Pressestimmen
Die Türkei und ihr neuer Islam - Integration gemässigter Islamisten in das politische System Seit die Türkei vor den Toren der Europäischen Union steht, wird viel über das Land geschrieben und geredet. Vor allem über die Rolle des Islam und über dessen Kompatibilität mit Europa. Erstaunlicherweise bietet die hiesige Literaturlandschaft hierzu bis jetzt wenig Erbauliches. Die meisten Bücher zur Türkei sind noch auf dem Stand des vor zwei Jahren bei den letzten Wahlen hinweggespülten Parteiensystems der alten politischen Granden Demirel, Ecevit & Co. Und sie beschreiben oft auch noch einen Islam im Geiste des früheren Islamistenführers Erbakan. Demokratie und Pragmatismus Doch die Wahlen vom November 2002 haben die Türkei verändert. Wohl nur zu Zeiten des Staatsgründers Atatürk wurde das Staatssystem derart durcheinander gewirbelt und neu orientiert. Eines der ersten Bücher, die dieser neuen Türkei Rechnung tragen, ist «Die Türkei Politik, Geschichte, Kultur» von Günter Seufert und Christopher Kubaseck. Vor allem das Herzstück des Buches, das Kapitel mit dem etwas skurrilen Titel «Kulturpolitische Dauerbrenner», ist zu guten Teilen jener neuen Ordnung gewidmet. Dezidiert beschreiben die Autoren, wie sich unter Führung des neuen Premiers Erdogan ein demokratisch legitimierter Islamismus etabliert, der wenig gemein zu haben scheint mit den doktrinären Vorstellungen seiner Vorläufer. Erdogan habe Erbakan «rechts» und «links» gleichzeitig überholt, schreiben die Autoren, indem er gleichzeitig konservative und modernistische Züge integriere und in der täglichen Politik vor allem einen pragmatischen Kurs verfolge. In gewisser Weise scheint dieser Kurs, so schimmert aus den noch vorsichtigen Formulierungen durch, auch ein rechtes und linkes Überholen der alten Parteien zu bedeuten, eine Synthese aus diesem Islamismus Erdogans und dem Laizismus Atatürks. Alternative zu den Parteien der Krise Dass sich in der Türkei in diesem Prozess ein neuer, mehrheitsfähiger und bürgerlicher Islamismus seinen Weg bahnt, konnte man allerdings auch schon in den Jahren zuvor erkennen. In ihrer bemerkenswerten Studie «Aufstieg und Wandel des politischen Islam in der Türkei» hat die Islamwissenschafterin Judith Hoffmann bereits 2003 eine Aufarbeitung dieses neuen realpolitischen Phänomens «Islamismus» vorgenommen. Die beiden Kernaussagen: Es gibt in der Türkei einen breiten politischen Islam und um Erdogan herum einen bürgerlichen, gemässigten Islamismus als Mainstream. «Aufstieg und Wandel» schon der Titel ist programmatisch. Mit seinem Aufstieg hat sich der politische Islam gewandelt. Als einschneidende Momente analysiert Hoffmann ausgerechnet die nacheinander erfolgten Verbote der grossen islamistischen Parteien Refah Partisi und Fazilet Partisi, die letztlich zur Spaltung der Bewegung in einen konservativen und in einen liberalen Flügel (die neue Partei AKP unter Erdogan) führten. Gerade jene neue AKP vereint in ihren Reihen «Erneuerer» und gemässigte Kräfte in der islamistischen Bewegung, die auf eine Aussöhnung auch mit den Grundzügen der kemalistischen, laizistischen und westorientierten Türkei aus sind. Hoffmann spricht von der «Notwendigkeit (für die Partei), grössere Allianzen und Koalitionen in Gesellschaft und Politik zu schmieden». Etwas weniger wissenschaftlich könnte man die Entwicklung der Islamisten als ein Ankommen in der Realpolitik bezeichnen. Dass diese Entwicklung zusammenfiel mit der schlimmsten Wirtschaftskrise des Landes und der vollkommenen Diskreditierung der alten «Elite», begünstigte erst recht den Aufstieg der Islamisten zur Alternative und ihre Neuorientierung. Eine Neuorientierung, die «in eine nachhaltige Integration in das politische System münden kann». Betrachtet man die jüngste Entwicklung, könnte daraus sogar der Mainstream der Türkei werden . . . Volker S. Stahr --
Neue Zürcher Zeitung
Über den Autor
Günter Seufert, Dr. phil., arbeitet als Autor und Journalist in Istanbul und lehrt als Gastprofessor an der Cyprus University in Nikosia. Sein bei C.H.Beck erschienenes Buch Café Istanbul (21999) wurde als "das beste deutsche Buch zum Verständnis der Türkei von heute" gelobt (Der Tagesspiegel). Christopher Kubaseck lebt als Journalist und Übersetzer in Istanbul.