Seattle 1963. Olivia Hawthornes Vater ist vor einigen Tagen verstorben, als die Einundzwanzigjährige aus Indien eine Kiste mit persönlichen Gegenständen einer Frau erhält. Die Kiste enthält ausserdem einen Brief, der Olivia die Geschichte ihres Vaters und die Liebesgeschichte ihrer Eltern erzählt. Vor allem aber lernt Olivia durch den Brief endlich ihre Mutter kennen, über die ihr Vater sich zeit seines Lebens in Schweigen gehüllt hatte:
Die erste Erzählebene wird von dem Brief eingenommen und erzählt von den Dingen, die sich während vier Tagen im Mai 1942 - im fiktiven - Fürstentum Rudrakot im Nordwesten Indiens zugetragen haben: Sam Hawthorne, Angehöriger der US-Armee, der sich dort für vier Tage aufhielt, um nach seinem vermissten Bruder zu suchen und dabei Mila, die Tochter des politischen Agenten des Rajas kennen- und in diesen vier Tagen lieben lernt (wie Sie sehen, ist der Titel also irreführend)...
Die zweite Erzählebene besteht aus Einschüben über Sam Hawthornes Zeit in Burma, die zeitlich einen Monat vor seinem Aufenthalt in Rudrakot liegt. Diese Einschübe erklären, wie Sam zu dem geworden ist, was ihn ausmachte.
Jedes Kapitel wird von Zitaten aus zeitgenössischen Berichten/Dokumenten eingeleitet, die in gewisser Weise das Geschehen im nachfolgenden Kapitel andeuten.
"Die Tochter des Rajas" ist in einer Zeit des politischen Umbruchs angesiedelt. Die britische Herrschaft in Indien beginnt bereits zu bröckeln und jeder der Hauptcharaktere ist auf die eine oder andere Weise davon persönlich betroffen: Sei es durch die rigiden Rassenschranken der Briten oder aber durch die ebenso starren Vorurteile oder Gebräuche der indischen Bevölkerung. Durch Milas und Sams Geschichte hat Sundaresan für mich den Beginn der indischen Unabhängigkeitsbewegung und das Ende des britischen Raj personifiziert. "Die Tochter des Rajas" unterscheidet sich darüber hinaus deutlich von den beiden Vorgängern: Zum einen ist der Zeitpunkt ein ganz anderer (17. Jahrhundert in den Vorgängern) und obwohl hier wieder eine Liebesbeziehung eine grosse Rolle spielt, ist der Hintergrund auch ein völlig anderer: Während in den beiden Vorgängern boten die Mogulherrscher einen faszinierenden Hintergrund boten, ist hier die langsam sterbende Kolonialherrschaft die Grundlage.
Sundaresan hat den Wechsel vom 17. in das 20. Jahrhundert m.E. wunderbar gemeistert. Mit "Die Tochter des Rajas" hat sie einen wortgewaltigen Roman über verschiedene Arten von Liebe und Betrug publiziert, der nicht nur wunderschön erzählt, sondern auch sehr bildhaft und informativ ist und dazu noch ungemein fesselt! Habe irgendwo gelesen, dass sie über eine Fortsetzung nachdenkt. Ich würde mich freuen, wenn sie sich dazu durchringen könnte!