David Litchfield hat ein Buch geschrieben, von dem erstaunlich ist, dass es in Deutschland eine so, nennen wir es, verhaltene Aufnahme gefunden hat. Denn sein Stoff ist nicht nur spannend, sondern auch von hoher Brisanz: Der Aufstieg des Hauses Thyssen zu einer führenden Industriedynastien in Deutschland, aber auch die Verwicklung in geradezu unglaublich anmutende Kriegsverbrechen.
Dass ausgerechnet der englische Klatschjournalist eine solche profund recherchierte Biographie vorlegt, ist dabei erstaunlich. David Litchfield nämlich, der eine oder andere mag sich noch erinnern, war in den sechziger und siebziger Jahren der Herausgeber von 'Ritz Newspaper' in London, einer der, wie viele Fans noch heute schwärmen, schönsten Zeitungen aller Zeiten. Es war für 'Ritz', dass David Litchfield den steinreichen Erben Heini Thyssen-Bornemisza kennenlernte, sich mit ihm anfreundete, den Auftrag für eine Biographie erhielt und im Verlaufe der damit einhergehenden Interviews über Monate bei ihm gewohnt hat. Die Biographie sollte ursprünglich die Geschichte der berühmten Gemäldesammlung aufzeigen, die nach einem langen und von vielen europäischen Ländern intensiv geführten Bieterwettbewerb schließlich von Lugano nach Madrid umzog. Aber diese Geschichte mitsamt ihren familiären Streitigkeiten ist so kompliziert, dass der SPIEGEL schon vor zehn Jahren ehrfürchtig von den astronomischen Anwaltskosten von damals rund 230 Millionen DM raunte, die die Familienangehörigen im gegenseitigen Streit verbraucht hatten.
Fast im Nebenschluss stieß Litchfield bei seinen Recherchen noch auf einen der dunkelsten Punkte der Familiengeschichte: das sogenannte 'Rechnitz Massaker', bei dem gegen Ende des Zweiten Weltkrieges auf einem der Familienschlösser mehr als 200 jüdische Zwangsarbeiter erschossen wurden ' angeblich als Partyvergnügen bei einer Abendgesellschaft der Gräfin Margit von Batthyány, einer Tochter von August Thyssen. Dieses Verbrechen wurde erst vor drei Jahren in vielen großen europäischen Zeitungen, so auch der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Die österreichische Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jellinek widmete der grausigen Geschichte sogar ein Theaterstück ('Rechnitz (Der Würgeengel)'), das Ende 2008 in München uraufgeführt wurde.
Durch diese mit vielen unglaublichen Details sehr plastisch gezeichnete Unternehmensgeschichte des Hauses Thyssen führen David Litchfield und seine deutsche Koautorin Caroline Schmitz. Das Buch ist anstrengend, man kann es kaum in einem lesen, weil ständig neue Querverbindungen auftauchen und weitere Stränge in der überaus komplizierten Familiengeschichte der Thyssens die Aufmerksamkeit beanspruchen.
Aber als Biographie einer der wichtigsten Industrie-Dynastien des Landes ist das Buch von hohem Wert und liest sich über weite Strecken spannend wie ein Kriminalroman.