«... fabelhafte Geschichten jüdischer und christlicher Religion, Amplifikationen aller Art, grenzenlose Tautologien und Wiederholungen bilden den Körper dieses heiligen Buches, das uns, sooft wir auch darangehen, immer von neuem anwidert, dann aber anzieht, in Erstaunen setzt und am Ende Verehrung abnötigt.» Goethes bemerkenswert ehrliche Bemerkungen zum Koran (in den Noten und Abhandlungen zum West-Östlichen Diwan) zeigen deutlich die Ambivalenz, die jeden unbefangenen Leser «dieses heiligen Buches» beschleicht. Das soll unmittelbar Gottes Wort sein, überbracht durch den Engel Gabriel?
Christoph Luxenberg, der mit seinen Forschungen nach eigenen Worten «die Würde des Koran» wiederherstellen will, gibt sich damit nicht zufrieden. Der wissenschaftliche Spürsinn des Linguisten führt ihn zu den Wurzeln der Unklarheiten und Verzerrungen: Die Sprache des Koran ist keine ursprüngliche, sondern eine mit syro-aramäischen Elementen versetzte, daher muss es eine tiefere, reinere Schicht unterhalb der Oberfläche des «arabischen» Koran geben. Und diese verweist auf das verschwundene orientalische Christentum, dessen Erbe der Islam, ohne es zu wissen (oder wissen zu wollen), angetreten hat. Vermutlich entstammen zumindest die «mekkanischen Suren» des Koran der Übersetzung eines christlichen, in syrischer Sprache abgefassten, Lektionars (syr. qeryana).
Der Rezensent, der mit Übersetzungen mystischer Texte aus dem Islam befasst ist und dort auf Schritt und Tritt christlich-esoterischen Ideen begegnet, kann erst jetzt sein eigenes tieferes Interesse für diese Texte wirklich begreifen. Aufatmend darf er seine Scheuklappen ablegen und auch im Koran den christlichen Kern unbefangen anschauen. Und dabei ist bisher nur ein Teil von Luxenbergs Erkenntnissen veröffentlicht...
Der Leser sollte allerdings wissen, dass er es hier mit einer sprachwissenschaftlichen Studie für Semitisten (also nicht bloß für Arabisten) zu tun hat. Wer diesem Kreis von Spezialisten nicht angehört, vermag die ziemlich verwickelte Beweisführung des Autors kaum in jedem Detail nachzuvollziehen. Und doch besteht an der wissenschaftlichen Integrität Luxenbergs auch für den unbedarften Leser kein Zweifel. Seine Forschungsergebnisse sind in ihrer Plausibilität derart beeindruckend und spannend, dass man mit ihm «die Hände über dem Kopf zusammenschlägt», wenn man die grotesken koranischen Fehllesungen (etwa zu den sogenannten Huris) mit der geklärten Version (nach syro-aramäischer Lesart) vergleicht.
Was würde nun Mohammed selbst zu diesen neuen Erkenntnissen sagen? Ein von ihm überliefertes Hadith drückt es aus: «Macht euch auf die Suche nach Wissen, und sollte es in China sein!» Die Koranforscher brauchen nicht mehr so weit zu gehen, das Wissen liegt viel näher...