Um es kurz zu machen: an dem Buch stimmt alles bis auf eines.
Es ist kurz, aber flüssig und umfassend geschrieben.
Es bringt die große politische Mächtekonstellation vor und während des Feldzuges von Spanien über Frankreich bis zu Moskau und den Krimtataren -natürlich mit Kaiserreich und Türken im Zentrum.
Es schildert aufs Anschaulichste die enormen finanziellen Schwierigkeiten auch oder gerade der Großmächte, eine Armee aufzustellen, ins Feld zu schicken und dort zu unterhalten.
Es macht die religiösen Anschauungen und ihre politischen Auswirkungen von den protestantischen und katholischen Fürsten bis zu den Derwischorden nachvollziehbar.
Schilderungen der Auswirkungen von Pest und Missernten machen deren grundlegende Einflüsse auf mächtige und weniger mächtige Bevölkerungsteile verständlich.
Gerade auch die Beschreibung der Versorgungsschwierigkeiten der großen Armeen bei Transportmitteln, Lebensmitteln und allen anderen Erfordernissen macht vieles erlebbar und verständlich.
Umso unverständlicher bleibt eines:
Wie muß man sich das marschieren, kämpfen und siegen dieser Armeen vorstellen?
Hier hat der Autor nur die allgemeinen Floskeln und Bilder, die auch dem Wetterbericht entstammen könnten - irgendwelche Massen drücken von da nach dort und vertreiben die anderen Massen.
Besonders die eigentliche Schlacht um Wien, als das Entsatzheer die Belagerer vertreibt, ist davon geprägt: Die Polen haben es geländemäßig schwerer als Sachsen und Bayern, kommen aber dann doch an den Feind und der zieht sich vor dieser Macht zurück und dann isser irgendwie weg und die Sieger streiten sich um die Beute.
Gerade weil der Autor auf allen anderen Gebieten knapp und doch detailreich seinen Stil findet und überzeugt, stellt sich hier die Frage: War es so schwer, einen einzigen Militärexperten aufzutreiben, der die nötigen Informationen für die wichtigsten Schlachten (Raab, Pressburg, Wien) beigesteuert hätte?
Wer hat auf welche Weise, in welcher Zahl, wen angegriffen und durch welche, spezifisch der Zeit entstammende Taktik auf dem Schlachtfeld gesiegt?
Laut Buchtitel geht es doch um einen Feldzug, der das Christliche Abendland in dieser Form gerettet hat. Warum wird dann der Kern der Sache nicht mit dem gleichen Detailwissen und sorgfältiger Analyse geschildert, wie alles andere?
Warum sind auf einmal die Janitscharen (die gefürchtete Eliteinfanterie der Türken) so bedeutungslos, dass ihre Aktionen in der Entscheidungsschlacht - ja nicht einmal sie selbst - überhaupt erwähnt werden? Wie muß man sich diese Schlacht überhaupt vorstellen (schiessen die hauptsächlich aufeinander oder wird nach einem Musketenschuss mit der blanken Waffe gestürmt?)
Kämpfen sie in Reihen oder in Haufen, spielt die Kavallerie eine Rolle oder reiten die feinen Herren nur in der Gegend rum? Trifft die türkische Artillerie von der noch geschildert wird, wie wenig durchschlagskräftig sie gegen Mauern war, jetzt in der Schlacht oder war sie auf Wien gerichtet und konnte gar nicht eingreifen?
Wie sind wenigstens grob gesagt, die Zahlenverhältnisse? Irgendwann einmal am Anfang ist die Rede von über 100.000 Türken - kampfkräftige Einheiten oder Tross? Wieviele sind jetzt im Herbst vor Wien noch übrig? Kampfkräftige Einheiten oder kranke von der Belagerung Erschöpfte?
Wir können es uns nach den anschaulichen Schilderungen vorher spekulierend vorstellen, aber gesagt wird es uns nicht. Wenigstens ein Hinweis, dass diese Zahlen sehr unterschiedlich vorliegen und zwar von bis - dann hätte man wenigstens etwas einordnen können. Aber nicht einmal das! Und wie gesagt: was diese Heere da eigentlich tun, wenn sie aufeinander losgehen: komplette Fehlanzeige!
Ich will das Buch gar nicht runtermachen, weil ich es in vielen Teilen sehr lobenswert finde - aber der Höhepunkt des ganzen enttäuscht schon sehr. So habe ich letztendlich auch gewertet: zwei Punkte Abzug, weil das für ein Buch über einen Feldzug und eine Belagerung schon an die Themaverfehlung rangeht. Auch die von anderen Rezensenten gelobten Skizzen sind zwar zahlreich, aber wenn man sie mal genauer anschaut, nicht wirklich erhellend. Gerade was die militärischen Aspekte der Mauern und Unterminierungsstollen angeht, bleibt das Verständnis auf der Strecke: Die vielfach erwähnten Kontereskarpen, die offenbar ein wichtiger Vorfeldschutz der Mauern gegen das tödliche Unterminieren waren (oder auch nicht) habe ich in ihrer genauen Wirkungsweise und der Art wie ihre Besatzung gekämpft hat, bis zum Schluß nicht verstanden - weil immer nur gesagt wurde, dass sie existieren und irgendwie besetzt wurden.
Wie, von wem, weshalb, warum, wie sahen sie aus, warum wurden sie nicht weggeschossen wenn es nur Holzkonstruktionen vor den eigentlichen Mauern waren, warum konnte man sie nicht gleich als erstes völlig überrennen usw. usw.
Der Leser, der ein komplettes Bild haben will, wird enttäuscht - dem Leser, der militärische Schilderungen sowieso überblättert, wird diese Arbeit abgenommen und er kann sich an allem anderen satt lesen.