht schon genug
davon. Bis jetzt werden zwei Kinder vermisst, und ein ausgebluteter,
zerfetzter kleiner Körper wurde in meinem Sumpfland gefunden, Aaron. Das
ist ziemlich viel Backwerk.«
Henry sprang vom Tisch, schritt die Galerie entlang und ließ, dicht gefolgt
von dem alten Mann, das Feld mit den Grillen hinter sich. Der König zog
einen Hocker unter einem Fenster hervor und stieß ihn mit dem Fuß in Aarons
Richtung. »Setzt Euch.«
Auf dieser Seite war es ruhiger. Feuchtkalte Luft drang durch die
unverglasten Fenster herein und ließ den alten Mann frösteln.
Aaron war der eleganter Gekleidete der beiden. Henry II sah aus wie ein
Jäger mit einem Hang zur Nachlässigkeit. Die Höflinge seiner Königin
salbten sich das Haar mit Ölen und dufteten nach Blumenessenzen, doch Henry
roch nach Pferd und Schweiß. Seine Hände waren ledrig, sein rotes Haar kurz
geschoren und sein Kopf so rund wie eine Kanonenkugel. Und doch, so dachte
Aaron, sah jeder in ihm sogleich den, der er war: Gebieter über ein Reich,
das sich von den Grenzen Schottlands bis zu den Pyrenäen erstreckte.
Aaron liebte ihn beinahe und hätte ihn wirklich lieben können, wenn der
Mann nicht so erschreckend unberechenbar gewesen wäre. Wenn der König in
Wut geriet, biss er in Teppiche, und Menschen starben.
»Gott hasst euch Juden, Aaron«, sagte Henry. »Ihr habt Seinen Sohn
getötet.«
Aaron schloss die Augen und wartete.
»Und Gott hasst mich.«
Aaron öffnete die Augen.
Die Stimme des Königs erhob sich zu einem Klagegesang, der die Galerie wie
eine Posaune der Verzweifl ung erfüllte. »Gütiger Gott, vergib diesem
unglückseligen und reuigen König. Du weißt, dass Thomas Becket sich mir in
allem widersetzt hat, so dass ich in meiner Raserei seinen Tod
herbeiwünschte. Peccavi, peccavi, denn einige Ritter missverstanden meinen
Zorn, sie brachen auf und töteten ihn, mir zum Gefallen. Für diese Missetat
hast Du in Deiner Gerechtigkeit Dein Antlitz von mir abgewendet. Ich bin
ein Wurm, mea culpa, mea culpa, mea culpa. Ich winde mich in Deinem Zorn,
während Erzbischof Thomas eingegangen ist in Deine Herrlichkeit und sitzet
zur Rechten Deines barmherzigen Sohnes Jesus Christus.«
Gesichter wandten sich ihnen zu. Schreibfedern verharrten über
Zahlenkolonnen, Abakusse standen still. Henry hörte auf, sich auf die Brust
zu schlagen. Im Plauderton sagte er: »Und ich könnte mir denken, dass er
dem Herrn genauso auf den Sack geht wie mir.« Er beugte sich vor, legte
Aaron aus Lincoln einen Finger unter das Kinn und hob es sachte an. »In dem
Augenblick, als diese Bastarde Becket erschlugen, bin ich verwundbar
geworden. Die Kirche sinnt auf Rache, sie will meine Leber, warm und
dampfend, sie will Wiedergutmachung und muss sie bekommen, und unter
anderem verlangt sie etwas, was sie schon immer verlangt hat, nämlich die
Vertreibung der Juden aus der Christenheit.«
Die Schreiber hatten sich wieder ihrer Arbeit zugewandt.
Der König wedelte mit dem Dokument in seiner Hand vor der Nase des Juden.
»Das ist eine Petition, Aaron, mit der Forderung, alle Juden aus meinem
Reich zu vertreiben. In diesem Augenblick ist eine Abschrift, gleichfalls
von Master Acton verfasst, mögen die Höllenhunde seine Eier fressen, auf
dem Weg zum Papst. Das ermordete Kind in Cambridge und die beiden
vermissten sollen als Vorwand dienen, um die Vertreibung Eures Volkes zu
verlangen, und jetzt, wo Becket tot ist, werde ich mich dem nicht
widersetzen können, denn sonst wird sich Seine Heiligkeit dazu überreden
lassen, mich zu exkommunizieren und über mein gesamtes Königreich das
Interdikt zu verhängen. Versteht Ihr, was ein Interdikt bedeutet? Das
Königreich wird zurück in die Dunkelheit gestoßen, Neugeborenen wird die
Taufe verweigert, es gibt keine kirchlichen Trauungen mehr, die Toten
bleiben ohne den Segen der Kirche unbestattet.
Und jeder kleine Hosenscheißer kann mein Recht als Herrscher in Frage
stellen.«
Henry stand auf und schritt auf und ab, blieb dann stehen, um die Ecke
eines Wandteppichs gerade zu zupfen, die der Wind umgeschlagen hatte. Mit
dem Rücken zu Aaron stehend, sagte er: »Bin ich nicht ein guter König,
Aaron?«
»Das seid Ihr, Mylord.« Die richtige Antwort. Und die Wahrheit.
»Und bin ich nicht gut zu den Juden, Aaron?«
»Das seid Ihr, Mylord. Wahrlich, das seid Ihr.« Wieder die Wahrheit. Henry
besteuerte die Juden, wie ein Bauer seine Kühe molk, und doch war kein
anderer Monarch auf Erden ihnen gegenüber gerechter oder sorgte in seinem
engen kleinen Königreich für so viel Ordnung, dass die Juden hier sicherer
waren als fast in jedem anderen Land der bekannten Welt. Aus Frankreich,
Spanien, aus den Kreuzzugsländern, aus Russland kamen sie her, um die
Privilegien und die Sicherheit zu genießen, die das England des
Plantagenets ihnen bot.
Wohin könnten wir gehen, dachte Aaron. Herr, Herr, schicke uns nicht zurück
in die Wüste. Wenn wir unser Gelobtes Land nicht mehr haben können, dann
lass uns zumindest unter diesem Pharao leben, der uns schützt.
Henry nickte. »Wucherei ist eine Sünde, Aaron. Die Kirche missbilligt sie,
lässt nicht zu, dass Christen ihre Seele damit beflecken. Überlässt das
euch Juden, die ihr keine Seele habt. Das hindert die Kirche natürlich
nicht daran, von euch Geld zu leihen. Wie viele ihrer Kathedralen sind
eigentlich mit euren Darlehen erbaut worden?«
»Lincoln, Mylord.« Aaron begann, sie an seinen zitternden, arthritischen
Fingern abzuzählen. »Peterborough, St. Albans, dann noch mindestens neun
Zisterzienserabteien, des Weiteren«
»Ja, ja. Entscheidend ist jedenfalls, dass ein Siebtel meiner jährlichen
Einnahmen aus der Besteuerung von euch Juden stammt. Und die Kirche will,
dass ich euch loswerde.« Der König stapfte auf und ab, und erneut dröhnten
abgehackte angevinische Silben durch die Galerie. »Sorge ich denn nicht
dafür, dass dieses Königreich einen nie gekannten Frieden erlebt? Herrgott,
was meinen die denn, wie ich das anstelle?«
Verstörte Schreiber ließen ihre Federn fallen und nickten. Jawohl, Mylord.
Das tut Ihr, Mylord.
»Das tut Ihr, Mylord«, sagte Aaron.
»Jedenfalls nicht mit Beten und Fasten, so viel steht fest.« Henry hatte
sich wieder beruhigt. »Ich brauche Geld, um meine Armee auszurüsten, meine
Richter zu bezahlen, die Aufstände auf dem Festland niederzuschlagen und
meiner Frau ihre sündhaft teuren Gewohnheiten zu ermöglichen. Frieden ist
Geld, Aaron, und Geld ist Frieden.« Er packte den alten Mann vorn an seinem
Umhang und zog ihn nah an sich heran.
»Wer ermordet diese Kinder?«
»Wir nicht, Mylord. Mylord, wir wissen es nicht.«
Einen kurzen eindringlichen Moment lang spähten fürchterliche blaue Augen
mit kurzen, fast unsichtbaren Wimpern in Aarons Seele.
»Nein, wir wissen es nicht«, sagte der König. Der alte Mann wurde
losgelassen, kurz gehalten, als er taumelte, und sein Umhang mit raschen
Händen wieder Ordnung gebracht, doch das Gesicht des Königs blieb dicht vor
ihm, und seine Stimme war ein zartes Flüstern. »Aber ich denke, wir sollten
das besser herausfinden, was? Und zwar schnell.«
Als der Hofmeister Aaron aus Lincoln zur Treppe geleitete, rief Henry ihm
nach: »Ihr Juden würdet mir fehlen, Aaron.«
Der Alte wandte sich um. Der König lächelte oder zumindest bleckte er seine
lückenhaften, starken, kleinen Zähne zu einer Art Lächeln. »Aber bei weitem
nicht so sehr, wie ich euch Juden fehlen würde«, sagte er.