Die Vergangenheit sei "für die Menschen im Westen das Dessert, für die Araber dagegen das Hauptgericht" wird von Hala die marokkanische Soziologin Mernissi zitiert.
Und damit sind wir schon mittten im Buch: Es handelt von der Soziologin Hala, die von ihrer Freundin, der Reisejournalistin Lieve Joris, in Damaskus besucht wird. Dieser Besuch zieht sich über Monate hin. In diesen Monaten sieht die Autorin, dass der Blick ihrer Freundin immer matter und stumpfer wird: die aktuelle politische und die persönliche Situation von Hala sind die Ursache. Halas Mann, ein überzeugter Kommunist, ist schon seit 10 Jahren im Gefängnis, ohne je vor Gericht gestellt worden zu sein. Frau und Tochter hoffen immer noch, dass er bald freikommt.
In dieser Zeit geben die Familie, der Clan Hala Halt. Aber: Die Familie zerstört auch jede Individualität; es gibt einfach außerhalb der Familie keine Welt, in der jeder seine eigenen Regeln aufstellen kann.
Nebem der rein persönlichen Problematik zeigt dieses Buch, das, obwohl aus den 90er Jahren stammend, von einer bestürzenden Aktualität ist, die Probleme des (heutigen) Staates Syrien: permanente Überwachung durch die Spitzel des Geheimdienstes; die typische Wehleidigkeit vieler Bürger, die für all ihre Probleme Israel und die USA verantwortlich machen und sich nicht selber bei der Nase nehmen wollen; Antiintellektualismus und Bildungsfeindlichkeit; die Notwendigkeit von WASTA (=Beziehungen), ohne die praktisch nichts läuft; der Nepotismus der herrschenden Schichten usw.
Ein intimer, dabei bestürzender Einblick in den syrischen Alltag, der 2007 auch kaum anders aussehen dürfte!