Der in Wuppertal aufgewachsene Tom Tykwer ist einer, der schon früh von der Faszination und den Möglichkeiten des Kinos gebannt war. Konsequent ging er seinen vom Film besessenen Weg und begeisterte nicht nur Cineasten mit seinen teils ungewöhnlichen und gewagten Filmkonzepten. Mit solch grandios frischen Werken wie "Lola rennt" und "Der Krieger und die Kaiserin" war seine Stimme unüberhörbar geworden und er wurde auch zu einem international gefeierten Filmemacher.
Der von Tykwer mitgegründete X-Filme Verleih legte 2006 das Gesamtwerk Tykwers auf DVD vor. Nicht nur alle Kinofilme, sondern auch sämtliche Kurzfilme sind hier vorhanden. Als Schmankerl gibt es noch ausgewählte, teils unveröffentlichte Filmmusik von Allroundtalent Tykwer und dem Musikerduo Klimek & Heil. Darüber hinaus wartet diese herausragende Compilation mit einem Booklet auf, in dem Tykwer u.a. selbst seine Filme kommentiert. Die Filme sind zudem, mit Ausnahme des 2006 erst erschienenen "Das Parfum", digital remastered und liegen in hervorragender Bildqualität vor. Zu allen Filmen gibt es sehr umfangreiches und höchst informatives Bonusmaterial, hervorragend recherchiert und voll mit faszinierenden Einsichten.
Nun kurze Kritiken zu den Filmen:
"Die tödliche Maria" (D, 1993): mit Nina Petri, Josef Bierbichler, Katja Studt, Joachim Król, Peter Franke u.a.
Tykwers Debütfilm zieht einen sofort mit seiner unbändigen Filmsprache in den Bann. Man sieht Tykwers Erstling deutlich an, dass er versucht hat, mit sämtliche filmischen Tricks zu spielen. Es ist überdeutlich, dass Tykwer riesigen Spaß am Kino hat. Die düstere, oft deprimierende Geschichte von der nur scheinbar einfachen Hausfrau Maria, die in einer Zwangsehe gefangen ist, fasziniert durch eine durchgestylte Ästhetik, genialer Kameraarbeit und einem bedrohlichen Soundteppich. Tykwer kreuzt hier typisch deutsches existentialistisches Drama mit an deutschen Expressionismus erinnernden Horror und kreierte einen beeindruckenden, leider zu selten gesehenen Film.
"Winterschläfer" (D, 1997): mit Ulrich Matthes, Heino Ferch, Floriane Daniel, Marie-Lou Sellem, Josef Bierbichler u.a.
Tykwers zweiter Film ist vielleicht sogar sein bester. Das hochemotionale und spannende Drama, das als "Liebesthriller" vermarktet wurde, brilliert durch exzellente Charakterzeichnungen, tollen Darstellern und einer einmaligen, unheilschwangeren, erotisch aufgeladenen Atmophäre. Das im Berchtesgadener Land gefilmte Ensembledrama ist langsam erzählt, faszinert aber ungemein. Man wächst mit den zutiefst menschlichen Charakteren einfach zusammen. Ihre Wege sind miteinander alle irgendwie verwoben, am Ende finden die Handlungsstränge dann zusammen.
"Lola rennt" (D, 1998): mit Franka Potente, Moritz Bleibtreu, Herbert Knaup, Nina Petri, Armin Rhode u.a.
Der dritte Film von Tom Tykwer wurde international frenetisch gefeiert und bedeutete eine regelrechte Revolution für das deutsche Kino, das hier gründlich entstaubt wurde. "Lola rennt" ist ein Film voller unbändiger kinetischer Energie und Geschwindigkeit, ein Bilderrausch, der mit sämtlichen Filmformaten und -techniken spielt und schlichtweg ein geniales Stück pures Kino ergibt. Der Plot ist so simpel wie möglich, doch Tykwer spielt mit dem Schmetterlings-Motiv und präsentiert drei Variationen der Handlung. Diese ergeben sich aus kleinen Ereignissen, die immer nur geringfügig anders verlaufen, jedoch radikale Folgen haben.
"Der Krieger + die Kaiserin" (D, 2000): mit Franka Potente, Benno Fürmann, Joachim Król, Lars Rudolph, Melchior Beslon u.a.
Tykwers zweite Zusammenarbeit mit seiner damaligen Freundin Franka Potente stellt das radikale Abbild von "Lola rennt" dar und beweist Tykwers enorme Bandbreite. Der Film ist, wie von Tykwer eigentlich gewohnt, langsam und poetisch erzählt und lässt einem viel Zeit, mit den Charakteren vertraut zu werden. Visuell fallen auch die herausragenden Bildkompositionen auf, die Tykwer so aus dem Durchschnitt herausstechen lassen. Doch irgendwie funktioniert Tykwers vielleicht persönlichster Film nicht immer, die Metaphorik am Ende ist vielleicht zu dick aufgetragen und auch das Prinzip von Schicksal und Zufall wirkt oft recht weit hergeholt. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei diesem Film um ein außergewöhnliches und berührendes Werk.
"Heaven" (D/I/USA/F/GB, 2002): mit Cate Blanchett, Giovanni Ribisi, Remo Girone, Stefania Rocca u.a.
Bei diesem erneut faszinierend langsam erzählten Film handelt es sich um Tykwers erste internationale Produktion. Von den mittlerweile verstorbenen Filmemachern Anthony Minghella und Sydney Pollack produziert, ist "Heaven" ein zutiefst poetisch anmutender Film, der zunächst ein recht geradlinig erzählter Liebesfilm ist, am Ende jedoch wieder sehr metaphorisch und künstlerisch wird. Tykwer arbeite mit dem Drehbuch des verstorbenen legendären polnischen Filmemachers Krystof Kieslowski, das er selbst nicht mehr verfilmen konnte. "Heaven" lebt auch von der grandiosen Performance von Cate Blanchett, die mit engelshafter Fragilität gepaart mit Stärke schlicht umhaut. Für manch einen mag der Film etwas sperrig wirken, doch handelt es sich bei dem Film letztlich mehr um ein Märchen als realistisches Drama.
"Das Parfum" (D/F/ESP/USA): mit Ben Whishaw, Alan Rickman, Rachel Hurd-Wood, Dustin Hoffman, Karoline Herfurth u.a.
Der viel beredete teuerste deutsche Film aller Zeiten ist über weite Strecken gelungen und begeistert vor allem durch seine wirklich geniale Visualität, durch die Tykwer sein virtuoses Können beweist. Die Adaption des Erfolgsromanes zeigt jedoch besonders am Ende Schwächen, wo sich die Unverfilmbarkeit des Stoffes doch leicht offenbart. Besonders Ben Whishaw in der Hauptrolle weiß zu überzeugen, ein kleines Highlight ist sicherlich auch Dustin Hoffman in einer Gastrolle. Doch der sonst geniale Alan Rickman spielt leider manchmal etwas zu theatralisch, letztlich ist das aber Geschmackssache. Der Film ist dennoch außergewöhnlich und man sollte ihn auf jeden Fall gesehen haben, genau wie Tykwers andere Werke.
Sein neuer Film "The International" liegt logischerweise noch nicht vor.