Aus der Amazon.de-Redaktion
In epischer Breite sowie mit Liebe zum historischen Detail und zur atmosphärischen Dichte erzählt die 39-jährige rheinländische Autorin Dagmar Trodler von der Odyssee Eriks und Alienors, denen nach ihrer Rückkehr zu den Normannen blanker Hass entgegenschlägt und die daraufhin beschließen, nach England zu gehen, zu Guilleaume, der Erik einst zum Ritter geschlagen hat -- und der jetzt Wilhelm der Eroberer heißt. Sie schildert die Wanderung der Protagonisten über die blutigen Schlachtfelder, die die Truppen Wilhelms in Nordengland hinterlassen haben. Erik ist beteiligt, als Wilhelm den letzten Aufständischen des Landes in die Knie zwingen will: ein Moment, der sein Leben verändert.
Die Tage des Raben haben alles, was uns schon an Trodlers historischen Romanen Die Waldgräfin und Freyas Töchter gefallen hat: Eine spannende Handlung, die eine ausgeprägte Kenntnis der damaligen Verhältnisse verrät -- und eine Lust am Erzählen, die dem Leser von der Geschichte der Zeit zudem einiges Lehrreiches vermittelt. --Stefan Kellerer
Kurzbeschreibung
Die Götter gönnen der jungen Eifelgräfin Alienor, ihrem geliebten Mann Erik und ihren Töchtern keinen Frieden. Auch Eriks Vaterland im finsteren Norden Europas kann ihnen nicht zur Heimat werden, und sie müssen sich erneut auf den Weg machen. Einen Weg, der sie zurück führt in Eriks Vergangenheit, an den Hof des Guilleaume von der Normandie, von dem Erik einst den Ritterschlag erhielt.
Ihm folgen sie nach England, und das Schicksal will es, dass sie schon bald die Willkür der normannischen Eroberer am eigenen Leib erfahren müssen. Alienors einzige Stütze in diesen dunklen Tagen ist Lionel, ein Mönch, dessen Leben eine geheimnisvolle Verbindung zu ihrem eigenen zu haben scheint...
Als Erik bei einer Belagerung König Guilleaume die Gefolgschaft verweigert und fliehen muss, ist Alienor mit ihren Töchtern in einem fremden Land ganz auf sich gestellt.
Klappentext
Westdeutscher Rundfunk
"Ein fesselnder Mittelalter-Roman."
Kehler Zeitung
Über den Autor
Auszug aus Die Tage des Raben von Dagmar Trodler. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Und kühn im Kampf.
Heiter und wohlgemut erweise sich jeder
Bis zum Todestag.
(Hávamál 15)
England."
"England", wiederholte ich und versuchte, den merkwürdigen
Laut nachzuahmen, den mein Lehrer so perfekt beherrschte. Er
schüttelte den Kopf.
"Nein, England. Ihr müsst Eure Zunge mehr einsetzen. Englllland.
Versucht ein anderes Wort. Jorvik." Das bereitete mir
keine Schwierigkeiten, wie ich überhaupt die neue Sprache auf
unserer Reise gut gelernt hatte, aber Cedric war mit meiner Aussprache
nicht zufrieden und feilte bei jeder Gelegenheit daran herum.
An den Tagen auf See hatte mir das so manche langweilige
Stunde vertrieben, aber jetzt wurde es mir doch ein bisschen
lästig. Der Spielmann spürte, wie ich bockig wurde, und setzte
eine strenge Miene auf.
"Konzentriert Euch. Wer weiß, wofür es einmal gut ist." Ich
seufzte, zu träge, um wirklich verärgert zu sein. Es war so ein
friedlicher, sonniger Tag, und selbst die Möwen, die uns begleiteten,
kreischten nicht so laut wie sonst. Cedric scharrte mahnend
mit dem Fuß.
"Also gut. Jorvik. Jorrrrr-viiik. Und die Angelsachsen sagen
York. Yorrrrk." Irgendwie klang dieser Name finster. York...
"York. Mit runder Zunge, York. Hier" - er fummelte sich so
umständlich am Mundwinkel herum, dass ich lachen musste -
"hier muss es rund sein. York. England. Ihr lernt sehr schnell,
Alienor von Uppsala." Damit setzte er sein Spielmannsgesicht
auf und begann zu dichten.
"Eine leichte Zunge ziert ihren Mund,
Worte perlen heraus, fein und rund,
tropfen in mein Ohr,
perlen in mein Herze,
machen süßen Schmerze..."
Und mein Lehrer sah mich keck lächelnd an. Seine albernen Verse
hatten mich schon öfter aufgeheitert. Die Sonne schien warm auf
sein braunes und - wie bei Spielleuten üblich - kurz gehaltenes
Haar, das der Seewind verwirbelt hatte. Entspannt lehnte er sich
gegen die Reling, rieb sich das bartlose Gesicht und löste beiläufig
den Knoten seines Hemdverschlusses, den nächsten seiner
drolligen Verse schon auf der Zunge.
"Der Schmerz streicht mir die Brust..."
"Wenn du mit meiner Frau tändelst, werf ich dich über Bord."
Die ruhige Stimme hinter uns verjagte das Lächeln aus Cedrics
Augen. Hastig sprang er auf, stolperte über die Ruderbank, auf
der wir uns niedergelassen hatten, und entfernte sich auf allen vieren
in Richtung Laderaum, wo die Kinder mit Ringaile und Hermann
ein geschütztes Plätzchen gefunden hatten.
Ich drehte mich um. Erik stieg über die Ruderbank, und mit
einem weiteren langen Schritt stand er bei mir. Der Wind spielte
mit seinem offenen Haar, und in seinen Augen blitzte es mutwillig.
Als er besitzergreifend meine Schulter umfasste, strahlte
ich ihn an.
"Ist dieser Platz noch frei, dame chière?" Erik ließ sich so dicht
neben mir nieder, dass keine Feder mehr zwischen uns passte.
"Ich erlaube keinem Lehrer, mit meiner Frau zu tändeln",
brummte er und schob seinen Arm zielstrebig durch unsere
Mäntel hindurch, bis er meine Taille fand. "Wir brauchen keinen
Lehrer, schon gar keinen zerlumpten Verseschmied, und dieser
da hat obendrein falsche Augen."
Ich küsste ihn auf den Hals. "Hat er nicht."
"Hat er doch."
"Ich kann ihm ja sagen, er soll mich nicht anschauen." Und
damit sah ich in die himmelfarbenen Augen des Mannes, dem
ich aller Angst zum Trotz wieder auf ein Schiff und aufs Meer
gefolgt war, um Heimat in einem Land zu finden, von dem ich
nur den Namen kannte. England. Englllland.
"Du nimmst mich nicht ernst", beschwerte er sich, ein Lächeln
in den Augen, und auch um seinen Mund zuckte es verräterisch.
"Nicht immer", flüsterte ich und suchte den Platz an seiner
Schulter, wo es sich so gut träumen ließ.
Welch unermessliches Glück, dort liegen zu dürfen! Ich ließ
meine Gedanken in die Vergangenheit schweifen. Es hatte eine
Zeit gegeben, da war Erik mein Stallknecht gewesen und ich die
junge Gräfin von Sassenberg, und derartige Vertraulichkeiten
waren undenkbar gewesen. Damals, in dem Jahr, welches die
Klosterschreiber 1065 nannten, hatte mein Vater, der Freigraf zu
Sassenberg in der Eifel, ihn als Wilderer auf der Jagd gefangen
und in den Kerker gesperrt. Als alle peinlichen Verhöre nach
seiner Herkunft nichts ergaben, hatte er ihn mir als Knecht geschenkt
in der Hoffnung, dass ich herausfand, woher der
Fremde kam. Zärtlich strich ich über seinen Arm.
"Du willst dich also entschuldigen?", flüsterte er.
"Wofür?", fragte ich zurück.
"Naaa, für... hm, dafür, dass du anderen Männern erlaubst,
mit dir zu tändeln. Ich werf ihn über Bord." Er hatte den Arm
so selbstverständlich um meine Hüfte geschlungen, dass mein
Herz hüpfte vor Glück. Ja, ich hatte am Ende herausgefunden,
wer der schöne Fremde war - ein Prinz aus schwedischem Königsgeschlecht.
Doch da war es schon zu spät gewesen, ich hatte
ihm das Leben gerettet und mich in ihn verliebt... das eine so
unstandesgemäß wie das andere: Man verliebt sich nicht in einen
Reitknecht. Man verliebt sich auch nicht in einen Prinzen. Doch
der Prinz hatte mich mitgenommen - entführt, kurz vor meiner
vom Vater arrangierten Hochzeit mit einem seiner Vasallen. Und
so war ich ihm ins Land seiner Ahnen gefolgt, nach Schweden,
wo die Winternächte lang und dunkel sind und wo man heidnische
Götter unter Bäumen und an Hausaltären verehrt.
Schwermut durchflutete mein Herz, als ich den Kopf drehte
und sein edles Profil betrachtete. Alles hatte so vielversprechend
begonnen. Man hatte ihn begeistert willkommen geheißen, und
auch der König der Svear, Stenkil Ragnavaldsson, hatte ihn sogleich
in seine Runde aufgenommen. Einzig seine Mutter hatte
sich geweigert, mich in ihrem Haus zu begrüßen. Damit hatte das
Schicksal seinen Lauf genommen, denn der Grund dafür war eine
vor Jahren vereinbarte Verlobung, die für Erik längst ihre Gültigkeit
verloren hatte. Inzwischen teilte er ja mit mir sein Leben.
Die Intrigen, die gegen ihn gesponnen wurden, gipfelten nach
dem Tod König Stenkils in einem Kampf um Thron und Ehre, den
er verlor. Eine Orgie von Blut und Gewalt schwappte über das
Land, stolze und tapfere Männer verloren ihr Leben, Christen
wurden nach Jahren des Friedens wieder verfolgt und sogar ein
Bischof des Landes verwiesen. Mit den beiden Kindern, die ich
im Svearland geboren hatte, war ich nach Norden in eine Berghütte
der Familie geflohen, wo wir uns beinahe drei Jahre lang
versteckt hielten, während Erik in die Verbannung gegangen war
- in dem Glauben, ich hätte sie ihm eingebrockt. Das hatte ich in
gewisser Weise auch - und Schuldgefühle plagten mich ob meiner
unüberlegten Handlungen bis heute. Die Jahre seiner Verbannung
waren die schwersten meines Lebens gewesen...
Ich schlang die Hand um seinen Unterarm, wo die tätowierten
schwarzen Schlangen immer noch auf der Haut saßen und
wachten. Manchmal, wenn wir beieinander lagen, erwachten sie
zum Leben... Möwen umkreisten schreiend den hohen Mast,
und das Segel knatterte geschwätzig im Wind. Die Schwermut
wich ein wenig. Meine dritte Schiffsreise war friedlich verlaufen.
Viele sonnige Tage waren an uns vorübergezogen, auf einem
friedlichen Nordmeer, das spielerisch seine Wellen gegen den gewergten
Bug unseres Schiffes klatschen ließ und kein einziges
Mal die Finger nach einem von uns ausstreckte. Trotzdem vermied
ich es, zu oft über die Reling zu blicken. Immerhin hatte
ich das Meer auch schon anders erlebt, damals, als wir ins Land
der Svear gezogen waren.