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Die Tapetentür: Roman
 
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Die Tapetentür: Roman [Taschenbuch]

Marlen Haushofer
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 208 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Dezember 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423191058
  • ISBN-13: 978-3423191050
  • Größe und/oder Gewicht: 18,6 x 12 x 1,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)
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Marlen Haushofer
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Hinter Wänden

Marlen Haushofer zwischen Dämonie und Idylle

Von Günther Stocker

Mit ihren düsteren Innenansichten zur Lebenswelt von Frauen in den fünfziger und sechziger Jahren ist die österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer (1920–1970) nach ihrem Tod zu einer Kultautorin des Feminismus avanciert. In ihrem Erzählwerk, dessen Lektüre auch heute noch lohnt, durchdringt sich die Katastrophe des weiblichen Alltags mit jener der Geschichte.

«Es stimmt nicht», schreibt Marlen Haushofer im Jahr 1952 an ihren Freund und Förderer Hans Weigel, «dass ich nicht idyllisch sein will. Ich möchte sehr gern, aber das wäre gelogen.» Und lügen wollte die am 11. April 1920 in einem kleinen oberösterreichischen Dorf als Maria Helena Frauendorfer geborene Autorin auf keinen Fall. Im Gegenteil. Illusionslos und exakt beschreibt sie in ihren Romanen und Erzählungen die bürgerliche Welt der Nachkriegszeit, und da gab es wahrlich wenig Anlass zu Idyllen. Die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs war noch ganz nahe, aber in Österreich machte man sich schon eifrig ans Vergessen. Die Männer, die den Krieg überlebt hatten, drängten wieder auf ihre Arbeitsplätze und trieben ihre Frauen zurück an den Herd. Deren Entfaltungsmöglichkeiten waren in den Zeiten des «Weiblichkeitswahns» (B. Friedan) der fünfziger Jahre durch enge Rollenmuster festgelegt: Hausfrau und Mutter oder «Sexbombe», am besten beides in einer Person.

Wohl bei keiner anderen Autorin wird so oft Staub gewischt, Boden geschrubbt und Geschirr abgewaschen wie bei Marlen Haushofer. Und wohl bei keiner anderen Autorin sind die Protagonistinnen so endgültig in ihrer tristen Alltagswelt eingesperrt. Mit grosser Sensibilität spürt Haushofer den dadurch zerstörten Träumen, den erlittenen Verletzungen und Erniedrigungen nach und denkt sie bis zur unvermeidlichen Katastrophe zu Ende.

DOPPELLEBEN

Von vielen damaligen Rezensenten wurden die Leiden ihrer Frauenfiguren als Überempfindlichkeit oder gar als psychische Störungen gelesen, dabei verkannten sie die Tatsache, dass hier eine Autorin nicht von der Ausnahme, sondern von der alltäglichen Wirklichkeit zwischen den Geschlechtern schrieb. Die konsequent weibliche Perspektive, die heute noch einen wesentlichen Reiz von Haushofers Literatur ausmacht, konnten oder wollten sie nicht sehen. In der späteren Rezeption ihrer Werke gibt es dann die Tendenz, in den geschilderten Schicksalen die Abrechnung der Autorin mit dem eigenen Hausfrauendasein zu sehen. Sie war seit 1941 mit dem Zahnarzt Manfred Haushofer verheiratet, hatte zwei Kinder und musste fallweise auch noch in der Praxis des Mannes aushelfen. In den Briefen und Tagebuchaufzeichnungen ist immer wieder davon die Rede, wie sehr sie die Hausarbeit belastete, vor allem weil sie ihre schriftstellerische Tätigkeit behinderte. Marlen Haushofer musste ein Doppelleben führen und fand neben der Versorgung des kränkelnden Ehemannes und dem Grossziehen der Söhne selten die Ruhe fürs Schreiben. Und nur hin und wieder konnte sie aus der Provinzstadt Steyr bei Linz, in der sich die Haushofers 1947 niedergelassen hatten, nach Wien fahren, um dort wenigstens sporadisch am intellektuellen Leben teilzunehmen.

Aber weit mehr als autobiographische Bewältigungsliteratur liefern die Bücher Haushofers eine präzise Innenansicht der Lebenswelt von Frauen in den fünfziger und sechziger Jahren, deren Lektüre auch heute noch äusserst lohnend ist. In diesem Jahr jährte sich ihr Todestag zum dreissigsten und ihr Geburtstag zum achtzigsten Mal, und eine Reihe neuerer Publikationen bietet die Gelegenheit, Leben und Werk der Autorin kennen zu lernen. So sind vor kurzem eine Biographie (von Daniela Strigl) und ein Band mit Texten und Briefen aus dem Nachlass (herausgegeben von Liliane Studer) erschienen, und Haushofers zweiter Roman, «Die Tapetentür», aus dem Jahr 1957 wurde bei Zsolnay neu aufgelegt.

Die Beschränkungen, auf die weibliche Lebensentwürfe in der Nachkriegszeit stiessen, verkörpern sich bei Haushofer in allgegenwärtigen Wänden. Die Protagonistinnen schliessen sich in abgelegene Zimmer ein («Die Mansarde», 1969), verbringen Stunden vor dem geschlossenen Fenster («Wir töten Stella», 1958) oder ersinnen imaginäre Fluchtwege («Die Tapetentür»). Die Wände haben dabei eine ambivalente Funktion. Einerseits sind sie Zeichen für die Einsamkeit und die Ausgrenzung der Frauen in einer ihnen fremden Welt. So heisst es bereits im ersten Roman Haushofers («Eine Handvoll Leben», 1955) über die Heldin: «Eine unsichtbare Wand hatte sich zwischen sie und alle Dinge geschoben und liess ihre Sinne ertauben.»

Andererseits bieten diese Wände auch Schutz. Wie in einen Kokon ziehen sich die Protagonistinnen vor der Aussenwelt zurück: «Eine Tür hinter sich zusperren, was konnte es schon Besseres geben?» «Ein Zimmer für sich allein», nannte das Virginia Woolf seinerzeit. Entfremdung und Rückzug sind bei Haushofer jedenfalls keine Folge privater Empfindlichkeiten, sondern Reaktionen auf eine feindliche Gesellschaft, in der die Gerichte Unrecht produzieren, Kinder in grauen Betonstädten aufwachsen, wo der Lärm der Technisierung und die atomare Bedrohung des Kalten Krieges allgegenwärtig sind. «Es ist nicht auszudenken, wie eng und armselig wir die Welt gemacht haben», schreibt sie in «Die Mansarde», ihrem letzten Roman, den sie, schon schwer an Knochenkrebs erkrankt, kurz vor ihrem Tod fertigstellte. Im Vergleich zur engagierten Literatur der sechziger Jahre bleiben Gesellschaftsanalyse und Zivilisationskritik hier freilich sehr allgemein, die Formulierung traditionell. Doch Marlen Haushofer konnte auch wesentlich radikaler sein.

In ihrem erfolgreichsten und von ihr selbst als am gelungensten empfundenen Roman, «Die Wand» (1963), nimmt Marlen Haushofer die metaphorischen Trennwände wörtlich. Eine Frau in mittleren Jahren möchte mit ihrer Cousine und deren Mann ein paar Ferientage in einer abgelegenen Jagdhütte verbringen. Nachdem das Ehepaar von einem Ausflug ins nächste Dorf nicht mehr zurückgekehrt ist, macht sich die Ich-Erzählerin auf die Suche und stösst plötzlich gegen eine unsichtbare Wand, die sie in dem Talkessel einschliesst. Ausserhalb ist alles Leben tot, innerhalb muss die Protagonistin von nun an als weiblicher Robinson um ihr Überleben kämpfen. Die Wand ist Lebensretterin und Käfig zugleich. Als mutmassliche Folge eines Atomkriegs bzw. eines militärischen Experiments ist sie aber auch die Materialisierung eines zerstörerischen Gesellschaftsprinzips.

Die faszinierende Story und die gesellschaftspolitische Aktualität dieses Romans in den friedensbewegten achtziger Jahren führten bei seiner Neuauflage 1983 zu einer Haushofer-Renaissance. Die Frauenbewegung entdeckte die fast vergessene Autorin für sich und diskutierte sie so interessiert wie kontrovers. In der Folge wurden auch Haushofers andere Texte neu aufgelegt, ihre Leserschaft verbreiterte sich, und mit Erstaunen wurde festgestellt, wie hier eine Provinzschriftstellerin aus Österreich einen ganz und gar eigenständigen Diskurs zur Geschlechterfrage geführt hatte.

Über die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen machte sich Marlen Haushofer keine Illusionen: «Nur weil die halbe Menschheit mit tierischem Ernst Wache steht vor ihrer Brut, ist es der anderen Hälfte möglich, sich mehr oder weniger überflüssigen, aber sicher höchst anregenden Spielereien hinzugeben.» Dementsprechend beschäftigen sich die Männer in ihren Texten vor allem mit ihrer Arbeit, diskutieren über Fussball oder lesen Bücher über historische Schlachten. Sie bleiben den Erzählerinnen ein Rätsel und erscheinen ihnen als grosse, seltsame Tiere, oft gefährlich und vor allem unfähig zur Liebe. Für Frauen interessieren sie sich nicht wirklich, für deren Körper allerdings schon, wie Annette in «Die Tapetentür» feststellt: «Gregor weiss nichts von mir, weil nichts ihn interessiert, was über mein erotisches Verhalten hinausgeht, nichts, was er nicht im wahren Sinn des Wortes mit Händen greifen kann.»

HELLSICHTIGKEIT

Das Provozierende bei der Lektüre von Haushofers Romanen ist die Hellsichtigkeit, mit der die Protagonistinnen ihre bedrückende Lage erkennen, und die totale Resignation, mit der sie sich darin ergeben. Annette weiss von Anfang an, dass ihre Beziehung mit Gregor scheitern wird, dass er sie betrügen wird, dass sie es bitter bereuen wird, ihre Gefühle einem Mann so schutzlos preisgegeben zu haben, und trotzdem lässt sie sich darauf ein. Männer und Frauen bleiben sich letztlich unüberwindbar fremd, und keine der Protagonistinnen kann sich aus ihrer desperaten Lage befreien. Mit einer Ausnahme: Als in dem abgeschlossenen Gebirgstal, in dem die Erzählerin von «Die Wand» ihr einsames Leben führt, plötzlich ein Mann auftaucht und ihren Stier sowie ihren Hund erschlägt, tötet sie ihn kurzerhand. Die mühsam erarbeitete Autonomie der Frau kann nur in einer Welt ohne Männer funktionieren, so die provokante These des Textes.

Marlen Haushofer selbst hingegen hat sich mit ihrer gespaltenen Existenz als Hausfrau und Schriftstellerin abgefunden. Obwohl ihre Ehe in die Brüche geht, verlässt sie ihren Mann selbst nach der Scheidung im Jahr 1950 nicht. In Steyr treten die beiden weiterhin als Ehepaar auf, und sie führt nach wie vor den Haushalt. Acht Jahre später heiraten sie erneut. Haushofer leidet, aber bricht nicht aus. In dem bereits erwähnten Brief an Weigel schreibt sie: «Ich steh auf einem Platz, auf den ich nicht gehöre, lebe unter Menschen, die nichts von mir wissen. (. . .) Je älter ich werde, desto klarer sehe ich, wie hoffnungs- und ausweglos wir alle verstrickt sind, und ich bin froh für jeden, der nie zu Bewusstsein kommt.»

Diese Düsterkeit schlägt sich auch in einer kalten und leidenschaftslosen Sprache nieder. Mit derselben Unbarmherzigkeit, mit der die Welt die Erzählerinnen behandelt, sprechen diese über sich und ihr gescheitertes Leben. Dabei gelingen oft Bilder von eindringlicher poetischer Kraft. Hin und wieder allerdings wird die obsessive Selbstanalyse der Figuren geschwätzig und sprachlich ungenau. Marlen Haushofer schrieb ihre Texte fast in einem Zug und überarbeitete sie nur ungern. Für sie war der Akt des Schreibens wichtiger als das fertige Produkt. Nur hier tat sich eine Gegenwelt zu ihrer ungeliebten Hausfrauenexistenz auf: «Eigentlich kann ich nur leben, wenn ich schreibe», vertraut sie 1967 ihrem Tagebuch an.

Die von Feministinnen angemerkte Frage, inwieweit das stille Dulden von Haushofers Heldinnen nicht auch Mittäterinnenschaft bedeutet, hat sie in ihrer Novelle «Wir töten Stella» – neben «Die Wand» sicher der literarisch ausgefeilteste Text der Autorin – eindeutig beantwortet. Die Ich-Erzählerin verfolgt Schritt für Schritt, wie ihr Mann die naive achtzehnjährige Stella, die sie vorübergehend in ihrer Familie aufgenommen haben, verführt und dann im Stich lässt. Die junge Frau kommt darüber nicht hinweg und begeht Selbstmord. Die Novelle beginnt, als alles schon vorbei ist, und für die Ich-Erzählerin ist klar, dass nicht nur die sexuelle Gier und emotionale Kälte ihres Mannes das Mädchen in den Tod getrieben haben, sondern auch ihr eigenes tatenloses Zusehen. Darin liegt die makabre Pointe des Titels.

In diesen lebensgeschichtlichen Dramen lässt sich auch eine spezifische Geschichtserfahrung ablesen. Wie bei Ingeborg Bachmann scheinen in den individuellen Traumata die historischen durch. Nicht so deutlich wie bei ihrer grossen Zeitgenossin, aber doch klar erkennbar ist bei Marlen Haushofer die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs in allen Texten präsent. Die Erzählerin der Mansarde verortet die Ursache der «Verrücktheit, die meine ganze Generation befallen hat», in «Ereignissen, denen wir nicht gewachsen waren. (. . .) Zeiten, die ich im Luftschutzkeller verbrachte und er im Schützengraben.» Die Spannung zwischen Erinnern und Vergessen, die fast alle Romane und Erzählungen Haushofers bestimmt, ist eben nicht nur eine Frage der individuellen Befindlichkeit, sondern eines der entscheidenden Themen der europäischen Nachkriegsgeschichte. Ihre Protagonistinnen können nichts verdrängen, weder die gesellschaftlichen Katastrophen noch das verlorene Glück der frühen Kindheit.

Marlen Haushofer schaffte es nicht, aus der engen Welt ihres bürgerlichen Lebens auszubrechen, sie konnte aber auch nicht vergessen, was geschehen war. Im zitierten Brief an Hans Weigel sagte sie, dass es eine Lüge wäre, in Zeiten wie diesen Idyllen zu schreiben, und fügt dann hinzu: «Gerade diese Mischung von Dämonie u. Idylle, auf die ich unentwegt stosse, bereitet mir das grösste Unbehagen u. fasziniert mich zugleich. Vielleicht wäre es meine Aufgabe, gerade das glaubwürdig zu gestalten.» Dass sie diese Aufgabe gelöst hat, davon legt ihr Werk eindrucksvoll Zeugnis ab. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 15.07.2000
Im dreißigsten Todesjahr der Autorin ist ihr Roman "Die Tapetentür" in einer Neuausgabe erschienen. Günther Stocker kommt in seinem ausführlichen Porträt Marlen Haushofers auf diesen Roman zu sprechen. Wir in vielen ihrer anderen Romane sehe die Protagonistin sich hier mit einer Wand konfrontiert. Diese sei im Werk der Autorin stets Zeichen für Ausgrenzung und Schutz zugleich. Im "eigenständigen Diskurs zur Geschlechterfrage", den das Werk Haushofers darstellt, erscheinen Männer stets als verständnislos; was sie an der Frau nicht "mit Händen greifen" können, interessiere sie nicht. Das Verstörende an den Romanen der Autorin (mit Ausnahme von "Die Wand") sei, dass aus der Einsicht der Heldinnen in ihre verzweifelte Lage kein Impuls zur Befreiung erfolge. Dafür könne auch die Hauptfigur von "Die Tapetentür" beispielhaft stehen: sie gehe ihre Beziehung bereits im Bewusstein des letztlichen Scheiterns ein.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

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Kundenrezensionen

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
18 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Regt zum Nachdenken an 15. Oktober 2004
Von Mareike VINE™-PRODUKTTESTER
Format:Sondereinband|Von Amazon bestätigter Kauf
Wie auch in ihren anderen großartigen Romanen beschreibt Marlen Haushofer auch hier wieder das Leben einer Frau, die trotz Gesellschaft innerlich immer einsam bleibt.
Annette löst sich aus ihrer Beziehung mit dem Intellektuellen Alexander, der immer alles so kompliziert sieht. Annette ist nicht glücklich, empfindet sich selbst nicht als "typisch weiblich" und ist damit unglücklich.
Dann lernt sie Gregor kennen und stürzt sich Hals über Kopf in eine Beziehung und Ehe mit ihm. Doch schnell entpuppt sich das schöne neue Leben als Farce, und Annette ist wieder unglücklich und fühlt sich allein. Als sie schwanger wird, wird ihr immer klarer, dass Gregor nicht sie, sondern das Kind liebt, während sie selbst Schwierigkeiten hat, sich in die Mutterrolle einzufinden.
Und so wird Annette immer einsamer, ihre gesellschaftlichen Pflichten sind ihr egal, und sie sehnt sich danach, der Wirklichkeit zu entfliehen. In ihren Träumen tritt sie durch eine Tapetentür in das Paradies ihrer Kindheit - doch als diese Tür sich für immer schließt, muss Annette ihr Leben wieder neu ordnen. - Ob sie glücklich werden kann, bleibt offen, aber sehr schön und gewohnt traurig zeigt Marlen Haushofer, wie schwer es sein kann, sich gesellschaftlichen Regeln unterzuordnen, wenn man sie nicht nachvollziehen kann - und wie unglücklich man wird, wenn man versucht, sich in eine bestimmte Rolle "hineinzuleben", ohne von ihr überzeugt zu sein.
Regt sehr zum Nachdenken an. Ein wunderschönes Buch.
War diese Rezension für Sie hilfreich?
24 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Die Tapetentür 11. Februar 2003
Von Ein Kunde
Format:Sondereinband
Der Roman „Die Tapetentür" handelt von der 30- jährigen Bibliothekarin Annette, die ein einsames Leben führt. Als sie sich in einen Mann verliebt und ein Kind erwartet heiratet sie. Die Geschichte wird zum Teil aus einer auktorialen Erzählperspektive und zum Teil in Form von Annettes Tagebucheinträgen erzählt. Das Werk besteht vor allem aus Annettes Reflexionen aber sich selbst, ihr Leben, ihren Alltag und anderen Menschen. Immer wieder treten auch gesellschaftliche und philosophische Fragen auf.
Zu Beginn des Romans ist Annette immer wieder vom Leben überfordert und es scheint, als wäre sie sehr oft unglücklich. Sie arbeitet gern als Bibliothekarin, ist aber häufig erschöpft, schläft viel und die Gesellschaft anderer Menschen strengt sie an. Am liebsten ist die Protagonistin allein. Bisher war sie nie wirklich verliebt und hatten nur kurze Liebesaffären. Als junge Frau ist sie trotzdem eine kurze Ehe eingegangen, die durch den Tod des Mannes beendet wurde.
Im Laufe der Zeit lernt sie Dr. Gregor Xanther kennen und wird zum ersten Mal von der Liebe „überfallen". Er steht mit beiden Beinen fest im Leben, lebt für seine Arbeit aber auch für Genuss und Leidenschaft. Annette erlebt sich durch die Liebe zu ihm und durch die Schwangerschaft als einen neuen Menschen. Sie gibt die Wohnung auf um zu ihm zu ziehen zugleich auch ihre Arbeit. Annette ist lebendiger und emotionaler als früher. Gleichzeitig bleibt sie aber eine scharfe Beobachterin und Kritikerin ihres eigenen Lebens und sieht die Mängel und Schwächen ihrer Liebesbeziehung deutlich. Sie fühlt sich in ihrer neuen Rolle als Mutter ungeeignet und dazu kommt, dass sie ihr Mann betrügt. Sie spricht nicht darüber, da sie versucht es hinzunehmen im Glauben nichts ändern zu können. Dieses Leid zu ertragen empfindet sie als ihr Los. Sie versucht sich gegen ihre zunehmende Anlehnungsbedürftigkeit zu wehren und sich nicht so sehr von ihrem Mann abhängig zu machen, was ihr aber kaum gelingt.
Das Kind, das Annette erwartet, stirbt bei der Geburt. Die Distanz der Eheleute wird unüberbrückbar. Ihr Mann ist nicht fähig, ihr in dieser Lage zu helfen. Annette ist mit ihrem Onkel, der seit ihrer verwaisten Kindheit ihre liebste Bezugsperson ist, auf Erholung in Italien. Annette ist verzweifelt und spielt mit dem Gedanken sich selbst das Leben zu nehmen. Ihrem Onkel zuliebe tut sie dies aber nicht. Am Ende der Geschichte ist sie hoffnungslos und resigniert. Die Frau vernichtet ihr Tagebucht und damit einen Teil ihrer selbst und sieht für sich nur noch die Möglichkeit, ein schmerzvolles und unerfülltes Leben, so wie ihres jetzt ist, zu ertragen.
War diese Rezension für Sie hilfreich?
3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Sondereinband
Marlen Haushofers zweiter Roman, erschienen 1957, besticht durch seine fein gewobene Sprache und die tiefsinnigen, hochgeistigen Reflexionen der Hauptprotagonistin. Die Geschichte wird in der dritten Person, aus der Perspektive Annettes erzählt, ergänzt durch ihre Tagebuchaufzeichnungen. Trotz des weit zurückliegenden Erscheinungsdatums ist dieses Buch immer noch ausgesprochen lesenswert.
Schon früh hat Annette ihre Eltern verloren, die Mutter stirbt als sie zwei Jahre alt ist, der Vater flieht nach Südamerika, auf der Suche nach Identität und Lebenssinn und stirbt frühzeitig im Exil. Als einzige Bezugspersonen bleiben ihr Onkel Eugen, den sie zärtlich liebt und seine Frau, die strenge Tante Johanne. Sie erzieht Annette nach dem gesellschaftlichen Frauen-Kodex der Fünfzigerjahre. Auch Johanne stirbt vor der Zeit. Annette wächst im bürgerlichen Milieu Wiens zu einer jungen Frau heran, die trotz vieler Liebschaften, umgeben von Freunden und Bekannten, seelisch vereinsamt. Der monotone Ablauf ihrer Affären langweilt sie, immer wieder enttäuschen die Männer ihre Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit. Eine dieser lustlosen Beziehungen ist Alexander, ein immer komplizierter denkender Intellektueller. Als er einen vielversprechenden Auslandsjob erhält, lässt sie ihn widerstandslos ziehen, so, wie er es von ihr erwartet hat.
Sie lernt den vitalen Anwalt Gregor kennen, in den sie sich rasend verliebt. Er erscheint ihr als das Urbild des idealen Liebhabers. Schon bald bittet er um ihre Hand. Annette willigt ein, wird schwanger und hofft, endlich ein normales" Leben an der Seite eines geliebten Mannes führen zu können. Sie kündigt ihre Wohnung und gibt ihm zuliebe ihren Beruf als Bibliothekarin auf. Aber auch in dieser Beziehung findet sie kein Glück. Für Gregor ist sie nur Besitz, er interessiert sich ausschließlich für ihren Körper, ihre Erotik, aber nicht für den Menschen Annette. Trotz des ehelichen Lebens, bleiben die beiden einander fremd.

Zitat:
Gregor weiß nichts von mir, weil ihn nichts interessiert, was über mein erotisches Verhalten hinausgeht, nichts, was er nicht im wahrsten Sinn des Wortes mit Händen greifen kann."

Die Einsamkeit Annettes steigert sich während der Schwangerschaft ins Unendliche, Gregor bleibt nächtelang fort, betrügt sie, sie weiß davon und erträgt es dennoch schweigend. Im Traum flüchtet Annette durch eine Tapetentür. Ein gelber Hund, dem sie als kleines Mädchen das Leben gerettet hat, erscheint ihr und trägt sie an die Orte ihrer Kindheit. Sie begegnet ihrem (verdrängten)Vater und erlebt sich wieder als kleines Mädchen, auf seinem Schoß sitzend und lauscht seinen fantastischen Tier-Geschichten.
Unmittelbar danach erleidet Annette eine Totgeburt, das Kind erstickt an seiner Nabelschnur. Gregor ist nicht fähig, ihr in dieser Situation zu helfen, die Beziehung ist am Ende, die Entfremdung der Eheleute schreitet weiter voran. Annette ist körperlich und seelisch entkräftet, sinnentleert denkt sie an Selbstmord. Sie vernichtet ihr Tagebuch und zerstört damit bewusst einen Teil ihres Selbst.
Auf Einladung ihres geliebten Onkels Eugen fährt sie zur Erholung nach Italien, um sich von den Strapazen zu erholen. Ihm zuliebe führt sie den geplanten Suizid nicht aus, behält sich aber dennoch diese Option vor. (Quasi als letzte Rettung aus der Einsamkeit.)

Dieser (Frauen?)Roman hat mich außerordentlich beeindruckt. Er ließ mich trotz seiner melancholischen Grundstimmung gestärkt zurück, ist schönsprachlich, tiefsinnig, und enorm einfühlsam geschrieben. Aus jeder seiner Zeilen tropft Weisheit. Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen.
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