Ich lese eigentlich kaum noch historische Romane, weil es sich fast immer um Kostümbücher handelt. Da werden moderne Frauen in einen Reifrock gesteckt, hübsche Kulisse drumrum, das Ganze nennt sich historischer Roman, dabei benimmt sich die Heldin wie Cindy aus der Karaoke-Bar mit CK1 unter den rasierten Achseln. Nicht so die Helden von Ralf Günther. Die schwitzen, stinken, huren, sind gefangen in den Zwängen des 19. Jahrhunderts und bewegen sich tatsächlich nur innerhalb der Grenzen, die ihnen die damalige Zeit gesteckt hat. Und wenn jemand ausbricht, wie Marie und Ida Gräfin Hahn-Hahn, dann geht das nicht mit einem Lächeln sondern mit Tragik und Opfern.
Die Schauspielerin Marie verkauft sich und ihren Körper um sich durchzuschlagen und wird immer wieder von Männern abhängig gemacht, obwohl sie es emotional niemals ist. Ständig muss sie um ihre Würde kämpfen und oft einfach nur vor roher Gewalt kapitulieren. Heute würde eine Frau wie sie als erstes einen Selbstverteidigungskurs machen. Mit Marie hat Ralf Günther eine anrührende tragik-komische Figur geschaffen, die mein Herz berührt. Sie macht eine hart erkämpfte Entwicklung durch von einer unterdrückten Frau, die ihren Körper verkaufen muss um zu überleben, bis zu einer selbstbewussten, selbstbestimmten Frau. Ida, reiche Gräfin und Salonschriftstellerin, ist völlig unabhängig, sowohl finanziell als auch ideell. Sie bereist, für die damalige Zeit äußerst ungewöhnlich, den Orient und entdeckt dabei nicht nur eine fremde Kultur sondern auch ihren eigenen Körper.
Die Erzählstränge beider Frauen werden nebeneinander bis zum spannenden Schluss, an dem sie sich miteinander verbinden, geführt.
Ralf Günther zeichnet mit seinem vorzüglich recherchierten Roman ein Gesellschaftsbild des glanzvollen, förmlichen, prüden 19. Jahrhunderts. Der Erzählstil ist der Salonliteratur angepasst und sehr treffend.
Übrigens gibt es zu den Recherchen einen wunderbaren Begleitbildband: Zeitreise in den Orient.