Nur selten hat man das Glück eine Perle unter den Neuerscheinungen historischer Romane zu finden. Kirsten Schützhofers Erstlingswerk "Die Tochter des Advokaten", bereits 2005 im Bertelsmann Club unter dem Titel "Die Farbe der Revolution" veröffentlicht, ist so eine Perle, ein farbenprächter historischer Roman, der das gewisse Mehr echten Tiefgangs aufweist.
Die Revolution frisst ihre Kinder.
Ihre Kinder sind das Findelkind Sophie Fouquet und der Aristokrat Jules de Montfort, die sich während der Anfänge des revolutionären Aufbruchs im Paris des 18. Jahrhunderts ineinander verlieben.
Ihre Kinder sind das Geschwisterpaar Daniel und Adrienne de Vergnieux, deren Schicksal sich in den Wirren der französischen Revolution noch enger miteinander verknüpft.
Ihr Kind ist Pierre Lemaire, der Bastard, der nur in der Veränderung der bestehenden politischen Situation eine Zukunft für sich selbst sieht.
Vor dem Hintergrund der französichen Revolution erzählt uns Kirsten Schützhofer vom Schicksal dieser Figuren und zeigt deren Entwicklung und Veränderung in Zeiten des politischen Umbruchs. Freundschaft und Idealismus, Loyalität und Verrat, Hoffnung und Liebe, Kampf und Leiden, Gesetz und Gerechtigkeit sind die wesentlichen Facetten dieses vielschichtigen Romans.
In chronologischer Ordnung stellt die Autorin 25 Jahre der für die Entwicklung der Menschenrechte in der Welt maßgeblich gewordenen französischen Zeitgeschichte von 1769 - 1794 dar. Behutsam wird der Leser mit den wesentlichen Charakteren und den sie prägenden Erlebnissen bekannt gemacht. In kurzen Kapiteln fügen sich Szenen und Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven wie die einzelnen Tupfer eines impressionistischen Bildes oder eines Gobelins zu einer farbenprächtigen und facettenreichen Darstellung der damaligen Zeit zusammen. Die häufigen Perspektivwechsel erfordern zwar eine hohe Aufmerksamkeit beim Leser, werden aber nicht anstrengend. Vielmehr bieten sie für den Leser interessante Möglichkeiten des Einlebens in die Geschichte und des Weiterdenkens, so wie man bei einem Bild plötzlich mit der Lupe ein Detail besonders betrachtet, um dann wieder zum Gesamteindruck zurückzukehren, oder so wie man beim Schauspiel oder Film in eine Szene eingeblendet wird, um dann wieder aus ihr herauszutreten. Kirsten Schützhofer erklärt ihre Charaktere nicht bis ins letzte Detail, sondern sie erzählt dem Leser gerade genug, um ihm noch Freiraum zu lassen über die Charaktere nachzudenken und diesen damit in gewisser Weise eine Eigenleben zu ermöglichen. Auch bei den Dialogen der Protagonisten bleibt vieles im Raum stehen oder zwischen den Zeilen verborgen. Aber gerade dieser Erzählstil führt dazu, dass die Protagonisten besonders lebendig und authentisch wirken. Emotionen jeglicher Art werden von der Autorin sensibel, eher schlicht, nüchtern und frei von Kitsch ein- und umgesetzt und erhalten so eine ergreifende Tiefe. Mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit webt Kirsten Schützhofer aus Dialogen, Beschreibungen und erzählenden Passagen das Bild einer Zeit im Umbruch.
Neben den überzeugenden Charakteren und der spannenden Handlung, beeindruckt Kirsten Schützhofer mit akribischer Recherche, die sich in Details wie Beschreibungen von Kleidung, Möbel und Landschaften niederschlägt, sich aber vor allem bei der Schilderung der politischen Umwälzungen und ihrer Wirkung auf und in der Bevölkerung zeigt. Mit großer Sprachversiertheit und erzählerischem Talent werden dem Leser die Wirren und Schrecken der Revolution und das Leid der zu dieser Zeit lebenden Menschen bildhaft vor Augen geführt.
Die für Dezember angekündigte Taschenbuchausgabe "Die Tochter des Advokaten" soll laut Verlagsmeldung gegenüber der Bertelsmann-Ausgabe unter dem Titel "Die Farbe der Revolution" um für den Leser hilfreiche Anhänge wie ein Glossar und eine Zeittafel ergänzt werden. Warum der Titel gegenüber der gebundenen Ausgabe des Bertelsmann Club geändert wurde, ist mir unklar und unverständlich. Meines Erachtens passt der Titel "Die Farbe der Revolution" sehr gut zum Inhalt des Romans, während der Titel "Die Tochter des Advokaten" eher in die Irre führt.
"Die Farbe der Revolution" war mein Highlight des historischen Romans 2005 und wird von mir sicher aufgrund der vielen schönen und nachdenkenswerten Passagen wieder gelesen werden! Schön, dass der Diana-Verlag diesen sehr empfehlenswerten historischen Roman, dem ich gerne noch einen sechsten Amazon-Stern geben würde, jetzt unter dem Titel "Die Tochter des Advokaten" als Taschenbuch herausbringt!
Ich wünsche der Autorin Kirsten Schützhofer weiterhin viel Erfolg und hoffe, dass bald ein neues Werk von Ihr erscheinen wird!