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Ein Reisebericht von Hermann Eberhard Löhnis
Es gilt einen Reisebericht anzuzeigen, der eineinhalb Jahrhunderte lang verschollen war. Und es gilt mit Verblüffung festzustellen, dass an den Unzulänglichkeiten des menschlichen Verhaltens wie der Verhältnisse dortzulande sich in dieser Zeit nicht viel geändert hat. Die Rede ist von der «Süd America Reise», die Hermann Eberhard Löhnis in den Jahren 18501852 unter grossen Strapazen unternommen und in sogenannten Briefen beschrieben hat. Wer Löhnis war, für wen er seine ausführlichen «Notizen» machte, in wessen Auftrag er reiste, das alles wussten die Herausgeber nicht, als sie die vor Jahren zufällig bei einer Hausratsliquidation in Lausanne gefundenen 236 engbeschriebenen Folioblätter gelesen hatten. Paul Hugger, der emeritierte Volkskundler an der Universität Zürich, musste mühsam recherchieren, um herauszufinden, dass Löhnis Rheinländer war, Sohn eines Gutsherrn auf Burg Rheindorf bei Bonn, der später in Köln ein Handelshaus führte.
Unser Autor, ebenfalls Kaufmann, interessierte sich offensichtlich für die neuen Exportmärkte in Übersee und für Auswanderungsfragen. Er hat sich später in New York und danach in London niedergelassen. Es sind weitere Erkundungsbücher von ihm bekannt: über die Vereinigten Staaten (1864/1869) und über die Levante (1882). Der farbigste, auch auf landschaftliche Schönheiten, auf das Klima, auf die sozialen und die politischen Zustände eingehende Bericht ist der hier erstmals in Zürich publizierte. Angesichts des bis in die 1920er Jahre überwiegenden Interesses an wirtschaftlicher Information über Lateinamerika ist es unerklärlich, weshalb dieser sensationelle, aus hautnaher Erfahrung entstandene Bericht bis heute nie veröffentlicht wurde. Er ist tatsächlich «ein anschauliches Dokument des langen Weges der südamerikanischen Staaten zur eigenen Identität», wie der andere Mitherausgeber, der Geograph Kurt Graf, sein Vorwort überschreibt.
Fast drei Jahre hat Löhnis' Reise gedauert, allein schon die auch nautisch gut beschriebene Segelfahrt von Le Havre nach Buenos Aires 54 Tage. Bei seinem langen Aufenthalt in Argentinien 16 Monate hat Löhnis sich erstaunliche Kenntnisse über die Geschichte des Landes und Einblicke in die politische Lage während der Diktatur Rosas' erworben. Dank seiner Gabe, wichtige Kontakte zu knüpfen, auch mittels einer Stafette von Empfehlungsschreiben, hat er immer wieder die richtigen Gesprächspartner gefunden. So konnte er seine Reise prompt an Bord einer Fregatte der holländischen Marine fortsetzen. Um das Kap Horn herum kam er so bis Valparaiso. Erstmals lernt er auf dem Weg nach Santiago die im Buchtitel verkündeten «Tücken des Maultiers» kennen. Ein ganzes Kapitel über die deutschen Einwanderer in Valdivia deckt den Schwindel gewisser beim Namen genannter Agenten in Deutschland und Chile auf. Im Mai 1852 reist Löhnis auf einem englischen Dampfer nordwärts weiter bis Lima und macht auch dort, gemessen an der Kürze seines Aufenthaltes, erstaunlich präzise Notizen über Land und Leute. Auf einem Küstenfahrer gelangt er über zahlreiche Stationen nach Guayaquil und fortan auf dem Landweg nach Quito. Die beschwerlichen Ritte durch das Hochgebirge nach Bogotá hindern ihn nicht, andauernd Historisches, Politisches und Wirtschaftliches aufzuschreiben.
Die Energie dieses reitenden Reporters muss unerschöpflich gewesen sein. Die Silberminen Kolumbiens, die Flussfahrt auf dem Río Magdalena, dann die mühselige Überquerung des Isthmus von Panama, der damals noch zu Kolumbien gehörte, das sind die weiteren Stationen. Von der Reise nach Mexiko und Kalifornien wurden nur noch die Pläne notiert. Der letzte Brief handelt von den politischen und wirtschaftlichen Zuständen in Kolumbien, von der «Untauglichkeit der Bewohner», und der Leser stellt erschüttert fest, wie zutreffend Löhnis für dieses Land jene traurige Zukunft voraussah, die inzwischen Vergangenheit und Gegenwart ist. Eine lesenswerte Publikation, nicht nur für Lateinamerika-Historiker, auch für Trekking-Liebhaber.
Gustav Siebenmann
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