De Mattei liefert in seinem Buch durchaus bedenkenswerte Diskussionsbeiträge zur Frage eines möglichen EU-Beitritts der Türkei. Damit man mich nicht falsch versteht, gleich zu Beginn: Als Christ, der in der Türkei lebt, bin ich kritisch gegenüber dem Islam und auch gegenüber vielen Tendenzen in der heutigen Türkei.
Leider strotzt aber De Matteis Buch von Ungenauigkeiten und Pauschalisierungen, die den Eindruck vermitteln, hier sei entweder nicht exakt gearbeitet worden oder (was schlimmer wäre), Argumente seien nur zusammengesammelt worden, um eine von vornherein sowieso feststehende These zu untermauern.
Nur ein paar Beispiele. Auf S. 33 wird zur Zypernfrage zwar berichtet, dass die Initiative zur Wiedervereinigung der Insel durch UNO-Generalsekretär Kofi Annan gescheitert sei. Verschwiegen wird aber, dass bei einer Volksabstimmung die türkische Seite dem Plan zustimmte, die griechische Seite dagegen ihn ablehnte. Dafür kann man dann sicherlich nicht der Türkei die Schuld geben.
Dass auf S. 62 der Name einer der größten türkischen Tageszeitungen (richtig wäre "Zaman", nicht "Zeman") falsch geschrieben wird, wirkt nicht gerade vertrauensbildend. Die dort genannten Auflagen der Zeitungen stammen aus dem Jahr 2005, obwohl das Buch 2009 erschien.
Die türkische Regierungsparte AKP errang zwar 2007 bei den Parlamentswahlen einen hohen Sieg, jedoch nicht (wie auf S. 67 behauptet) die Zweidrittelmehrheit.
Auf S. 68 wird die italienische Zeitung Il Giornale zur Islamisierung in der Türkei zitiert: "...ganze Städte respektieren nun den Ramadan." Was heißt denn das? Respektiert wurde der Fastenmonat natürlich in der Türkei schon immer. Oder soll gesagt werden, dass die Stadtverwaltung die Einhaltung überwacht?
Vom türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und dem Staatspräsidenten (bzw. vormaligen Außenministers) Abdullah Gül wird erwähnt: "... doch beunruhigt die Tatsache, dass sie von ihren Ehefrauen und Schwestern auch das Tragen des Kopftuchs verlagen." Deswegen hätten sie ihre Frauen nicht zum NATO-Gipfel mitgebracht. Zutreffend ist, das das Tragen des Kopftuches in der Türkei die islamische Gesinnung symbolisiert und daher besonders im öffentlichen Leben umstritten ist. Allerdings tragen auch viele (sicher nicht alle) Frauen dieses Symbol aus voller Überzeugung - und dazu gehören sicher erwähnte Politikerfrauen. Dass sie nicht zum NATO-Empfang mitkamen, lag daran, dass der damalige Staatspräsident Sezer damals noch sehr radikal darauf achtete, dass eben Frauen mit Kopftüchern keinesfalls bei offiziellen staatlichen Anlässen auftreten durften.
Das sind nur einige wenige Beispiele. Das Buch stellt wichtige Fragen. Weil das Buch aber im Stil tendenziös ist, wird es wohl sicher nur die, die sowieso gegen den EU-Beitritt der Türkei sind, bestätigen, kaum aber Andersdenkende zum Umdenken anregen.