Bauleiterin Linda Hinrichs arbeitet an einer Plattenbausiedlung. Sie steht zwischen dem großen Ideal möglichst schnell die Wohnungen fürs Volk fertig zu stellen und dem persönlichem Glück. Zwei Männer werben um ihre Gunst, der Baubrigadier Hans Böwe und der Studenten Daniel. Doch beide können die selbstbestimmte und selbstbewusste Frau nicht dauerhaft für sich gewinnen. Alle drei Protagonisten sind Idealisten und haben dennoch die Hoffnung auf ein kleines privates Glück. Heidemarie Wenzel als Bauleiterin Linda Hinrichs schwebt unnahbar und distanziert durch den Film. Günter Naumann als Baubrigadier Hans Böwe wirkt gleichzeitig kraftvoll und verletzlich. Er ist die große tragische Figur des Filmes, an der sich die Zensur vor allem rieb. Als Gegensatz zu ihm steht der junge Andreas Gripp als Student Daniel: ungestüm, kompromisslos.
Diese kurze Zusammenfassung erinnert sofort an den großartigen unvollendeten Roman von Brigitte Reimann "Franziska Linkerhand", der 1974 posthum veröffentlicht wurde. Auch hier steht eine junge Architektin auf einer Plattenbaustelle im Mittelpunkt. Auch sie voller Ideale und von Männern umgeben. Thema und Zeitnähe beider Stoffverarbeitungen, werfen die Frage auf, ob sich Brigitte Reimann und Iris Gusner kannten oder ob das Thema damals so allgegenwärtig war, dass es verarbeitet werden musste. "Franziska Linkerhand" wurde übrigens erst 1981 von Lothar Warneke unter dem Titel "Unser kurzes Leben" verfilmt. Lothar Warneke vollendete auch den Stoff von Iris Gusners zweitem, kurz nach Beginn der Dreharbeiten gestoppten Films "Einer trage des anderen Last".
In den Spuren der Nouvelle Vague
Die Taube auf dem Dach beginnt mit schwerelos schwebenden Kosmonauten in einer engen Raumkapsel und mit einem Raketenstart. Der folgende Titel zieht von den Geräuschen unterstützt, wie ein Zug vorüber. Später kommt er aus verschiedenen Richtungen, wie Vögelschwärme über dem Himmel einer Großbaustelle. Daniel auf einer Überschlagsschaukel. Irgendwann wird er sich natürlich den Hals brechen" sagt sein Vater. Der Schauspieler Andreas Gripp sollte einige Jahre nach den Dreharbeiten tödlich verunglücken. Der Weltraum als Gegensatz zum profanen Alltag mit seinen banalen Problemen. Auf der Großbaustelle muss Daniel "Sand schippen", dabei interessiert ihn doch das Jahr 2000.
Die offene Erzählstruktur wird beibehalten und in ein offenes Ende überführt. Dabei wirkt der Film von der Nouvelle Vague inspiriert. Eine Aneinanderreihung von Motiven und Szenenbildern, die nicht handlungsfördernd, aber von hohem ästhetischem und emotionalem Gehalt sind. Ein stummes junges Pärchen taucht immer wieder auf - ein ironischer Bruch oder ein billiger Running Gang? - Für mich definitiv ersteres. Während die drei Hauptprotagonisten aufgrund ihrer intellektuellen oder persönlichen Hemmungen glücksunfähig sind, wird hier die einfache Alternative gezeigt, die ohne Worte und Ansprüche auskommt. Der Besuch in der Weihnachtskugelfabrik von Daniels Vater wird plötzlich zum philosophischen Exkurs über Freiheit und Unfreiheit. Auch die Einbindung der Musik ist modern und unkonventionell. Neben arabischer Musik und Rock aus einem Kofferradio, bekommt man auch Jazz und eine eigenartige deutsche Version des Gefangenenchors aus Nabucco zu hören. Der Film wirkt trotz dieser offenen Dramaturgie, fragmentarisch. Immerhin handelt es sich um eine Arbeitskopie. Dass der Film nun statt wie ursprünglich farbig, schwarz-weiß ist, gibt dem Film eine gewisse Erhabenheit und Distanz.
Ein absolut sehenswerter Film, der sowohl inhaltlich, als auch formal besticht.