Drei Fernsehabende lang habe ich mich gefragt: Was ist das? Was bitteschön ist das? OK, einige Leute heißen so wie die Figuren in Ken Folletts Roman "Die Tore der Welt". Hin und wieder sagt auch mal jemand einen Satz, der so im Buch gesagt worden sein könnte (wenn auch nicht unbedingt von derselben Person). Hier enden die Gemeinsamkeiten zwischen Buch und Verfilmung aber auch schon. Am vierten Abend, als sich auf dem Bildschirm der "packendste Teil" (meine Fernsehzeitschrift) in Humbug und Nonsens auflöste, hatte ich endlich eine Erleuchtung. Das hier ist gar keine Romanverfilmung. Das hier ist eine Art kreatives Paralleluniversum, eine alternative Fiktion, ein 360minütiges Was-wäre-wenn-Spiel. Was wäre, wenn Petranilla eine pathologische Giftmörderin wäre? Was wäre, wenn Bruder Godwyn in Cousine Caris verknallt wäre? Was wäre, wenn Bruder Thomas...
Aber nein, Spaß beiseite: Natürlich kann eine Verfilmung einer Romanvorlage nie hundertprozentig gerecht werden - einerseits, weil jeder Leser seine eigene Vorstellung von "seinen" Figuren hat, andererseits, weil Film und Buch eben unterschiedliche Medien sind und unterschiedliche Möglichkeiten haben. Es ist allerdings eine Sache, Handlung und Figuren für das Drehbuch zu straffen und zu verdichten, und eine ganz andere, eine Geschichte derartig zu verhunzen, dass sie schlicht und einfach keinen Sinn mehr ergibt - und zwar unabhängig davon, ob man das Buch kennt oder nicht.
Ein harmloses Beispiel, stellvertretend für Dutzende von fragwürdigen und deutlich gravierendere Änderungen: Im Buch sind Merthin und Ralph Söhne von Sir Gerald, einem verarmten Ritter und entfernten Verwandten des Grafen von Shiring. Nachdem Sir Gerald seine Schulden bei der Priorei nicht bezahlen kann, verliert er sein Gut. Merthin, der schlau ist, aber nicht kämpfen kann, kommt bei einem Zimmermann in die Lehre, Ralph, der kämpfen, aber nicht denken kann, wird vom Grafen als Knappe aufgenommen und zum Ritter ausgebildet.
In der Verfilmung sieht es hingegen so aus: Sir Gerald IST der Graf von Shiring und verliert Hab und Gut und Leben, weil er irgendjemanden verraten haben soll. Der neue Graf von Shiring - der den alten persönlich aufgehängt hat - erweist sich als richtiges Cleverle: Er nimmt Ralph zu sich, um ihn als Knappen und Ritter auszubilden. Schlau! Superschlau! Da hänge ich den Vater auf und lasse dem Sohn genau die Ausbildung zukommen, die er braucht, wenn er sich irgendwann mal bei mir dafür rächen möchte, dass ich ihm Vater und Titel geklaut habe. Darauf muss man erst mal kommen!
Vielleicht würden all die entstellten Handlungsstränge für weniger Ärger sorgen, wenn man wenigstens den Eindruck hätte, dass das historische Drumherum einigermaßen stimmig dargestellt wird. Aber nein, unser gutes Mittelalter wartet mal wieder mit all den Klischees auf, für die wir es so sehr lieben: Dumme Männer haben keine Ahnung von Medizin. Sie würden eine offene Wunde mal eben mit einer Ladung Dung einreiben. Heilkundige Frauen haben hingegen durchaus Ahnung von Medizin. Die dummen Männer hassen sie deswegen und richten sie als Hexen hin. A propos Hinrichtungen, die werden folgendermaßen durchgeführt: "Also du wirst jetzt aufgehängt, du, und du auch - aber für dich habe ich eine gute Nachricht, dir werden nur die Beine gebrochen." (Was wir anschließend zeigen, damit auch wirklich jeder Zuschauer begreift, was für böse, böse Menschen das in bösen, bösen Zeiten waren). Die Pest ist übrigens eine schlimme Krankheit, die einen aber nicht daran hindert, nochmal schnell zu Fuß von Kingsbridge nach Shiring zu spazieren. Und zurück.
Da ich nur die Fernsehversion kenne und nicht die DVD, kann ich nichts zu den Extras sagen, aber ich vermute, wenigstens dort wird das Geheimnis ewiger mittelalterlicher Jugend gelüftet. Ehrlich, diese Leute leben in kalten Burgen und zugigen Hütten, lange vor der Erfindung von
NIVEA Creme 400 ml, und sie altern innerhalb von zwanzig Jahren nicht um einen einzigen Tag! Das ist so ungerecht!
Wo wir schon bei ungerecht sind: König Edward der Dritte rotiert vermutlich gerade in seinem Grab. Was die Verfilmung mit dem armen Kerl macht, ist schlichtweg ohne Worte. Und das meine ich nicht nur wegen seiner schlimmen Frisur in den letzten beiden Teilen.
Das bedauernswerteste Opfer der Verfilmung ist allerdings weder das Mittelalter noch Ken Folletts Romanpersonal, sondern das Bauwerk, dem beide Bücher ihren Erfolg verdanken: Die Kathedrale. Das Buch beginnt direkt dort, in der Nacht vor Allerheiligen. Es ist kalt, es ist dunkel, Gläubige aus der Stadt und dem Umland sind zum Gottesdienst zusammengekommen. Die Mönche veranstalten ein wenig Hokuspokus, um das einfache Volk mit der Macht Gottes zu beeindrucken, der Graf von Shiring verleiht der Veranstaltung Glanz, Sir Gerald will seine Geschäfte mit der Priorei abwickeln: Die Kathedrale ist das geworden, was sie in Prior Philipps Vision werden sollte, nämlich der geistliche, weltliche und wirtschaftliche Mittelpunkt der aufstrebenden Stadt. Und sie lebt weiter, sie muss ausgebessert, verschönert, erweitert werden.
In der Verfilmung ist die Kathedrale - nichts. Sie ist da. Hin und wieder wird ein Gottesdienst abgehalten. Oder eine Trauung durchgeführt. Das war's. Weiß der Teufel, wozu man sie überhaupt gebaut hat. Und die Geschichte beginnt irgendwo auf der grünen Wiese.
Fazit: Eine in jeder Beziehung enttäuschende Verfilmung, die die Stärken der Vorlage nicht im Ansatz durchscheinen lässt, sondern eine dramaturgisch aufgemotzte - und keineswegs bessere - Geschichte erzählt. Die Schauspieler können nicht mehr viel retten. Noch vor dem ersten Werbeblock hatte ich das dringende Bedürfnis, das Buch aus dem Regal zu nehmen und nachzulesen, wie Ken Follett sich die Sache wirklich gedacht hatte. Die Lektüre habe ich dann wiederum sehr genossen. Für diese Inspiration gibt es den zweiten Stern.