Dass das Buch Die Töchter der Weber" bisher von unseren Feuilletons ignoriert worden ist, mag damit zusammenhängen, dass Flucht und Vertreibung aus dem Osten hierzulande immer noch ein Tabuthema sind. Dabei entfaltet die Autorin Ina Weiße das Panorama ihrer 1945 aus dem polnischen Lodz vertriebenen Industriellenfamilie Gebrüder Lange auf eine so poetische Art und Weise, wie über dieses ressentimentgeladene Kapitel meines Wissens noch nie geschrieben worden ist. Sie erwähnt an einer Stelle, dass sie aus der linken Sponti-Szene kommt. Vielleicht erklärt das die Souveränität, mit der hier frei von jeglichem ideologischem Schwulst Aufstieg und Fall der einstmals steinreichen Fabrikanten geschildert wird.
Erleichtert stellt man fest, dass es der Autorin nicht um das Belehren, sondern um das Erzählen geht. Ganz eindeutig haben wir es mit einer Sammlerin von Geschichten zu tun, einer Sammlerin von Geschichten aus einer versunkenen Welt, die bewegend, aber frei von Kitsch vor unseren Augen entsteht. Das Entschwundene in einer ganz eigenen Sprache wieder aufleben zu lassen, ist der Kunstkniff dieses Buches, das von einer eigenartigen Melancholie getragen ist. Aber so gelingt es Ina Weiße, das Leid der Vertriebenen und ihren persönlichen Schmerz anzuerkennen, ohne die deutsche Schuld zu leugnen. Das macht ihr Werk über den Verlust von Heimat und Identität zu einem Gewinn für den Leser. Offenkundig beherrscht die Chronistin ein Repertoire an Stilmitteln, das den Kosmos der Langes anekdotenreich aufblättert, Naturschilderungen bietet, Reflexionen über den Krieg und Ortsbeschreibungen mitliefert, welche die geschulte Reporterin verraten. Für mich kein Sachbuch, sondern ein Roman.