Diesmal ist es nicht das Dickicht der Großstadt, in dem Marlowe nach dem Mörder sucht, sondern ein einsames Idyll auf dem Lande. Drei Ferienhäuser, ein Hausmeister mit seiner Frau und ein See mit einem Damm und einem Anlegesteg bilden den wichtigsten Schauplatz eines Mordfalls, der von Marlowe geklärt werden muss. Außerdem gibt es da noch die verschwundene Frau eines Geschäftsmanns, sowie einen merkwürdigen Arzt, der über gute Verbindungen zur Polizei von Bay City zu verfügen scheint. Und wie immer bei Chandler tauchen mit der Zeit weitere Leichen auf.
Aus meiner Sicht hat "Die Tote im See" vielleicht die stärkste Kriminalstory aller Romane von Chandler. Die Morde und die Motivationen der Mörder sind bis ins Detail durchkonstruiert und werden am Schluss durch Marlowe auch bis ins Detail erläutert. Die Lösung des Falls ist elegant einfach. Teile ahnt man während des Lesens, aber das Gesamtbild bleibt verborgen bis zum Schluss, so dass die Spannung bis zur letzten Seite erhalten bleibt. Es gibt ein bisschen mehr Gewalt als in den anderen Romanen von Chandler, vielleicht auch weil im Hintergrund immer wieder vom 2. Weltkrieg die Rede ist, und so erinnert der Roman sehr an das Genre des klassischen Detektivromans mit seinen harten Männern, seinen Schusswechseln und Prügeleien.
Die philosophische Seite von Marlowe kommt dagegen in diesem Buch etwas zu kurz, weniger Gesellschaftskritik, vielleicht auch etwas weniger von Chandlers und Marlowes beißenden Humor. Es fällt auf, dass sich Marlowe zum ersten Mal als alternder Mann beschreibt - eine Eigenschaft, die auch Chandler beim Schreiben des Buches zum ersten Mal gefühlt haben mag. Schließlich zog in diesen Jahren eine Generation in den Krieg, die deutlich jünger war als der Autor beim Schreiben des Buches. Und mit Gefühl des Alters kommt eine gewisse Desillusion, die dazu führt, dass das Buch eine leicht andere Stimmung vermittelt als die ersten vier Romane mit Marlowe.
Aber so oder so, das Buch ist lesenswert, spannend und in einigen Punkten sogar inspirierend - wenn auch nicht ganz so sehr wie die "Farewell, My Darling" und "Der lange Abschied".