Pressestimmen
Belastete Brücke Türkei
Modernisierung Hintergründe und Konfliktpunkte
Die Türkei befindet sich an einem Scheideweg. Waren seit der Gründung der Türkischen Republik durch Kemal Atatürk im Jahre 1923 dessen sechs modernistisch-westliche Leitprinzipien Nationalismus, Republikanismus, Populismus, Laizismus, Etatismus und Reformismus herrschendes politisches Gebot, so machen sich heute in der türkischen Politik zunehmend Tendenzen bemerkbar, die statt Laizismus den Islamismus und anstelle der West- eine Ostorientierung anstreben. Zu begrüssen sind daher Publikationen, die eine Bilanz der Geschichte der modernen Türkei ziehen und ein wenig Licht in die bisweilen nicht leicht durchschaubare politische Szene des Landes bringen.
Rückkehr des Islams
Die auf deutsch bisher umfassendste Darstellung zu diesem Thema bietet Udo Steinbach, Leiter des Deutschen Orient-Instituts, in seinem Werk «Die Türkei im 20. Jahrhundert». Steinbach ist ein kompetenter Kenner der Türkei, der leicht verständlich schreibt und stets Zusammenhänge im Auge behält. Das Ergebnis ist eine spannende Lektüre, der obgleich vor der Ernennung des Islamisten Erbakan zum türkischen Premierminister verfasst sich auch Aufschlussreiches zur virulent gewordenen Problematik des Islamismus in der Türkei entnehmen lässt. Der Autor macht deutlich, dass trotz dem kemalistischen Experiment einer «von oben» erzwungenen radikalen Säkularisierung die Religion auch von den Laizisten immer wieder politisch instrumentalisiert wurde. So unterstellte der Staatsgründer Atatürk, der die islamisch-osmanische Institution des Kalifats und die religiösen Schulen des Landes abgeschafft hatte, 1925 kurdischen Rebellen, die vor allem aus nationalistischen Gründen gegen ihn rebelliert hatten, eine religiöse Motivation.
Trotz der offiziell religionsfeindlichen Politik der Regierung kam im Land ein schleichender Prozess der «Re-Islamisierung» in Gang. So wurden bereits in den fünfziger Jahren Predigerschulen wieder zugelassen. Später führte man auch wieder Religionsunterricht an den Schulen ein, und darüber hinaus wurden besonders in den achtziger Jahren unter Premier Turgut Özal zahlreiche Moscheen gebaut und religiöse Institutionen erneut konstituiert. Hatten die Predigerschulen (Imam-hatip-Schulen) 1970 einen Zulauf von rund 50 000 Schülern, so waren es 1994 bereits eine halbe Million. Diese und weitere Erziehungseinrichtungen wie die Koranschulen in den Moscheen kontrolliert der Staat nach wie vor. Doch werden die staatlichen religiösen Institutionen in den letzten Jahren immer stärker von Anhängern der islamistischen Wohlfahrtspartei des jetzigen Premierministers Erbakan unterwandert, die zumindest in der Theorie die Errichtung eines islamischen Staates anstreben.
Die Armee der politische Faktor
Mit dem Aufstieg der Wohlfahrtspartei gelangt in die türkische Politik, die jahrzehntelang von zwei grossen säkularen Zentrumsparteien beherrscht war, eine dritte grosse Kraft, die in den siebziger Jahren noch zu den extremistischen Rändern des politischen Spektrums gehört hatte. Das türkische Militär, das als die eigentliche Macht im Staat gilt und sich als Hüter des kemalistischen Erbes versteht, hat, wie Steinbach veranschaulicht, in die Politik immer wieder besonders dann eingegriffen, wenn Randparteien und -gruppen das parlamentarische System durch die Förderung oder Anwendung von Gewalt zu gefährden drohten. Heute, so der Autor, sei ein direktes Eingreifen der streng säkular ausgerichteten Armee, etwa um das weitere politische Erstarken der Islamisten zu verhindern, vor allem deshalb unwahrscheinlich, weil die Militärs im seit 1961 bestehenden Nationalen Sicherheitsrat die türkische Politik ohnehin direkt mitbestimmen und die Islamisten für das Staatssystem noch keine ernste Bedrohung darstellen. Bis scheinen die Generäle Erbakan zu dulden, und sie werden dies wohl auch weiterhin tun, solange der als Pragmatiker auftretende islamistische Premier nicht an ihre Privilegien darüber hätte der Leser gerne etwas mehr erfahren und an den von ihnen gnadenlos geführten Kampf gegen die kurdische Organisation PKK rührt.
Sozialer Sprengstoff
Eine Polarisierung der türkischen Gesellschaft droht nicht nur in bezug auf das sogenannte Kurdenproblem, sondern auch im ethnisch-religiösen und sozialen Bereich. Das Erstarken der sunnitischen Islamisten führt zu Spannungen mit religiösen Minderheiten wie Alewiten, Armeniern und Juden. Die Landflucht von Kurden aus dem ostanatolischen Kriegsgebiet, die in Grossstädten wie Istanbul die Entstehung gigantischer Elendsviertel zur Folge hat, ist eine soziale Zeitbombe, für die türkische Politiker noch keine Lösung haben; sie wird auch nur schwer zu finden sein, solange türkische Nationalisten so tun, als ob ein kurdisches Volk gar nicht existierte. In der türkischen Aussenpolitik, auf deren Öffnung gegenüber den grösstenteils turkmenischen Ländern im Kaukasus und in Zentralasien Steinbach aufmerksam macht, scheinen die Vorstellungen pantürkisch orientierter Nationalisten und neo-osmanischer Islamisten einander zu gleichen: Danach soll die Türkei wieder zur Regionalmacht werden. Eine stärkere Hinwendung zum Osten muss allerdings nicht zwangsläufig auch die Abwendung der Türkei von Europa nach sich ziehen, wenngleich der Autor dies befürchtet.
Widmet Steinbach relativ wenig Raum der wirtschaftlichen Entwicklung in der Türkei, so ist diese, wenn auch in knapper Form, in Fikret Adanirs schmalem Band «Geschichte der Republik Türkei» übersichtlicher und anschaulicher dargestellt. Dieses Buch empfiehlt sich als kurze Einführung in die türkische Geschichte, auch wenn der Autor besonders in aussenpolitischen Fragen zu sehr ins Detail geht, anstatt sich auf Kontinuitäten und Zusammenhänge zu konzentrieren. Hier erfährt man zwar etwas mehr über die Unzufriedenheit und den Generationskonflikt innerhalb der Armee, die beim ersten Militärputsch im Jahre 1961 eine Rolle gespielt haben sollen, aber mehr auch nicht. Der Leser hätte sich in diesem Buch ein Register gewünscht ebenso wie eine auch in Steinbachs Studie nicht vorhandene Übersichtstabelle der oft verwirrenden Evolution der türkischen Parteien, die infolge mehrerer Militärputschs ihre Namen veränderten oder sich ehemaliger Parteinamen bedienen, obwohl sie mit Programm und Tradition dieser Gruppierungen nur mehr wenig gemeinsam haben.
Joseph Croitoru -- Neue Zürcher Zeitung
Buchrückseite
- Die historisch-kulturellen Wurzeln des Landes
- Der moderne, nichtreligiöse Staat mit einer muslimischen Bevölkerung
- Diktatur und Demokratie
- Die unvollendete Verwestlichung
- Die Kurdenfrage
- Deutsche und Türken
- Die Türkei in der Europäischen Gemeinschaft?
- Die zukünftige Entwicklung
Ein Buch mit differenzierten Antworten auf Ihre Fragen. Eine brillante Analyse von einem der besten deutschen Kenner der Türkei. Das Standardwerk der nächsten Jahre.