"Die Terroristen" ist der letzte der zehn Krimibände um Kommissar Martin Beck. Wie in den meisten Krimis des Zyklus, so stehen auch hier zunächst verschiedene ungelöste Fälle nebeneinander, zwischen denen sich dann ein unvermuteter Zusammenhang findet. Um es gleich zu sagen: Der Zufall wird hier ein wenig über Gebühr strapaziert.
Im wesentlichen geht es einerseits um den Mord an einem Porno-Produzenten, und andererseits um die Vorbereitungen für einen Staatsbesuch, bei dem mit einem Attentat gerechnet werden muss -- man rechnet damit, dass die Terror-Organisation ULAG einige Leute nach Stockholm geschleust hat -- eine extrem gefährliche Terror-Organisation mit einem undeutlichen politischen Ziel, der es um weltweite Festigung extrem rechter Ideologie geht. Nebenbei: 1975 klang das noch utopisch; aus heutiger Sicht liest es sich prophetisch; man braucht nur die zugrunde liegende Ideologie etwas modifizieren...
Zurück zum Krimi: Während sich die Fahndung nach dem Mörder des Porno-Produzenten etwas zäh liest und auch das Umfeld dieser Ermittlung allzu viele Sozialklischees bemüht, hatten die Autoren bei der Darstellung der vorbeugenden Maßnahmen gegen die Terroristen eine glückliche Hand -- gerade weil eigentlich lange nichts passiert. Man wird abwechselnd über die Maßnahmen des Terrorkommandos und die Überlegungen von Martin Beck und seinen Kollegen informiert, weiß aber nicht, wie sie handeln werden (das soll hier auch nicht verraten werden). In alten Ausgaben heißt es im Vorspann, sie "sollen ein Attentat verhindern, verhindern ein Attentat und können ein Attentat nicht verhindern". Das trifft's am besten.
Die eigentlichen Highlights dieses Bandes sind jedoch ausgerechnet die komischen Passagen und die schrägen Charaktere einiger bekannter und bisher unbekannter Nebenfiguren. Während Martin Beck immer ein wenig blutleer wirkt, gewinnen seine Kollegen noch einmal Profil: Gunvald Larssons ausgesuchte Garderobe wird zwar regelmäßig im Dienst ruiniert, diesmal aber ganz besonders spektakulär; man bekommt einen ausführlichen Bericht von Einar Rönn zu lesen und weiß nun endgültig, nachdem man den Lachanfall wieder halbwegs im Griff hat, dass der gute Rönn nie ein Mann der Feder sein wird; und Lennart Kollberg kommentiert die Gefährlichkeit eines Miniatur-Revolvers, wie ihn vor 100 Jahren Damen im Muff mitführten, prophetisch mit den Worten, man könne damit vielleicht aus 20 cm Entfernung einen Kohlkopf treffen, wenn der stillhalte.
Klasse ist auch die Gerichtsverhandlung im ersten Kapitel, die zur reinen Farce wird, und wo ein gewisser Rechtsanwalt Braket (genannt Blab-Bla-Braket) einen herrlichen, wortgewaltigen Großauftritt hat, der in einem "Worte fliegen auf, der Sinn hat keine Schwingen" und ähnlich treffsicheren Breitseiten gipfelt.
Einen Gala-Auftritt erlebt schließlich die "Klotzkopf-Brigade", eine Ansammlung der allerunfähigsten Stockholmer Polizisten (die Leser kennen sie alle aus den früheren Bänden). Larsson hat sie aufgelistet, um sie während des Staatsbesuchs vorsichtshalber unter Verschluss zu halten. Pech für den Chef des Staatsschutzes, dass er diese Liste in die Finger bekommt, die Überschrift "SK" falsch interpretiert -- "SK" bedeutet "sämtliche Klotzköpfe" und nicht "spezielles Kommando" -- und nun ihre Helden mit einer besonders diffizilen Aufgabe betraut...
Was fast immer bei Sjöwall und Wahlöö gilt, gilt auch hier: Die Plots sind spannend, einige Figuren hinreißend, und die Slapstick-Einlagen sind mehr als gelungen. Zwar ist der politisch mahnend erhobene Zeigefinger der Autoren penetrant und stört, Rhea Nielsens political correctness (gab's diesen Begriff damals schon? -- rhetorische Frage) ebenfalls. Und insgesamt ist's doch ein überdurchschnittlicher Krimi, den zu lesen sich auch nach über 30 Jahren unbedingt lohnt.
Susanne Dahmanns Neuübersetzung liest sich flüssig, allerdings keineswegs deutlich flüssiger als ihr altehrwürdiger Vorgänger von Ekkehard Schultz.
Auch die Neuübersetzung kommt nämlich öfter mal stelzbeinig daher, und nicht immer ist die alte Version steifer; im Gegenteil: So steht jetzt fast durchweg "besitzen", wo es stilistisch korrekt "haben" heißen müsste; Städte "besitzen" nun einmal keinen Hafen. Wenn das das einzige Manko wäre, ginge es an. Aber immer wieder stoße ich mich an sprachmodischen Torheiten; ich sag nur "nichtsdestotrotz", "nicht wirklich" und "Ich denke, dass..." Einen "Knallkopf" durch einen "Klotzkopf" zu ersetzen, gehört allerdings nur in die Rubrik Geschmackssache... Hinzu kommt die Gretchenfrage: Müssen Ermittler von 1972 reden wie (vielleicht!) ihre Kollegen 30 Jahre später? Dass obendrein ein korrekt benanntes "Muster ohne Wert" zur interpretationsdürstenden "wertlosen Probesendung" wird, ist ganz einfach peinlich. Die Dialoge sind in Dahmanns Übersetzung lebendiger, aber der Preis dafür war recht hoch.
Aber zum Glück ist nicht alles schlechter als früher: Zum Beispiel heißt der anno dunnemals abwechselnd "Sicherheitspolizei" und zwei Absätze danach "Säkerhetspolisen" genannte Staatsschutz jetzt auch durchweg so, und viele Dialoge sind, wie gesagt, lebendiger, näher dran an der Sprache. Übersetzungstechnisch steht es also unentschieden zwischen Schultz und Dahmann.
Wie bei allen neuen Übersetzungen der Serie darf auch diesmal ein schwedischer Krimi-Autor ein würdigendes, aber zum Glück nicht vor Ehrfurcht erstarrtes Vorwort beitragen; diesmal hat Anne Holt das Wort. Ihre Reflexionen über die Ursachen von Terrorismus scheinen mir zwar etwas arg stereotyp; ein wenig klingen sie wie eine Diskussion im Grundkurs "Gemeinschaftskunde". Aber vielleicht sehe ich das ja zu eng; lesenswert ist Holts Nachwort allemal. Und der Krimi ist auf jeden Fall lesenswert, egal in welcher Übersetzung. Nach oben gerundete dreieinhalb Sterne also.