Ich habe das Werk von Sylke Tempel und Tobias Kaufmann - ich denke wie fast ein Jeder von uns - mit viel Neugierde und einem gewissen Rausch der Begeisterung gelesen. Zweifellos gelingt es den beiden engagierten Autoren die Leserinnen und Leser mit einer sehr spritzigen und pointierten Sprache sowie einer hervorragenden Visualisierung mittels Grafiken, Statistiken, historischen Fotos, als auch Landkarten vom Sessel zu reissen,um somit ein neues aktuelles, vielseitiges Deutschland-Bild dem heutigen Bürger zu vermitteln. Sicherlich gerade jetzt, im Jahr 2010 - also 20 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung - ein vollends berechtigtes und wichtiges Werk.
Grundsätzlich gefiel mir sehr die grosse, hochaktuelle Themenvielfalt, die einen grossen Bogen, angefangen von Grundthemen, wie: "Politik und Gesellschaft" - "Geographie und Landschaften" - "Kultur und Sprache" - über "Sport in Deutschland" - "Geschichte" - "Leute" - "Wirtschaft" - "Deutschland und die Welt" - bis hin zu Bereichen wie "Essen in Deutschland", als auch "Das Wetter", hinspannt. Ein alles in allem gutes, vielseitiges Bild der Republik im Jahre 2010, mit vielen interessanten kleinen Zusatzinformationen reich bespickt. Auch was die Haltung der beiden Autoren anbelangt, werden sehr ruhig und sachlich die Höhepunkte, als auch die Schattenseiten der Deutschen und Deutschlands vielseitig dargelegt. Wie man so schön sagt: "Die Bühne des deutschen Geschehens wird von den verschiedensten Seiten kritisch beleuchtet". Dies allein wäre an sich das Resultat einer in sich gelungenen Arbeit.
Doch nun zu den Schattenseiten:
Bereits auf Seite 15 (es handelt sich um eine Karte der Gebietsverluste in den beiden Weltkriegen) musste ich einen gravierenden historischen Fehler entdecken. Da steht beispielsweise in der darunter angeführten Legende: "Verluste des Deutschen Reiches nach dem Zweiten Weltkrieg 1919 - 1921". Dabei sollte doch wohl jedes Kind wissen, dass der Zweite Weltkrieg von 1939 - 1945 stattfand, und die ehemals deutschen Gebiete Hinterpommern, Schlesien sowie Ostpreussen damals an Polen und die damalige Sowjetunion abgetreten wurden.
Weierhin auf Seite 18, Zeile 27 lesen wir: "...; Frankreich (genauer, die jetzt vierte Republik) ist eine äusserst zentralistische Präsidialdemokratie,..." Auch hier liegt ein grober Schnitzer vor:
Heute, das heisst seit 1958 haben wir es in Frankreich mit der damals durch General De Gaulle gegründeten fünften Republik zu tun, welche wie bereits gesagt eine zentralistische Präsidialdemokratie darstellt. Die vierte französische Republik existierte von 1946 bis 1958!!
Dann ebenfalls auf Seite 85:
In der blaugedruckten Tagesschaumeldung bezüglich der Gründung der Berliner Humboldt Universität wird als Datum der 12. Oktober 2010 angegeben.
Aber Entschuldigung, wie kann in einem Buch, das als offiziellen Erscheinungstermin - gemäss Amazon - den 17.September 2010 angibt, eine Meldung vom 12. Oktober 2010 zitiert werden?
Zudem sei auch noch zu erwähnen, dass die Humboldt Universität im Jahre 1809 von Wilhelm von Humboldt gegründet wurde und im darauffolgenden Jahr 1810 den Lehrbetrieb aufnahm. Demzufolge muss also besagte Tagesschau-Meldung vom 12. Oktober 2009 stammen! -
Weiterhin auf Seite 191, Zeile 14 lesen wir: "...wird dunkelrot in der Metropolregion Rhein/Ruhr bis zur Grenze nach Frankreich bei Aachen...". Das Aachen jetzt an Frankreich grenzt ist mir das Allerneuste!!
Aachen grenzt bekannterweise an den südlichsten Zipfel der Niederlande sowie an Belgien.
Auch hier zeigen die Geographiekenntnisse der beiden Autoren - trotz der sehr guten Karte bezüglich der Arbeitslosenquote auf Seite 190 - deutliche Schattenseiten...
In Anbetracht dieser vier frappanten Fehlinformationen, erscheinen orthographische Fehler, wie beispielsweise auf Seite 134, Zeile 26, wo da steht: "..., kaum mehr steuerbar auf einen Krieg zu bewegte." anstatt "zubewegte" - als eher kleineres Übel.
Für ein solch repräsentatives Werk, welches eine Bilanz von Deutschland nach zwanzig Jahren Einheit darstellen will, und auch in grosser Auflage erschienen ist, hätte ich mehr Sorgfalt beim Recherchieren und Bearbeiten historischer, als auch geographischer Daten erwartet! Deshalb kann ich dem Werk nur drei Sterne geben.
Pierre Zerfass