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Deutschland, bleiche Riesin
Kein «anständiger» Roman: «Die Tochter» von Maxim Biller
Eine der grausamsten biblischen Geschichten ist die von Abraham, der seine Gottesfurcht durch den Mord am eigenen Kind beweisen soll und einwilligt, seinen Sohn Isaak zu schlachten. Dessen Namen hatten unter den Nazis alle männlichen Juden als Stigma zu tragen die «Itzigs», die im Holocaust, dem grossen Brandopfer, von den Deutschen ermordet wurden. Noch einmal 40 Jahre danach spielten die Nachfahren der Überlebenden in Libanon das «Itzig»-Wettspiel, ein mörderisches Kriegsvergnügen, bei dem die Geschicklichkeit darüber entscheidet, wessen Patrone die Gewehrkammer und damit das lebende Ziel erreicht.
«Was für eine Ausrede haben wir? Gar keine, verstehst Du, keine einzige! Wir waren verrückt, und wir werden zur Strafe unser Leben lang verrückt bleiben», schreibt später Eli, einer der beiden israelischen Soldaten, denen sich das Opfer durch einen Todessprung entzogen hat, an den andern, bevor er sich absichtlich vor die Kugeln der Hizbullah wirft. Der andere ist nach Deutschland gegangen und erleidet seine Strafe im Land der Täter, wo er selber zum Täter wird an seinem Kind. Es ist Mordechai, kurz Motti, der Held des ersten Romans von Maxim Biller, der mit Erzählungsbänden wie «Land der Väter und Verräter» und als Streiter für eine «wirklichkeitsnahe», «journalistische» Literatur bekannt geworden ist.
Opfer und Täter
Kriegsgeschichten behandelt der Roman jedoch allenfalls als fragmentarische Symptome, denn es geht ihm nicht um deftige Krisenreportagen, sondern um einen historischen und existentiellen Zustand: die Verschränkung von Opfer und Täter. Ein grosser verzweifelter Monolog berichtet vom Dasein eines im friedlichen deutschen «Totenland» lebendig Begrabenen, von der Schuldkrankheit zweier Länder, zweier Generationen und eines Menschen, der seine Tochter zum Opfer macht, ohne dass es einen Gott gibt, dem man mörderischen Gehorsam schuldet. Seine Schuld ist die Liebe, seine Liebe ist ein Wahn, und sein Wahn ist die Strafe des äusseren und inneren Exils.
In der Rahmenhandlung sehen wir Motti ein Pornovideo anschauen. Dass er im Gesicht der jungen Darstellerin seine vor zehn Jahren verlorene Tochter wiederzuerkennen meint, hindert ihn nicht, den Streifen als «Vorlage» zu benutzen; am Ende wird er erkennen, dass seine kurze Befriedigung nicht bedeutet, dass alles gut ist. Der Kontext ist auch im Roman schnell erzählt. Motti hat nach seinem Libanon-Einsatz auf einem Flug von Tel Aviv nach Indien die Deutsche Sofie kennengelernt und ist ihr zum Entsetzen seiner Eltern der Vater ist dem KZ entronnen, die Mutter pflegt solche wie ihn: traumatisierte israelische Soldaten nach München gefolgt. Sofie, die sich mit raupenhaftem Autismus und hysterischer Gründlichkeit ihrem Studium und ihrer Karriere widmet, überlässt ihm die Erziehung des Kindes Nurit. Zwischen ihrer Kälte und Mottis kaputter Liebe wächst die Tochter auf, stumm und verstört, und Mottis Monolog enthüllt widerstrebend, dass er seine «Prinzessin», seine «Buba», mit Sofies halber Duldung missbraucht. Die Umstände der Trennung nach sieben Jahren bleiben im dunkeln. Es mehren sich die Zeichen, dass Mottis Kind längst tot, vielleicht gar von ihm selbst getötet worden ist.
Doch der traumatisierte Schänder macht sich zu einem phantasierten Gang in die sonntäglich öde Stadt auf, um seine Tochter vor ihren neuen Schändern zu retten und endlich mit ihr in sein Heimatland zu ziehen. Mottis Sonntag ist ein Trip durch die Erinnerung und durch die Imagination, durch die jüdisch-israelische Vergangenheit und die deutsche Gegenwart, ein Gang durch den Hades des Täterlandes mit dem ewigen Ziel der Rückkehr in das kriegszerrüttete Zion, und schliesslich ein paranoider Rechtfertigungsmonolog, ein Tanz auf der borderline zwischen pathologischem Abgrund und hellsichtiger Erkenntnis: «Wenn das alles hier kein Traum ist, dachte Motti unsicher, was ist es dann, und weil zu jedem Traum immer auch eine Wirklichkeit gehört, stellte er sich diese zur Probe nun vor . . . Doch kaum . . . öffnete sich der erste, noch hauchdünne Spalt im Parkett, begriff er, dass der Traum wahrscheinlich doch kein Traum war, und das verwirrte ihn um so mehr . . .»
Das Panorama, das Maxim Biller mit sinnlicher Exaktheit und frappierenden Sprachbildern, wenn auch in konventioneller Rollenprosa entfaltet, ist ein Netzwerk der Grenzüberschreitungen und Ambivalenzen. Motti hat eine gottverlassene Vertriebenenexistenz im Land der Täter gewählt und sucht vergeblich den Rückweg ins Land seiner Herkunft. Er war in den Krieg der Israeli verwickelt und leidet unter einem battle-shock- Syndrom. Zugleich ist er als Opfer-Abkömmling selbst ein Scheusal. Die Gleichgültigkeit des Landes, das der Judenvernichtung zusah, deckt nun in Gestalt seiner stumpf-phlegmatischen Frau Sofie das Verbrechen, das er an seinem Kind begeht. Die Tochter eines Nazi tritt zum Judentum über und gibt sich den Namen von Abrahams Frau (und weiblichen Nazi-Sammelnamen) Sarah; der Jude Motti arbeitet, obwohl areligiös, als Privatlehrer für Konversionswillige, und zwar ausschliesslich Frauen.
Die sexuelle Konnotation des Ausnahmezustandes zwischen Juden und Deutschen, die Mischung aus Hass und Liebe, Aufbegehren und Kriechen, findet sich nicht nur in der Geschichte vom Kindsopfer. Motti, als klein, schmal und dunkel beschrieben, trifft mit Sofie auf eine bleiche Riesin «fast einen Kopf grösser als er, die Schultern wuchtig und breit, die Brüste gross wie zwei Kohlköpfe unter dem weiten Pullover, das Gesicht blass, fett . . .» Eine seiner Schülerinnen, ein Napola-Produkt, ist gross und drahtig, mit «schwer hängenden Brüsten und wulstigem Bauch», eine andere hat «ein Kreuz wie ein Mann und ein Gesicht wie ein germanischer Kriegsgott». Von Motti, der gegenüber Sofie masochistische Phantasien hegt, lassen sie sich sämtlich in stereotyp unterwürfiger Manier besteigen. Schon das Motto zitiert, darin befremdlich an die Peripherie des Themas zielend, das «erstickte Ächzen» eines durch eine Frau sexuell traktierten Mannes, so dass man zweifelt, ob hier nicht bloss plumpe Männerprojektionen die Bildebene erobern, die zunächst so überzeugend zwischen Israel und Deutschland aufgespannt wird: «Da, wo er herkam und wo er jetzt wieder hinwollte, war schliesslich alles viel kleiner . . . die Autos, die Hochhäuser, ja, das ganze Land war so klein, zart und alt . . . nicht so wie hier, wo gerade erst vor ein paar Jahren alles noch einmal doppelt so gross und grau und tot geworden war.»
Grosse Grübelei
Ambivalent ist daher auch das Ergebnis der Lektüre, die über manches Klischee stolpert und dennoch erschüttert. Man ist beeindruckt von dieser grossen Grübelei und dem unbeugsamen Ernst, mit dem Krankheit, Verbrechen und Erlösungswunsch eines Grenzgängers mit dem historischen Entsetzen verschränkt werden. Die Reise ins zerstörte Innere ist gesättigt von religiösem Hader, bis der Hiobsche Klagegesang in Jakobs Offenbarungstraum mündet: «Später . . ., in dem grellweissen Raum seiner Erinnerung, auf dem flüchtigen, ewigen Gang von einer der unendlichen Hallen zur nächsten, käme ihm in der Rückschau genau dieser Tag so lang und schön und mächtig vor wie ein ganzes Leben oder zumindest wie ein besonders erfülltes, berückendes Jahrzehnt.»
Vorher allerdings kommt ein verborgener Dritter zu Wort, ein Erzähler-Ich, das hin und wieder seinen Kopf aus den schwarzen Wellen des Mottischen Albtraums gestreckt hat. Er, der nächste Verwandte des Autors, «müde und traurig . . ., allein mit diesem fremden, erfundenen Unglück und Irrsinn», schreibt dieses Buch, «das ich vor meiner Abreise unbedingt beenden muss . . ., damit ich von Deutschland anständig Abschied nehmen kann». Anständig? Der Autor selbst hat als fleissiger Literaturdebattierer das markig-soldatische Wort offen normativ gebraucht, als er die populistische Forderung erhob, «anständige Romane» zu schreiben, die zu lesen seien «wie eine gute Reportage, ein prima Film». Dass er dieses «realistische» Ziel in seinem ersten Roman zugunsten der Reflexion einer wunden, zerrissenen Existenz verfehlt hat, ist ein grosser Gewinn.
Dorothea Dieckmann