Dieses Buch ist eine ganz gemeine, hinterlistige Attacke auf alle Menschen, die nostalgisch veranlagt sind.
Es wird zwar keine Geschichte erzählt aber dafür tausend kleine Geschichtchen und am Ende meint man, man wäre selbst dabeigewesen. Man erhält einen Einblick in die Zeit der ausgehenden Donaumonarchie und die Zeit zwischen den Weltkriegen, den einem kein Geschichtsbuch vermittelt. Und man bedauert unendlich, nicht selbst dabeigewesen zu sein.
Ich habe durch einen glücklichen Zufall das Buch gelesen, kurz bevor ich eine Reise nach Prag gemacht habe. Das war 1995 und obwohl Prag schon damals voller amerikanischer Schüler und Japaner war, konnte man doch noch viele der im Buch auftauchenden Schauplätze wiederfinden; mit der entsprechenden, die Phantasie anregenden Ost-Patina. Es sah einfach noch genau so aus wie bei uns vor dem Krieg oder eben wie man meint, daß es zu der Zeit in der das Buch spielt ausgesehen haben müsste. Aber auch bei den Plätzen, die heute anders sind, den Kaffeehäusern die es nicht mehr gibt (wie z.B. dem häufig auftauchenden Cafe Arco), oder Orten wie dem ehemaligen Judenviertel, die heute mit Touristen gestopft voll sind kann man mithilfe des Buches die Menschen sehen, die dort einmal gelebt haben oder sich die Dinge vorstellen, die sich dort einmal abgespielt haben (sollen).
Im Endeffekt ist es nichts anderes als wenn man vor der Teenie-disco oder Studentenkneipe steht, in die man früher immer gegangen ist und die nun geschlossen ist. Nur daß man die Geschichten von Torberg eben nicht selbst erlebt hat, sondern sie nur gelesen hat. In der Regel sind die Geschichten aber besser als das, was man selbst so erlebt hat. Zumindest in der Masse. Denn es ist schón beeindruckend mit welchem Fleiss der Autor über Jahre Buch geführt hat.
Das Buch ist jedem zu empfehlen, der nach Wien, Prag, Budapest oder sonstwo im ehemaligen k.u.k. Österreich fährt oder der einen Film über Franz Kafka drehen will. Vielleicht lässt er es ja nach der Lektüre des Buches bleiben und dreht stattdessen einen anderen Film. Vielleicht über Dean Martin. Aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte.