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Produktinformation
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Die Tagebücher der Sylvia Plath
Von Angela Schader
Die Publikation der kurz vor ihrem Freitod im Februar 1963 entstandenen «Ariel»-Gedichte brachte Sylvia Plath zu spät den Ruhm, um den sie von Jugend an so diszipliniert wie ehrgeizig gekämpft hatte. Ihre Tagebücher dokumentieren die nur schwer einzulösenden Ansprüche, welche die Lyrikerin an ihr Leben stellte.
Sylvia Plaths Lebensgeschichte ist nach dem frühen Freitod der Dichterin zum Zankapfel geworden. Das gottverlassene Sterben der Dreissigjährigen, die vier Monate nach der Trennung von ihrem Ehemann an einem eisigen Wintermorgen den Kindern noch Brot und Milch neben die Bettchen stellte und sich dann im Backofen vergaste und darüber die lodernde Aura jener in der letzten Lebensfrist entstandenen Gedichte, mit denen sie ihren Platz in den literarischen Annalen des zwanzigsten Jahrhunderts sicherte: Diese Elemente schlossen sich im Urteil der feministischen Literaturkritik zur Ikone tragischen Frauenschicksals.
Gegen eine Interpretation, welche die Dichterin als Opfer der von ihren Angehörigen verkörperten Konventionen und Zwänge wahrnahm, glaubten sich Plaths Ehemann Ted Hughes und ihre Mutter mit Manövern schützen zu müssen, durch die sie nur um so mehr ins Kreuzfeuer der Kritik gerieten. Die von Aurelia Plath veranlasste Publikation der Briefe, die sie zwischen 1950 und 1963 von ihrer Tochter erhalten hatte, gab durch das Wunschbild der «glücklichen Sivvy» hindurch, das Sylvia nach Möglichkeit präsentierte den Blick frei auf eine Mutter-Tochter-Beziehung, die sich, vor allem im Vergleich mit den privaten Aufzeichnungen der Dichterin, als äusserst ambivalent erwies; die Restriktionen, welche Ted Hughes und seine Schwester Olwyn den Plath-Biographinnen Linda Wagner Martin und Anne Stevenson auferlegten, steigerten den Verdacht, die «wahre» Sylvia Plath werde von ihren liebenden Angehörigen totgeschwiegen.
ICH-PROJEKTIONEN
Entschärft ist auch die von Frances McCullough besorgte Edition von Sylvia Plaths Tagebüchern. Rund ein Drittel der Aufzeichnungen aus den Jahren 1950 bis 1962 ist darin enthalten, ausgelassen werden unter anderem explizite erotische Passagen und die härtesten Ausfälle gegen noch lebende Verwandte und Bekannte. 15 Jahre nach ihrem Erscheinen liegt die Ausgabe nun auch auf deutsch vor; in die lebendige und flüssige Übersetzung hat Alissa Walser gleich viel Engagement wie Achtsamkeit investiert. Aus dem Buch sprechen, in verwirrender Synchronie, die ehrgeizige Jungautorin, das lebenshungrige Sinnenwesen, die Musterstudentin in Hütchen und Tailleur, die extravagante Liebende, die Poetin, die ihr Material sammelt, prüft, exakter Silbenzahl unterordnet und die sterbliche Sylvia Plath, die hinter diesen strahlenden Ich-Projektionen immer wieder zusammenbricht. Hier sind, in einem Dokument, all die Konflikte angelegt, die um die Person der Dichterin ausgetragen werden.
Sylvia Plath verlor ihren Vater, als sie achtjährig war; die Mutter versuchte, trotz beschränkten materiellen Verhältnissen ihren Kindern die bestmögliche Ausbildung und Förderung zukommen zu lassen. Mit einem von der Schriftstellerin Olive Higgins Prouty ausgesetzten Begabtenstipendium trat Sylvia im Herbst 1950 ins renommierte Smith College ein. Ihre damaligen Aufzeichnungen brechen im Juli 1953 ab; den fürchterlichen seelischen Zusammenbruch jenes Sommers schildert Plath im Roman «Die Glasglocke». Ob die Tagebücher in den folgenden zwei Jahren, bis zum Studienabschluss am Smith College, nicht weitergeführt wurden oder ob die Aufzeichnungen aus dieser Zeit verschwunden sind, ist nicht bekannt.
1955 konnte Plath ihre Ausbildung in Oxford fortsetzen; die quälende Abhängigkeit von ihrem Geliebten Richard Sassoon, der sich ihrer Leidenschaft allmählich entzog, und das simultane Vorpreschen in die Beziehung zum englischen Dichter Ted Hughes den sie vier Monate nach der ersten Begegnung heiratete prägen die ersten Tagebucheinträge aus England. Nach dem Studienabschluss bringen Lehraufträge in Amerika dem Dichterpaar zwar materielle Sicherheit, schränken aber den persönlichen und künstlerischen Freiraum unerträglich ein. Plath erlebt «finstere, tödliche Wochen», fühlt sich angefeindet von anderen Fakultätsmitgliedern, ringt mit dem «Dämon» der permanenten Selbstüberforderung. Eine Psychotherapie legt die Mechanismen der «Angstlogik» frei, mit der sie die Faktoren ihrer Existenz Schreiben, Ehe, Geldverdienen vergeblich zur Deckung zu bringen sucht. Im folgenden Sommer, in die relative Freiheit der Schriftstellerexistenz entlassen, stellt sie allerdings fest, dass die «von innen» kommenden Forderungen womöglich noch schwieriger einzulösen sind als die vermeintlich? «von aussen» an sie herangetragenen:
Ich war schwer hysterisch letzten Herbst, als ich meinen Job antrat: Was von aussen gefordert wurde, beanspruchte meine ganze Kraft, und ich bekam Angst. Jetzt, eine völlig andere Situation, und doch ist das emotionale Befinden gleichgeblieben. [. . .] Was von innen gefordert wird, beansprucht meine ganze Kraft, und ich habe Angst weil ich bestimmen muss , was gefordert wird: die schwerste Verantwortung der Welt . . .
Ein fruchtbarer Arbeitsaufenthalt in der Künstlerkolonie Yaddo gibt der Dichterin neue Sicherheit, und vorläufig scheint auch die Ehe mit Hughes einen Ankerpunkt zu bieten. Gemeinsam wird die Rückkehr nach England beschlossen; Plath, die den Wunsch nach einem Kind bis anhin um der Dichtung willen zurückgestellt hat, bringt im April 1960 ihr Töchterchen Frieda zur Welt, im Oktober erscheint ihr erster Gedichtband. Im folgenden Jahr zieht die Familie in ein altes Landhaus in Devon, wo der Sohn Nicholas geboren wird; im Sommer 1962 entdeckt Sylvia, dass Hughes eine Liaison mit einer Bekannten eingegangen ist. Nach der Trennung im Herbst schreibt sie ihre bedeutendsten Gedichte und kämpft mit gleicher Energie um neuen Halt im Leben: Sie sucht eine Wohnung in London, stattet sie aus, leistet sich elegante Kleider; sie versorgt die Kinder, sucht neue Verdienstmöglichkeiten; sie zehrt sich auf in diesem Fanal. Am 11. Februar 1963 setzt sie ihrem Leben ein Ende.
Aus den letzten drei Lebensjahren sind von Plaths persönlichen Aufzeichnungen lediglich einige Prosaskizzen übriggeblieben: Eines ihrer Tagebücher ist laut Ted Hughes verlorengegangen, das andere hat er selbst vernichtet, «weil ich nicht wollte, dass ihre Kinder das je lesen müssten». Unerquicklicher als die über dieser Leerstelle wuchernden Spekulationen und Streitigkeiten können Plaths eigene Äusserungen allerdings kaum gewesen sein.
EIGENWILLE UND KONFORMITÄT
«Du fragst dich, ob du alles hast, was du dazu brauchst, um dir weiterhin selbst Hindernisse aufzubauen und sie dann weiterhin zu überspringen, mit verstauchtem Fuss oder ohne.» Das notiert die 19jährige Sylvia Plath kurz nach ihrem Studienantritt am Smith College, und diese irrwitzige Disziplin hat sie nie aufgegeben ohne dass die Ursache des Leistungszwangs dabei völlig einsehbar wird. War der Förderung durch die Mutter und Olive Higgins Prouty klar auch eine Forderung eingeschrieben? Genügte angesichts der Selbstaufopferung Aurelia Plaths, der Grosszügigkeit der Mäzenin schon die geschärfte Sensibilität der begabten Jugendlichen, um steten Gewissensdruck zu erzeugen? Oder gehörte, was sich gelegentlich penetrant als schulischer, gesellschaftlicher und schriftstellerischer Ehrgeiz manifestierte, letztlich zu Plaths eigener Disposition?
Die Innenspannung ihrer Aufzeichnungen lässt ein schlüssiges Urteil nicht zu. Einsehbar werden Ambivalenzen, widerstreitende Begehrlichkeiten, Identitätskonflikte; einheitlich ist nur die radikale Ehrlichkeit, mit der sie formuliert und nach Möglichkeit ausgetragen werden. Plath gesteht ihre Eifersucht auf alle, die «schärfer denken können, besser schreiben, besser zeichnen, besser Ski fahren, besser aussehen, besser lieben, besser leben als ich»; sie kalkuliert mit manchmal dürrer, manchmal spöttischer Unverhohlenheit die Publikationschancen ihrer Texte; sie verblüfft mit ihrer hellen Wut aufs andere Geschlecht, das seinen Sexualtrieb ausleben kann, indes sie, heimlich «triefend vor Verlangen», als blitzsaubere amerikanische Jungfrau posieren muss. Sie wählt sich gutaussehende und arrivierte Freunde und zerpflückt dann angewidert das allzu dürftige Bouquet an geistigen Gaben, das ihr von solchen Kavalieren präsentiert wird; sie verfällt dem künstlerisch-raffinierten Richard Sassoon und lässt sich gelegentlich unerträglich abschätzig über dessen fragile Körperlichkeit aus.
Die Unbefangenheit, mit der Plath solche Themen verhandelt, kontrastiert seltsam mit ihren grimmig-ängstlichen Seitenblicken auf Konvention und soziale Sicherheit. Jede neue Männerbekanntschaft wird als potentieller Ehemann taxiert; noch keine zwanzig Jahre alt, misst die junge Frau mit mathematischer Präzision ihre Zukunftsperspektiven aus:
1. Ich entscheide mich für eine körperliche Beziehung mit Geschlechtsverkehr, als animalischen und befreienden Teil des Lebens.
2. Ich kann mich nicht promiskuitiv befriedigen und gleichzeitig Respekt und Unterstützung der Gesellschaft (diesem Plagegeist) erhalten da ich eine Frau bin (. . .)
3. Da ich nun mal Frau bin, muss ich klug sein und soviel Sicherheit wie möglich für die unerträglichen Jahre des Alters ergattern (. . .) Also steht fest: ich werde alles dafür tun, dass ich auf dem üblichen Weg zu einem Partner komme (. . .)
Zwar wurde 1955 sogar den Studentinnen des anspruchsvollen Smith College beim Schulabgang gepredigt, ihre eigentliche Berufung läge bei Herd und Wiege; aber allein aus dem Konflikt mit dem Zeitgeist lässt sich die Ambivalenz nicht erklären, die sich hier in einer eigentlichen Wider-Sprache, einer Engführung von Konzession und Rebellion kristallisiert. Sylvia Plath trug einerseits den offiziellen Parametern für beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg mit dem fast buchhalterischen Eifer Rechnung, den ihr Pflichtbewusstsein und ein keineswegs stabiles Selbstwertgefühl diktierten; daneben aber wahrte sie ihre eigenen, gefährlich absoluten Massstäbe. Ihre Dichtung sollte den hohen, schmalen Grat erreichen, den vor ihr Sappho, Christina Rossetti, Emily Dickinson begangen hatten; ihr Leben sich erfüllen in einer archaisch-sinnlichen Weiblichkeit, der Ehe mit einem Mann, «der mein Essen verschlingt und meinen Körper und meine Liebe». Und wieder schiebt sich, in Selbstironie verhüllt, die Angst vor diesen absoluten, einander konkurrierenden Ansprüchen dazwischen:
Werde ich aufgeben und sagen: «Das Leben und das Stopfen des unersättlichen Wanstes eines Mannes und das Zeugen der Kinder nehmen mich voll und ganz in Anspruch. Hab keine Zeit zum Schreiben?»
Damit ist eine tatsächlich existentielle Bedrohung angesprochen. «Mein Leben, das spüre ich, wird nicht gelebt sein, bis Bücher und Geschichten existieren, die es immer wieder neu aufleben lassen», notiert die Schriftstellerin im Juli 1957; und wie sie sich genötigt fühlte, ihr Leben festzuschreiben, nährte sich aus diesem wiederum ihr literarisches Werk. So präsentieren sich die Tagebücher nicht zuletzt als Lager und Werkstatt, in dem erzählerische Stoffe und lyrische Sujets, kritische (und manchmal auch euphorische) Kommentare zu eigenem und fremdem Schaffen deponiert werden; und in der festen Textur einer Sprache, die auch die privaten Aufzeichnungen als Übungsfeld der gedanklichen und stilistischen Disziplin nutzt, schimmern da und dort Motive eine Landschaft, ein Interieur, ein Traumbild in vollendeter literarischer Durchgestaltung auf. Ein bequemer Reiseführer durch das lyrische uvre ist damit allerdings nicht an die Hand gegeben: eher lässt sich anhand der Tagebücher der imaginative Sprung ermessen, mit dem Plath die Rohmaterie des Lebens in die betörende, unheimliche und hintersinnige Spiegelwelt ihrer Poesie trug.
Sylvia Plath hat ihre Begabungen nicht zuletzt dadurch zur Reife gebracht, dass sie alles von sich forderte; destruktiv wurde diese Anlage, wo sie daraus das Recht ableitete, entsprechende Ansprüche an ihre Umwelt zu stellen. Die Tagebücher vermitteln eine Innenschau dieser verhängnisvollen Symbiose von ausgeprägter intellektueller und emotionaler Eigenständigkeit und einem ebenso insistenten Verlangen nach Bestätigung und Unterstützung: Aus ihnen erklärt sich die «Angstlogik», die Plath am Ende in den Tod getrieben hat. Gleichzeitig aber löst die Lektüre der fast 500 Seiten die Gestalt der Dichterin aus diesem finalen Tableau: Was hier im fliegenden Wechsel der Stimmungen, Sensibilitäten, sprachlichen Register vorgetragen wird, wäre Stoff nicht für ein vorzeitig beschnittenes, sondern für mehrere Leben.
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