St. Petersburg (Petrograd), 1. Januar 1917
Der arktische Wind schnitt durch Ruzskys dünnen Wollmantel, seine Stiefel waren feucht und kalt, die Zehen fast taub. Aber er achtete nicht darauf und sah nur in die Ferne, vor sich nichts als Eis. Er wollte einen Fuß auf dieses Eis stellen, doch dann verlagerte er sein Gewicht wieder auf die Stufen, die von der Straße herunter zum Fluss führten. Er betrachtete seine Stiefel, konnte sie aber nicht scharf sehen. Sein Atem ging unregelmäßig. »Herrgott nochmal«, flüsterte er zu sich selbst. Musste es wirklich so losgehen, kaum dass er einen Tag wieder da war?
Die Polizisten standen schon in der Mitte der gefrorenen Newa, die von einem Kreis Fackeln beleuchtet wurde. Der Schneefall hatte sich abgeschwächt und der nächtliche Himmel klarte auf. Der schmale Turm der Peter-und-Paul-Kathedrale war in bleiches Mondlicht getaucht.
Ruzsky nahm in der Gruppe Polizisten eine Bewegung wahr, dann löste sich eine dunkle, massige Gestalt und kam mit tanzender Fackel in der Hand auf ihn zu. Ruzsky sah seinem Partner entgegen.
»Wartest du auf Geleitschutz?« Pawel Miliutin stand vor ihm am Ufer, eine Hand hatte er tief in der Manteltasche vergraben. Eiskristalle hingen an den Spitzen seines dichten Schnurrbarts.
»Nein.«
»Oder hast du Angst vor dem Eis?« Sie hatten schon einmal mit einer Leiche auf dem Eis zu tun gehabt. Das war schon Jahre her und auf einem See außerhalb der Stadt gewesen.
Ruzsky räusperte sich. »Nein«, log er.
»Komm schon. Es ist Januar, der Fluss ist schon seit Monaten zugefroren und wenn hier irgendwer einbricht, dann ja wohl ich. Pawels rundes Gesicht sah Ruzsky missbilligend an und strahlte doch Wärme aus. Natürlich hatte er Recht.
»Ach, scheiß drauf«, murmelte Ruzsky. Er schloss kurz die Augen und machte einen Schritt vor und unterdrückte die Angst, als er das Knirschen unter seinen Schuhen hörte.
»Der mutigste Ermittler der Stadt hat Angst auf dem Eis«, sagte Pawel. »Nicht zu fassen.«
Ruzsky öffnete seine Augen. Sie liefen zügig und er konnte jetzt schon wieder etwas freier atmen.
»Hab's nicht so gemeint«, sagte Pawel.
»Ich weiß.«
»Ich mach dir keine Vorwürfe, alter Freund. Du bist ja kaum zwölf Stunden wieder da, und was bringt uns das verdammte Eis?« Pawel nickte in Richtung des Winterpalastes. »Und dann auch noch ausgerechnet hier.«
Der kalte, feuchte Wind aus dem Golf von Finnland blies ihnen ins Gesicht und sie trotteten mit gesenkten Köpfen weiter. Hier draußen auf dem Eis war die Temperatur noch einmal um mehrere Grad niedriger. Ruzsky vergrub seine Hände tief in den Taschen. Immerhin hielt die alte Schaffellmütze seines Vaters den Kopf warm.
Die Polizisten standen neben den Leichen und rauchten. Sie trugen ihre übliche Petersburger Uniform: lange Mäntel und schwarze Schaffellmützen.
Dem Ufer Richtung Winterpalast am nächsten lag eine Frau, ihr schwarzes Haar wie ein Kranz um den Kopf gebreitet. »Fackel!«, verlangte Ruzsky und streckte eine Hand aus.
Einer der Polizisten machte einen Schritt vor. Er konnte kaum älter als siebzehn oder achtzehn sein, hatte eine große Nase und eng zusammenstehende, nervös wirkende Augen. Er konnte von Glück sagen, dass er nicht an der Front kämpfen muss, dachte Ruzsky. Dann nahm er die Fackel, beugte sich über die Frau und sank dann neben ihr in die Knie.
Das Opfer war jung und hübsch. Er zog einen Handschuh aus und befühlte ihre Haut an der Wange. Sie war hart gefroren. Mit dem starren Blick in den Himmel gerichtet wirkte sie fast friedlich. Offenbar hatte die Verletzung auf der Brust sie getötet, aber Ruzsky konnte nicht erkennen, ob es sich um einen Messerstich handelte. Das festzustellen musste er Sarlow überlassen.
Weil seine Hand schon fast gefühllos war, zog er den Handschuh wieder an und steckte die Hand zurück in die Manteltasche.
Ruzsky erhob sich und betrachtete den Abstand zu der zweiten Leiche. Um sie herum waren überall die Fußabdrücke der Polizisten im Schnee zu erkennen. Andere Spuren, die ihm etwas über die Ereignisse hätten erzählen können, gab es nicht mehr. »Bringt man denen heutzutage denn gar nichts mehr bei«, knurrte er und deutete mit der Fackel auf den zertrampelten Tatort.
»Hauptsache, du bist wieder da.« Pawel bot ihm seinen Flachmann an.
Ruzsky schüttelte den Kopf. Dann schritt er auf die zweite Leiche zu. Nur das Zischen der Fackel und das Knirschen der Stiefel übertönte den pfeifenden Wind.
Der Mann lag mit dem Gesicht nach unten in einer roten Pfütze. Er musste wie ein Springbrunnen geblutet haben.
»Dreht ihn um«, sagte Ruzsky. Zwei Polizisten traten vor und wuchteten die Leiche auf den Rücken.
Ruzsky atmete tief aus.
»Heilige Mutter Gottes«, stieß Pawel hervor.
Da waren Stichwunden an Brust, Hals und Gesicht, ein Stich hatte die Nase durchdrungen, ein weiterer seine Wange abgetrennt.
»Wer waren die beiden?«
»Ich weiß es nicht.«
»Hast du ihre Taschen durchsucht?«
»Selbstverständlich, aber da war nur das hier.« Pawel reichte Ruzsky eine Rolle Rubel-Banknoten. Kleine Scheine.
»Das ist alles? Keine Ausweise?«
»Nein.«
»Visitenkarten? Briefe?«
»Nichts.«
»Und du hast auch wirklich gut geschaut?«
»Natürlich hab ich das.«
Ruzsky beugte sich über den Mann und schlug dessen Mantel zurück. Dann schob er seine Hand in die Innentasche, die tatsächlich leer war. Er richtete sich wieder auf und schob das Geldbündel in die eigene Manteltasche. »Was ist mit der Frau.«
»Auch nichts.«
»Habt ihr ein Messer gefunden?«
»Nein.«
»In welchem Umkreis habt ihr gesucht?«
»Na ja, wir haben auf dich gewartet«, sagte Pawel langsam.
Die Polizisten begannen wieder herumzuwandern und Ruzsky rief: »Bleibt, wo ihr seid.« Er ging noch einmal zu der Toten. Sie konnte kaum älter als zwanzig gewesen sein. Elegant gekleidet war sie. Genau wie der tote Mann. Es war zwar schwer zu erkennen, doch Ruzsky glaubte nicht, dass sie mehr als eine Stichwunde aufwies. Er sah noch einmal
zu dem Toten hinüber. Zwischen den beiden Leichen lagen etwa fünf Meter Abstand.
»Hast du wirklich alle ihre Taschen durchsucht?«
»Sogar zweimal.«
»Dann schaffen wir sie erst mal weg«, sagte Ruzsky mehr zu sich selbst. Er wollte nicht nochmal seine Handschuhe ausziehen.
Er blickte auf und sah die Turmspitze der Admiralität auf der Palastseite des Ufers. In der Ferne glänzte die goldene Kuppel der Isaaks-Kathedrale. Die blau-weiße Fassade des Winterpalastes lag direkt vor ihnen, kaum fünfzig Meter entfernt. Pawel folgte seinem Blick.
»Vielleicht hat einer der Bediensteten etwas beobachtet«, sagte Ruzsky.
»Nicht, wenn sie in der Nacht ermordet wurden.«
»Da sollten wir jedenfalls gleich mit unseren Erkundigungen anfangen.«
»Aber sicher. Wir wecken einfach den Zaren und fragen ihn.«
Ruzsky war nicht nach Scherzen zumute. Und er wusste so gut wie Pawel, dass der Zar schon seit Jahren keine Nacht mehr im Winterpalast verbracht hatte. Jedenfalls nicht seit Beginn des Krieges.
Ruzsky hob die Fackel höher. »Sie sollen sich nicht von der Stelle rühren, Pawel.« Er ging langsam in eine Richtung und fand schließlich auf der dünnen Schneedecke die Fußspuren, nach denen er gesucht hatte. Er untersuchte sie und kehrte zu den Leichen zurück, um ihre Schuhe mit Form und Größe der Abdrücke zu vergleichen. So fand er außerhalb des zertrampelten Leichenfundorts recht schnell den Pfad, den die Toten auf dem Eis genommen hatten. Sie waren eng zusammengeblieben, vielleicht sogar Hand in Hand gelaufen. Er folgte ihrer Spur für etwa zwanzig Meter, dann blieb er stehen, drehte sich um und blickte auf den Tatort zurück. Pawel und die Polizisten beobachteten ihn.
Er drehte sich um neunzig Grad, hielt die hölzerne Ölfa- ckel vor sich und stiefelte in einem weiten Bogen über...