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Die Tochter
 
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Die Tochter [Gebundene Ausgabe]

Maxim Biller
2.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (7 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Lesezeichen

Deutschland, bleiche Riesin

Kein «anständiger» Roman: «Die Tochter» von Maxim Biller

Eine der grausamsten biblischen Geschichten ist die von Abraham, der seine Gottesfurcht durch den Mord am eigenen Kind beweisen soll und einwilligt, seinen Sohn Isaak zu schlachten. Dessen Namen hatten unter den Nazis alle männlichen Juden als Stigma zu tragen – die «Itzigs», die im Holocaust, dem grossen Brandopfer, von den Deutschen ermordet wurden. Noch einmal 40  Jahre danach spielten die Nachfahren der Überlebenden in Libanon das «Itzig»-Wettspiel, ein mörderisches Kriegsvergnügen, bei dem die Geschicklichkeit darüber entscheidet, wessen Patrone die Gewehrkammer und damit das lebende Ziel erreicht.

«Was für eine Ausrede haben wir? Gar keine, verstehst Du, keine einzige! Wir waren verrückt, und wir werden zur Strafe unser Leben lang verrückt bleiben», schreibt später Eli, einer der beiden israelischen Soldaten, denen sich das Opfer durch einen Todessprung entzogen hat, an den andern, bevor er sich absichtlich vor die Kugeln der Hizbullah wirft. Der andere ist nach Deutschland gegangen und erleidet seine Strafe im Land der Täter, wo er selber zum Täter wird – an seinem Kind. Es ist Mordechai, kurz Motti, der Held des ersten Romans von Maxim Biller, der mit Erzählungsbänden wie «Land der Väter und Verräter» und als Streiter für eine «wirklichkeitsnahe», «journalistische» Literatur bekannt geworden ist.

Opfer und Täter

Kriegsgeschichten behandelt der Roman jedoch allenfalls als fragmentarische Symptome, denn es geht ihm nicht um deftige Krisenreportagen, sondern um einen historischen und existentiellen Zustand: die Verschränkung von Opfer und Täter. Ein grosser verzweifelter Monolog berichtet vom Dasein eines im friedlichen deutschen «Totenland» lebendig Begrabenen, von der Schuldkrankheit zweier Länder, zweier Generationen und eines Menschen, der seine Tochter zum Opfer macht, ohne dass es einen Gott gibt, dem man mörderischen Gehorsam schuldet. Seine Schuld ist die Liebe, seine Liebe ist ein Wahn, und sein Wahn ist die Strafe des äusseren und inneren Exils.

In der Rahmenhandlung sehen wir Motti ein Pornovideo anschauen. Dass er im Gesicht der jungen Darstellerin seine vor zehn Jahren verlorene Tochter wiederzuerkennen meint, hindert ihn nicht, den Streifen als «Vorlage» zu benutzen; am Ende wird er erkennen, dass seine kurze Befriedigung nicht bedeutet, dass alles gut ist. Der Kontext ist – auch im Roman – schnell erzählt. Motti hat nach seinem Libanon-Einsatz auf einem Flug von Tel Aviv nach Indien die Deutsche Sofie kennengelernt und ist ihr zum Entsetzen seiner Eltern – der Vater ist dem KZ entronnen, die Mutter pflegt solche wie ihn: traumatisierte israelische Soldaten – nach München gefolgt. Sofie, die sich mit raupenhaftem Autismus und hysterischer Gründlichkeit ihrem Studium und ihrer Karriere widmet, überlässt ihm die Erziehung des Kindes Nurit. Zwischen ihrer Kälte und Mottis kaputter Liebe wächst die Tochter auf, stumm und verstört, und Mottis Monolog enthüllt widerstrebend, dass er seine «Prinzessin», seine «Buba», mit Sofies halber Duldung missbraucht. Die Umstände der Trennung nach sieben Jahren bleiben im dunkeln. Es mehren sich die Zeichen, dass Mottis Kind längst tot, vielleicht gar von ihm selbst getötet worden ist.

Doch der traumatisierte Schänder macht sich zu einem phantasierten Gang in die sonntäglich öde Stadt auf, um seine Tochter vor ihren neuen Schändern zu retten und endlich mit ihr in sein Heimatland zu ziehen. Mottis Sonntag ist ein Trip durch die Erinnerung und durch die Imagination, durch die jüdisch-israelische Vergangenheit und die deutsche Gegenwart, ein Gang durch den Hades des Täterlandes mit dem ewigen Ziel der Rückkehr in das kriegszerrüttete Zion, und schliesslich ein paranoider Rechtfertigungsmonolog, ein Tanz auf der borderline zwischen pathologischem Abgrund und hellsichtiger Erkenntnis: «Wenn das alles hier kein Traum ist, dachte Motti unsicher, was ist es dann, und weil zu jedem Traum immer auch eine Wirklichkeit gehört, stellte er sich diese zur Probe nun vor . . . Doch kaum . . . öffnete sich der erste, noch hauchdünne Spalt im Parkett, begriff er, dass der Traum wahrscheinlich doch kein Traum war, und das verwirrte ihn um so mehr . . .»

Das Panorama, das Maxim Biller mit sinnlicher Exaktheit und frappierenden Sprachbildern, wenn auch in konventioneller Rollenprosa entfaltet, ist ein Netzwerk der Grenzüberschreitungen und Ambivalenzen. Motti hat eine gottverlassene Vertriebenenexistenz im Land der Täter gewählt und sucht vergeblich den Rückweg ins Land seiner Herkunft. Er war in den Krieg der Israeli verwickelt und leidet unter einem battle-shock- Syndrom. Zugleich ist er als Opfer-Abkömmling selbst ein Scheusal. Die Gleichgültigkeit des Landes, das der Judenvernichtung zusah, deckt nun in Gestalt seiner stumpf-phlegmatischen Frau Sofie das Verbrechen, das er an seinem Kind begeht. Die Tochter eines Nazi tritt zum Judentum über und gibt sich den Namen von Abrahams Frau (und weiblichen Nazi-Sammelnamen) Sarah; der Jude Motti arbeitet, obwohl areligiös, als Privatlehrer für Konversionswillige, und zwar ausschliesslich Frauen.

Die sexuelle Konnotation des Ausnahmezustandes zwischen Juden und Deutschen, die Mischung aus Hass und Liebe, Aufbegehren und Kriechen, findet sich nicht nur in der Geschichte vom Kindsopfer. Motti, als klein, schmal und dunkel beschrieben, trifft mit Sofie auf eine bleiche Riesin – «fast einen Kopf grösser als er, die Schultern wuchtig und breit, die Brüste gross wie zwei Kohlköpfe unter dem weiten Pullover, das Gesicht blass, fett . . .» Eine seiner Schülerinnen, ein Napola-Produkt, ist gross und drahtig, mit «schwer hängenden Brüsten und wulstigem Bauch», eine andere hat «ein Kreuz wie ein Mann und ein Gesicht wie ein germanischer Kriegsgott». Von Motti, der gegenüber Sofie masochistische Phantasien hegt, lassen sie sich sämtlich in stereotyp unterwürfiger Manier besteigen. Schon das Motto zitiert, darin befremdlich an die Peripherie des Themas zielend, das «erstickte Ächzen» eines durch eine Frau sexuell traktierten Mannes, so dass man zweifelt, ob hier nicht bloss plumpe Männerprojektionen die Bildebene erobern, die zunächst so überzeugend zwischen Israel und Deutschland aufgespannt wird: «Da, wo er herkam und wo er jetzt wieder hinwollte, war schliesslich alles viel kleiner . . . die Autos, die Hochhäuser, ja, das ganze Land war so klein, zart und alt . . . nicht so wie hier, wo gerade erst vor ein paar Jahren alles noch einmal doppelt so gross und grau und tot geworden war.»

Grosse Grübelei

Ambivalent ist daher auch das Ergebnis der Lektüre, die über manches Klischee stolpert und dennoch erschüttert. Man ist beeindruckt von dieser grossen Grübelei und dem unbeugsamen Ernst, mit dem Krankheit, Verbrechen und Erlösungswunsch eines Grenzgängers mit dem historischen Entsetzen verschränkt werden. Die Reise ins zerstörte Innere ist gesättigt von religiösem Hader, bis der Hiobsche Klagegesang in Jakobs Offenbarungstraum mündet: «Später . . ., in dem grellweissen Raum seiner Erinnerung, auf dem flüchtigen, ewigen Gang von einer der unendlichen Hallen zur nächsten, käme ihm in der Rückschau genau dieser Tag so lang und schön und mächtig vor wie ein ganzes Leben oder zumindest wie ein besonders erfülltes, berückendes Jahrzehnt.»

Vorher allerdings kommt ein verborgener Dritter zu Wort, ein Erzähler-Ich, das hin und wieder seinen Kopf aus den schwarzen Wellen des Mottischen Albtraums gestreckt hat. Er, der nächste Verwandte des Autors, «müde und traurig . . ., allein mit diesem fremden, erfundenen Unglück und Irrsinn», schreibt dieses Buch, «das ich vor meiner Abreise unbedingt beenden muss . . ., damit ich von Deutschland anständig Abschied nehmen kann». Anständig? Der Autor selbst hat als fleissiger Literaturdebattierer das markig-soldatische Wort offen normativ gebraucht, als er die populistische Forderung erhob, «anständige Romane» zu schreiben, die zu lesen seien «wie eine gute Reportage, ein prima Film». Dass er dieses «realistische» Ziel in seinem ersten Roman zugunsten der Reflexion einer wunden, zerrissenen Existenz verfehlt hat, ist ein grosser Gewinn.

Dorothea Dieckmann

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 18.03.2000
Eberhard Falcke lobt zunächst den "erzählerischen Drive" dieses Romans um einen Israeli, den es aus Liebe zu einer Deutschen nach Deutschland verschlägt. Aber dann meldet er auch erhebliche Zweifel an dem Buch an: Die Schwarzweißseherei Billers, der ja mehr als ein Zeitungspolemiker bekannt ist, schlägt nach Falcke ungünstig auf sein Buch durch: Was auch immer der arme Held erleide - Deutschland ist schuld. Alles Deutsche sei bei Biller tot und böse, der Autor erliege seiner "Lust aufs Vorurteil" und mit ihm sein erster Roman.

© Perlentaucher Medien GmbH

Marko Martin, Die Welt, 1.4.2000

"Und dann kommt dieser als journalistisches Rauhbein verschriene Maxim Biller und zeigt, wie man jenseits von Kitsch und Kalkül die Geschichte einer Vater-Tochter-Beziehung erzählen kann, die überdies eine verstörende, ungewöhnliche ist. ... (Er) hat einen ebenso einfühlsamen wie sprachmächtigen Roman geschrieben, den man nicht vergessen wird."

Thomas Wirtz, FAZ,1.3.2000

"Maxim Biller ist aus der zeilenerregenden Polemik in die große, weite Literatur gesprungen - und mit beiden Beinen sicher gelandet. Wenn bei diesem Buch noch jemandem der Atem stockt, dann ist es der Leser"

Matthias Altenburg, Die Woche, 17.3.2000

"Mir gefällt Maxim Billers neues Buch. ... weil es endlich mal wieder ein grosser, gesellschaftskritischer Roman ist, ein radikales, warmherziges, wichtiges Buch."

Hannes Stein, Rheinischer Merkur

"Ein Buch wie von Dostojewski".

Eberhard Falcke, Süddeutsche, 18.3.2000

"Ein rasanter und nie stockender erzählerischer Drive ... ein Temperament, dem Lachen und Weinen gleich nahe sind.

Rafael Seligmann, STERN 9.3.2000

"... was die meisten Märchenerzähler des Bazars haben und die wenigsten Germanisten besitzen: Erzählkunst."

Stephan Sattler, Focus, 20.3.2000

"Ein furios erzähltes Psychodrama ... hier tritt ein Erzähltalent zu Tage."

Kurzbeschreibung


Provozierend, verwirrend, eindringlich: Maxim Billers erster Roman
Die Geschichte einer verzweifelten Suche nach Erlösung - Motti, der Israeli, im München der 90er Jahre, das Drama seiner Ehe mit Sophie, seiner deutschen Frau, seine Liebe zu seiner Tochter Nurit und sein verzweifelter Kampf gegen die Gespenster seiner Vergangenheit in der israelischen Armee während des Libanonkrieges.
Eine Liebe in Deutschland - Maxim Billers erster, großer Roman erzählt die Geschichte von Motti, dem Israeli, der alles vergessen will, was er als junger Soldat im Libanonkrieg erlebt hat, und von Sophie, der Touristin aus Deutschland, die ihm helfen soll, in ihrer Heimat ein neues Leben zu beginnen. Doch zwischen Mottis Welt, der Welt seiner Eltern in Tel Aviv, die dem Holocaust entkamen, und Sophies deutschem Leben und deutscher Familie wächst eine Kälte, die Mottis Seele zu zerreißen droht. So flieht er in eine neue, gefährliche Liebe - die Liebe zu ihrer gemeinsamen Tochter Nurit ... In Maxim Billers Roman wird Mottis immer verzweifeltere Suche nach dem Glück, seine Sehnsucht nach Erlösung, als eine ergreifende Leidensgeschichte erzählt, die in einem einzigen Tag im hektischen München der 90er Jahre kulminiert. In verblüffenden Wendungen wird der Leser dabei vom Autor durch das Lebenslabyrinth seines Helden getrieben und in ein berückendes Spiel von Schein und Sein verwickelt. Ein moderner Großstadtroman ist so entstanden, ein Stück aufregender schwarzer Prosa, ein ganz eigensinniger Blick auf die Gegenwart dieses Landes durch das Auge der Literatur.Maxim Biller, geboren 1960 in Prag, lebt seit 1970 in Deutschland. Bisher sind von ihm die drei Erzählbände "Wenn ich einmal reich und tot bin" (1990), "Land der Väter und Verräter" (1994) und "Harlem Holocaust" (1998) erschienen sowie die Essaysammlung "Die Tempojahre" (1991).

Der Verlag über das Buch

»Ein Roman wie von Dostojewski.« Hannes Stein im ›Rheinischen Merkur‹

»Ein furios erzähltes Psychodrama.« Stephan Sattler im ›Focus‹

»So unauffällig wird Wirklichkeit widerrufen, so virtuos Liebe als Kehrseite des Selbsthasses vorgeführt, dass der Leser in seiner Aufmerksamkeit nicht nachlassen darf. Solcher Ernst ist schwer erträglich, und er ist ein Glück. Seine Entdeckung sollte man nicht anderen überlassen.« Thomas Wirtz in der ›Frankfurter Allgemeinen Zeitung‹

»Ein Roman, gegen den man manches einwenden kann und vieles einwenden wird: Dort werden Wörter gesteigert, die sich nicht steigern lassen; es gibt tausend Adjektive, die man getrost hätte streichen können; und manchmal gibt es einfach zu viel Sentiment. Aber das alles ist nicht so wichtig, weil wir es hier mit einem Buch zu tun haben, das nicht den literarischen Fortschritt befördern will, sondern eine ungeheure Geschichte erzählt.« Matthias Altenburg in ›Die Woche‹

»Biller weiß, welche Literatur Deutschland nötig hat. Das weiß er so heftig, dass sich der Literaturbetrieb rachehalber benimmt wie ein Rodeopferd und bockt. Nur: Biller kann verdammt gut reiten.« Christian Seiler im ›Profil‹

»Maxim Biller hat einen ebenso einfühlsamen wie sprachmächtigen Roman geschrieben, den man nicht vergessen wird.« Marko Martin in ›Die Welt‹

»Der Roman hat aufklärerische Züge und ist doch von einer gewissen Bitterkeit durchzogen. Kein frohes Buch, aber auch kein lauwarmes. Hier ziehen sich viele aus, letztlich auch der Autor. Dem Roman hat es nur genützt.« Thomas Kraft im ›Freitag‹ -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Umschlagtext

Dies ist die Geschichte einer großen Liebe. Dies ist die Geschichte eines großen Verbrechens. Dies ist die Geschichte von Motti Wind, dem Israeli, der glaubte, er könnte in Deutschland sein Glück finden. »Ein Roman wie von Dostojewski.« Hannes Stein, Rheinischer Merkur

Über den Autor

Maxim Biller, geboren 1960 in Prag, lebt seit 1970 in Deutschland. Bisher sind von ihm die drei Erzählbände »Wenn ich einmal reich und tot bin« (1990), »Land der Väter und Verräter« (1994) und »Harlem Holocaust«, KiWi 506 (1998) (alle Kiepenheuer & Witsch) erschienen sowie die Essaysammlung »Die Tempojahre« (1991).
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