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Die Tochter der Hündin: Roman
 
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Die Tochter der Hündin: Roman [Gebundene Ausgabe]

Pavlos Matessis , Birgit Hildebrand
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Krieg und Wahn

Pavlos Matessis' Roman «Die Tochter der Hündin»

Von Andreas Breitenstein

Seltsam, dass es eines Buchmessen-Schwerpunkts Griechenland bedarf, um den deutschsprachigen Lesern ein Werk wie Pavlos Matessis' «Die Tochter der Hündin» (1996) zugänglich zu machen. Nicht dass dieser Text über Krieg und Nachkrieg in der griechischen Provinz ein Meisterwerk europäischer Romankunst darstellte, doch ist die Lektüre von bleibendem Gewinn. Die griechische Prosa, kann man hier lernen, ist den Pantoffeln des Realismus längst entwachsen und hat in wesentlichen formalen Belangen Anschluss an die europäische Moderne gefunden. An Stoff wiederum fehlt es nicht in einem Land, das keineswegs nur marginal in die Blutmühlen des 20. Jahrhunderts geriet – durch eigenes Versagen wie durch fremde Schuld. Durch die Idee Grossgriechenlands, die sich als nationalistische Hybris entpuppte und in die erste grossflächige und systematische ethnischen Vertreibung der Moderne mündete: 1,4 Millionen Griechen mussten nach der Niederlage gegen die Türkei 1922 im Bevölkerungsaustausch ihre jahrhundertealten Siedlungsräume in Kleinasien verlassen. Sodann durch den Überfall der Deutschen 1941, die den Italienern nach deren Niederlage gegen die Griechen in Albanien zu Hilfe eilten und bis 1944 unter der Wirkung hartnäckigen Widerstands ein massives Terrorregime ausübten. Schliesslich durch den blutigen Bürgerkrieg nach 1945, in dem die autoritär-konservative, königstreue Rechte über die kommunistische Linke siegte und sich während des Kalten Krieges unter amerikanischer Protektion bis zum Sturz der Militärjunta 1973 die Demokratie gefügig zu machen wusste.

Pavlos Matessis, Jahrgang 1933, ist alt genug, die Tragödie des Weltkriegs zu ermessen, und zugleich genügend jung, um darin auch die Farce zu erkennen. Aus der Froschperspektive seiner Protagonistin betrachtet, verliert die Geschichte ihre Grösse: Das Erhabene erweist sich als das Lächerliche, das Heldische als das Feige, das Hehre als das Opportunistische. Epálxis heisst der Ort dieser Desillusionierung. Hier, im hinteren Winkel des Peloponnes, hat die Ich-Erzählerin Rubini («Raraú») Meskari ihre Kindheit verbracht, und hierher schweifen ihre Gedanken in ihren alten und – wie sich herausstellt – fortgeschritten verwirrten Athener Tagen. Es ist kein Blick zurück im Zorn, sondern im Triumph, es geschafft zu haben und als «Tochter eines in Albanien gefallenen Helden» sowie als ehemalige Schauspielerin des ihr grösstmöglichen Glücks teilhaftig geworden zu sein: einer doppelten Rente. Eine bescheidene Wohnung in der Hauptstadt nennt Raraú ihr Eigen, die Mutter hat sie ebenda beerdigt, und hier ist sie auch der Tyrannei der Intimität entkommen: «Ich habe keinen Menschen zu versorgen, zu lieben oder zu betrauern, ich habe einen Plattenspieler und Platten, hauptsächlich mit linken Liedern. Ich persönlich bin ja an sich königstreu, aber die Lieder der Linken gehen mir einfach zu Herzen. Ein Segen, dass ich glücklich bin.»

Abgrund von Einsamkeit

Hinter Ironie und Herzensschlichtheit tut sich ein Abgrund von Einsamkeit auf. Die Demütigung, die Mutter nach der Befreiung 1945 auf einem offenen Lastwagen kahl geschoren als Dirne und Kollaborateurin beschimpft und besudelt zu sehen, hat Raraú nicht verwunden. Der Schmerz geht so tief, dass es ihr die Erinnerung verschlägt, weshalb Pavlos Matessis – gänzlich quer zur Erzählkonstruktion – das fehlende Stück aus dem Off einspielen zu müssen meint. Doch auch die Mutter ist traumatisiert und verweigert fortan das Sprechen, und erst kurz vor dem Tod löst ihr der Verfasser um ein paar Offensichtlichkeiten willen die Zunge – und entzaubert so seine Figur ohne Not. Nicht anders ergeht es dem unter rätselhaften Umständen 1940 in Albanien kriegsverschollenen Vater, der spät noch in Athen auftaucht. Aus der Überfigur des Innereienmetzgers wird ein banaler Deserteur, der es sich in einer neuen Familienexistenz hat wohl sein lassen. Es ist der Hang des Autors zum Füllen von Leerstellen, der dem Roman viel von seiner poetischen Aura nimmt.

Die Schuld der Mutter ist keineswegs eindeutig. Angesichts der Kindermäuler, die sie allein zu stopfen hat, greift sie eines Tages aus christlich-moralischer Überzeugung zum Lippenstift – wobei sie zu einem der italienischen Carabinieri, mit denen sie sich nicht ohne Sinn für Stil einlässt, wirkliche Zuneigung fasst. Der Bauch hat Hunger und das Herz Gründe, die der Patriotismus nicht kennt, und wo der Pope privilegierte Beziehungen zur Stadthure Rita unterhält, ist es mit der allgemeinen Moral ohnehin nicht weit her. Rita, die sich gegenüber wechselnden Macht- und Bedürfnislagen flexibel zeigt, erweist sich als zeitlose Instanz der Amoral. So ist ihr Bordell eines der ersten Gebäude der Stadt, die nach 1945 mit Marshallplan-Geldern instand gestellt werden. In den besseren Kreisen Epálxis' wiederum hasst man die Partisanen, empfängt italienische Offiziere und führt ihnen die eigenen Töchter zu. Dass sich nach dem Abzug der Deutschen der Volkszorn vornehmlich an den Kleinen austobt, weist voraus auf das Machtkartell, das für Jahrzehnte den Gang der griechischen Dinge bestimmen wird.

«Die Tochter der Hündin» lebt von einer subtilen Ironie und der ebenso bewegenden wie anschaulichen Schilderung des Menschlich-Allzumenschlichen in zerrütteter Zeit. Von Not, die erfinderisch macht (weshalb die griechische Fahne schon mal als Unterwäsche dienen muss). Von Hunger, der enthemmt, von Liebe, die verbindet (ausgerechnet eine im Widerstand aktive Nachbarin zeigt Verständnis für Raraús Mutter), und von Glauben, der satt macht (dank der dick geschnittenen Brot-Hostie). Vom Tod, der sein Handwerk rasend schnell oder quälend langsam erledigt. Von Italienern, die den Krieg vornehmlich als Schürzenjagd betreiben, während es die Deutschen auf Gründlichkeit und Prinzipientreue abgesehen haben (wovon die zerschmetterte Hand von Raraús Bruder zeugt) . . . All dies fügt sich zu einem Gespinst von Figuren und Episoden, in dem die Orientierung nicht immer leicht fällt. Unter der balkanischen Fülle der Geschichten bricht zuweilen der erzählerische Spannungsbogen ein.

Weg der Regression

Raraú ist dem Unheil nicht gewachsen. Körperlich ist sie zurückgeblieben, seelisch (und in ihrer kindisch-kindlichen Volks- und Königstreue auch politisch) geht sie den Weg der Regression. Zu mehr als einer Statistenkarriere bei Wandertheatern reicht es ihr nicht, die Liebe bleibt ihr versagt. Mit der Tristesse ihres Daseins wächst ihr Geltungsdrang: Auf das eigene Schauspieltalent bildet sie sich ebenso viel ein wie auf ihren Sex-Appeal (dass ein medizinisches Gutachten sie am Ende als Jungfrau ausweist, ist eine Überflüssigkeit mehr im Buch). Über Kollaboration und Korruption gibt sie sich umfassend informiert – nur aus Angst, die Rente zu verlieren, schreckt sie zurück vor der grossen Denunziation. Der Leser braucht ihre expliziten Eingeständnisse nicht, um zu erkennen, dass Raraú eine Aufschneiderin, ja Lügnerin ist. Und dennoch scheint ihr Wahn stilistisch zu wenig akzentuiert: Zu gepflegt ist die Sprache, zu behäbig die Syntax, zu unentschlossen der Monolog, als dass die Welt wirklich ins Rutschen gerät. So bleibt das (von Birgit Hildebrand im Übrigen vorzüglich übersetzte) Buch literarisch stecken zwischen Ismail Kadarés mythisierender «Chronik in Stein» und Josef Škvoreckýs ätzenden «Feiglingen».

Wer das Feld der Ehre bestellt, wird Tote ernten, und so ist in allzu heroischen Zeiten der Dumme immer auch der Kluge. Raraús nationalistische Begriffsstutzigkeit indes ist etwas gar offensichtlich auf Provokation angelegt: «Ich pfeif doch darauf, dass die Nation besiegt worden ist. Ist das etwa das erste Mal, dass ihr das passiert?» – «Ich gebe doch keinen Furz darauf, ob Griechenland stirbt . . . Griechenland ist doch wie die Mutter Gottes: keiner von uns kriegt es je zu Gesicht. Nur die Verrückten und die Betrüger sehen es. Dagegen meine Eier im Kühlschrank, die kann ich sehen.» Patriotismus findet da seine Grenze, wo Gleichheit, Freiheit und Recht missachtet werden. Es ist der Bürgerkrieg und die damit verbundene Hetzjagd auf alles Linke, die Raraú die «Befreiung» in Anführungszeichen setzen lässt. Ihr (seltsamerweise auktorial erzählter) Wegzug mit der Mutter nach Athen allerdings, wo ein von einem Krüppel bewohnter Gefechtsunterstand ihre Bleibe sein wird, erweist sich als illusorische Erlösung von der Provinz – verdankt er sich doch einem Politiker aus Epálxis, der in der Hoffnung auf eine nationale Karriere seine Wählerschaft mit dem Versprechen auf Gratiswohnungen gleich lastwagenweise in die Kapitale lockt.

«Die Tochter der Hündin» bietet eine hellsichtige Parabel von Krieg und Wahn und darüber hinaus ein kaum bekanntes, aber auch desillusionierendes Stück Zeitgeschichte. Die Würde des Menschen bleibt den Verstorbenen vorbehalten – und solchen wie Raraú, die ihnen bereits im Leben ähnlich werden. Raraús «Mitgift besteht aus einem Häufchen Toter», in nichts erkennt sie sich besser als im verhungerten Hühnchen, das sie als Kind im Lehmboden unterm Familienbett begrub. Es bestätigt die antike Weise: dass es das Beste sei, nicht geboren zu sein; das Zweitbeste aber, so schnell wie möglich wieder von dieser Erde zu verschwinden.

Pressestimmen

Endlich: das Meisterwerk des griechischen Autors Pavlos Matessis auf Deutsch. Alexander von Bormann, Die Welt, 25.8.2001

Kurzbeschreibung

Griechenland zur Zeit der deutschen Besatzung: Der Vater ist im Krieg in Albanien verschollen, die Mutter bleibt mit drei Kindern zurück, die sie kaum vor dem Hungertod retten kann. Bis sie eines Tages mit einem italienischen Offizier ein Verhältnis beginnt, damit er ihr Geld und Essen gibt. Daß sie deswegen als "Besatzerhure" beschimpft und öffentlich gedemütigt wird, läßt sie verstummen, so daß nun die Tochter ihre Geschichte erzählt: das Schicksal zweier Frauen in unerhörte Bilder und Szenen gefaßt.

Über den Autor

Birgit Hildebrand, 1944 geboren, studierte in München und Tübingen Philologie, lehrte an der Universität Thessaloniki und lebt jetzt als freie Übersetzerin in Berlin. 2001 erhielt sie den griechisch-deutschen Übersetzerpreis.

Auszug aus Die Tochter der Hündin. von Pavlos Matessis. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Meine Mutter hatte ihr Haar gelöst, es fiel ihr fast bis zur Taille, die schönen Haare hab ich von ihr. Sie ging zum Ausguß und fing an, es sich mit der Schneiderschere zu kürzen, wir sahen ihr dabei zu. Und als sie fertig war, säuberte sie den Ausguß, flocht die abgeschnittenen Haare zu einem Zopf, warf sie in den Mülleimer und meinte zu mir, lauf rüber zu Fräulein Salome und sag, ich bitte sie, mir ihren Lippenstift zu leihen. Meine Mutter hatte sich noch nie im Leben geschminkt. Bis zu jenem Nachmittag. Und auch nachher nicht mehr. Nur einmal bemalten sie sie mit Ruß, damals, als sie sie in aller Öffentlichkeit herumzeigten, als wir gerade befreit worden waren. Bei ihrer Beerdigung vorvoriges Jahr habe ich ihr in dem Moment, als man sie hinunterließ, gerade noch meinen Lippenstift zuwerfen können. Damit ich auch einmal meinen Willen bekam. (...) Ich gehe zu Fräulein Salome, sie leiht mir den Lippenstift gerne. Gottlob hatte sie ihn gerade bei sich zu Hause, denn es war Winter. Im Sommer bat sie die Leute im Kafenío weiter unten, ihn für sie im Eisschrank aufzuheben, damit er nicht zerfloß. Das Geheimnis hab ich mir von ihr abgeguckt, gesegnet sei sie, als ich in den Beruf eintrat und mit auf Tournee ging: ich machte dem Kafeníobesitzer im jeweiligen Dorf schöne Augen und brachte ihm meine Kosmetika, da hatten sie allerdings schon elektrische Kühlschränke, keine mehr mit Eis. Auch heutzutage bewahre ich meinen Lippenstift immer im Kühlschrank auf. Ich hole also den Lippenstift von Fräulein Salome und bringe ihn neugierig meiner Mutter. Die färbte sich die Lippen, das gekürzte Haar stand ihr sehr gut, aber das war ihr nicht bewußt. Sie schlüpfte in den Mantel, ich komme sofort wieder, sagte sie zu uns, wartet. Und wahrhaftig kam sie sofort wieder, mit entschlossenem Gesicht. Hört zu, meinte sie, jetzt kommt gleich ein Herr hierher. Ihr geht dann raus, und in einer halben Stunde rufe ich euch. Los, spielt im Hof. Wenn es tröpfelt, geht ihr eben in den Abort oder in die Kirche. Und sie füllte die Waschschüssel mit Wasser und legte ein sauberes Handtuch zurecht. Wir gingen hinaus und brachen uns ein paar Triebe von einem Rosenstock von Frau Kanéllo, schälten sie ab und verzehrten sie und sagten, ach, wann kommt endlich der Sommer, dann essen wir Rebentriebe, die schmecken viel bes-ser, die von den Rosen sind so süßlich. Und versteckten uns hinter der Mauer, weil wir sahen, daß nicht irgendein griechischer Herr unser Haus betrat, sondern der Italiener Alfio von der Carabineria. Fräulein Salome stand auf dem Balkon und hängte am Abend so ein bißchen Wäsche auf, um Himmels willen, Adriána, komm schnell und schau, rief sie. Also kam auch Frau Adriána heraus, und Fräulein Salome rief uns zu, Mensch, die machen eine Haussuchung bei euch, aber ihre Schwester meinte, halt doch den Mund, Salome, urteile nicht, und schob sie nach drinnen. Weil uns der Hunger auch mit den Rosentrieben nicht vergangen war, wurde es uns langweilig, und wir schlüpften in die Kirche. Später sahen wir dann Herrn Alfio die Straße entlangkommen, und danach rief uns die Mutter, Kinder, kommt jetzt, und wir gingen ins Haus. Meine Mutter schob eine Waschschüssel mit Schmutzwasser unters Bett und sagte zu mir, deck den Tisch. Und sie legte Brot auf den Tisch, das heißt, eine Pagnotta, und Margari-ne und eine Dose Tintenfisch. Wir bekreuzigten uns, aßen richtig gut, bis nur noch Krümel übrig waren. Darauf stand Sotíris vom Tisch auf, zog die Serviette ab und meinte zur Mutter, du bist eine Hure. Die Mutter sagte nichts, und ich stand auf, um mich auf ihn zu stürzen, und verdrosch ihn, danach machte er die Tür auf und ging fort. Ich habe ihn achtundzwanzig Jahre später zufällig in Piräus wiedergesehen, er redete nicht mit mir, seither hab ich ihn nicht mehr gesehen. Meine Mutter sah ihn überhaupt nie mehr wieder und machte auch keinen Versuch, ihn zu sehen. Jedenfalls deckte ich an jenem Abend den Tisch ab, und wir schliefen herrlich, gesättigt, und außerdem lagen Fanúlis und ich bequemer, zwei in einem Bett sind besser als drei. Bevor wir ins Bett gingen, fragte ich, Mama, wollen Sie, daß ich das Schmutzwasser aus der Waschschüssel weggieße? Nein, sagte sie, das ist meine Aufgabe. Und bedankte sich bei mir. Von jenem Abend an begann ich sie zu siezen, bis zu ihrem Tod. Sogar jetzt rede ich sie bei meinen Besuchen an Allerseelen immer noch mit Sie an.
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