Wem bei dem Gedanken an China zwar Begriffe wie "große Mauer, grüner Tee, Tempel und Tai Chi" einfallen, sich aber bisher nicht genauer mit diesem hoch interessanten Land und seiner Kultur beschäftigt hat, dem sei der Roman "Die Tempelglocken von Shanghai" von Hong Li Yuan empfohlen. Der Autor erzählt anschaulich, lebendig und detailgenau die Geschichte des kränklichen Jungen Da Lee, der in Zeiten der Kulturrevolution seinen Weg sucht und Hilfe sowie väterliche Fürsorge beim Meister Yun, Fe findet. Dieser führt ihn in die Heilkunst des Qi Gong - der Energiearbeit - ein und verhilft ihm dadurch zu seelischer und körperlicher Gesundheit. Da Lee kommt zur Armee nach Xinjiang, sucht dort seinen geliebten Meister, der vor einiger Zeit Shanghai verlassen hat und erlebt seine erste romantische Liebe mit dem kasachischen Mädchen Oigulie. Wenn Hong Li Yuan einfühlsam schreibt, dass Da Lee in Oigulies blaue Augen schaut und darin wie in einem See ertrinkt, dass ihr Anblick ihn fasziniert wie "ein wunderschönes Bild, von einem guten Maler gemalt", dann trifft es einen wahrlich mitten ins Herz.
Einige Jahre später zurück in Shanghai versucht sich Da Lee in der ihm fremd gewordenen Stadt aufs Neue zurechtzufinden. Immer wieder wird der Leser dabei überrascht, auf welch ungewöhnliche Weise der junge Mann auch schwierige Situationen in seinem Leben meistert. Und sehr oft wird dabei sein Alltag trotz aller Widrigkeiten durch eine ganz banale Vorliebe zu einem Festtag - Da Lee isst sehr gerne! Und auch der Autor scheint diese Vorliebe fürs Essen zu teilen: Er macht uns die Lektüre schmackhaft und lässt uns das Wasser im Munde zusammenlaufen, indem er verschiedene traditionelle chinesische Gerichte wie "Bao Ze", "Wan-Tans" oder "Mandarinfisch" in ihrer Zubereitung sehr ausführlich und sinnlich beschreibt. So ist dieses Buch nicht nur fürs Herz, sondern auch für den Bauch eine Wohltat!
Trotz der gänzlich fremden und andersartigen Kultur kann man sich bei diesem Roman in so vielen kleinen Alltagserlebnissen, Träumen und Sorgen Da Lees wiederfinden. Er zeigt dem Leser, wie wichtig es ist, auch in Zeiten des Zweifels und der persönlichen Misserfolge immer etwas Positives zu finden und seinen Weg so gut wie möglich weiterzugehen.
Obwohl gerade erst zu Ende gelesen, verspüre ich das starke Bedürfnis, dieses Buch auch ein zweites und drittes Mal zur Hand zu nehmen um es mit wieder ganz anderen Augen zu lesen und mit dem Herzen zu spüren - es tut der Seele gut!