Der neue Band von Fred Vargas ist eigentlich nur ein gebundenes Heft. Der Inhalt viergeteilt.
Zunächst erscheint die Titelgeschichte, eine neu illustrierte Kurzgeschichte von 2002, die vielleicht schon viele kennen und daher enttäuscht sind. Es menschelt und es hagelt Sozialkritik. Der eigentliche Mordfall bleibt Beiwerk. Ich kannte die Geschichte noch nicht und fand sie toll, mit wundervollen Sätzen und schönen Pinselzeichnungen von Baudoin. Bombastisch wie eine großartige Praline und genauso schnell konsumiert, denn sie ist nur 48 Seiten lang. Zweimal lesen!
Im zweiten Teil folgen 10 Seiten mit Zeichnungen von Baudoin aus dem letzten gemeinsamen Werk "Das Zeichen des Widders" und kurzen Sätzen zu seiner Intention. Da ich selbst gerne zeichne, gefällt mir der Abschnitt sehr gut. Wer aber Krimi erwartet, wird hier bitter enttäuscht.
Darauf folgt ein 16seitiges Nachwort über Comic-Romane von Klaus Schikowski. Mäßig interessant. Diese Graphic Novels etablierten sich auf dem lange Zeit resistenten deutschen Markt. Grund dafür ist wohl die Erkenntnis, dass viele Grenzen und Trennungen nur in unserem Kopf bestanden, so auch die zwischen Wort- und Bildkunst. Baudoin ist bekannt für seine Kunst-Comics, ein experimenteller Bande dessinée-Zeichner also. Auch dieser dritte Teil polarisiert: Erwartet man den reinen Krimi oder ist man für Kultur allgemein aufgeschlossen?
Der vierte Teil besteht aus einer 10seitigen Leseprobe aus dem Roman "Der verbotene Ort" von 2009, den vielleicht schon viele kennen und daher enttäuscht sind. Grenzwertig. Diesen Abschnitt kann man als reine Werbung deuten. Ich kannte den Roman schon.
Bleibt also für jeden die Frage offen, ob es sich hier um eine Mogelpackung handelt, die zu teuer verkauft wird, oder um ein ästhetisches Kleinod, welches auch ein schönes Geschenk für Krimi- und Kunstfans darstellt? Sehr speziell.
Von mir gibt es aber dennoch vier Sterne, weil mich Vargas Sätze wieder einmal süchtig gemacht haben und Baudoins Pinselzeichnungen super sind.