Martin Blunt, ein Mathematiker in einem großen Unternehmen, verlobt, wohl situiert - doch plötzlich bricht alles über ihm zusammen. Eine schwere psychische Erkrankung schleicht durch Martins Psyche und bricht sich ihre Bahn. Erst funktioniert er in der Leistungsgesellschaft nicht mehr, dann bricht die Beziehung zu seiner Verlobten. Ohne Halt beginnt der Absturz, er stürzt immer tiefer, vergräbt sich immer tiefer in seine eigene Welt…dann geht es die Treppe weiter abwärts… bis ganz nach unten: Straße.
Von ganz da unten aus betracht ist unsere Welt keine freundliche mehr. Nicht, dass sie für dich und mich nicht auch freundlich sein kann, aber vom Blickwinkel Martins aus, ist die Welt wie wir sie kennen, eine schlechte.
Martins krankes Hochleistungsgehirn versucht verzweifelt, mathematische Muster zu erkennen. Zahlen waren seine Begabung und seine Passion. Sie allein halten nun seine Welt zusammen. Martin zählt alles, in der Hoffnung, in der Quersumme ein Mittel gegen die Angst zu finden. Sich wenigstens eine Identität zurechtzurechnen. Da begegnet er dem 10-jährigen Viktor, der nur russisch spricht. Er muss sich auch allein auf der Straße durchschlagen und sie tun sich zusammen. In ihrer sehr berührenden Freundschaft ruht ein wichtiges Geheimnis, das sich uns Zusehenden erst gegen Ende des Filmes nach und nach enthüllt ...
Abgedroschene Klischeegeschichte VOM ANZUGTRÄGER ZUM PENNER?
Erst mal riecht das nach Klischees: Alle Menschen um Martin herum sind schlecht: die Freundin, die Polizei, die behandelnden Ärzte, die Chefs, die Väter und Mütter.
Allein, es wirkt alles irgendwie echt!
Regisseur Hans Weingartner will doch nicht filmüber zeigen dass alle deutschen Cops Schweine, alle hiesigen Psychiatrieärzte kalte Verständnislose sind, oder alle jungen Zahnarzthelferinnen tieftraurig in ihrem Job roboten und gerettet werden wollen. Das Schwarzsehen ist allein der Perspektive geschuldet, aus dem schiefen Blickwinkel des Protagonisten von unten herauf erscheint es so. Für IHN ist das die Realität. Es zeigt alles ganz aus der Wahrnehmung des gesellschaftlich Gestrauchelten. Wenn Martin als Penner einem Polizisten den Sabber über die Hose sabbert und der sich mit abfälligen Worten ekelt, will das nicht Gute oder Böse zeigen. Es zeigt keine Häme, weder für den einen, noch für den anderen, es zeigt allein die tiefe Distanz. Für mich ist es der Blickwinkel des komplett aus dem sozialen Leben Rausgeworfenen, der unser normales Leben aus seinem enormen Abstand heraus, als lebensfeindlich und fremd empfindet. Eindrucksvoll wird das in der Szene, wo Martin eine belebte Straßenszene vom Wipfel eines Baumes aus betrachtet - er frei im Grünen - unten die menschlichen Maschinen in ihrer trostlosen Welt. Unsere Welt erscheint ihm wie eine Aneinanderreihung von anonymen Wegen, Fluren und Straßenzügen und er - ein Fremdkörper darin.
Diese innere Erzählperspektive ist auch akustisch unglaublich sinnlich und eindrücklich unterlegt. Die Geräusche der Stadt und dann die des Waldes. Man kann ihn förmlich riechen, den Wald.
DIE STADT:
Tote Bäume. In Weingartners Film herrscht Winter. Kein Frost, kein Eis, kein Schnee, aber Kälte. Klimatische Kälte und emotionale Kälte. Bäume, die ihre kahlen Äste in den grauen Himmel strecken. Die Häuserblocks wirken trostloser und grauer, als sie es ohnehin von Natur aus tun. Naturfarbtöne: braun, gelb, grün, und vor allem grau. Der Himmel so grau. Kühlblau. Handkamera nah dran. Nah an Martins Gesicht, nah an der Realität. Auf der Straße verweilt man jetzt ungern, mit hochgezogenen Schultern, behandschuhte Hände zurren unbeholfen an der Jacke, um sich vergeblich vor der eindringenden Kälte zu schützen. Zufluchten in unbeheizten Abrisshäusern, schlafen auf verratzten Matratzen in tristen Löchern. Schnaps in großen Schlucken, was kurzfristig wärmt, es kurzfristig erträglicher macht.
Das ist nichts für Feige und Faule. Hier kann Obdachlosigkeit fern vom lustigen Vagabundentum und seiner Clochardromantik gezeigt werden. Es ist nicht nett. Nichts ist nett hier. Kälte, Dreck, Sucht, Einsamkeit, Gewalt, Angst. Große Angst.
Rückzug in triste Löcher, in den Schnaps, in tröstliche Zahlenketten.
Ausgeschlossen vom Lebendigen. Ob auf der Straße, beim Flaschensammeln im Park oder im Supermarkt, Martin ist „draußen“. Kein Mensch freut sich über abgewrackte problembeladene Gestalten, niemand möchte sie sehen oder riechen.
Ausgesperrt.
Eine autistisch anmutende Lebenswelt, die den totalen Rückzug eines Menschen in Einsamkeit, Krankheit und Verelendung nicht nur hinnimmt, sondern nicht einmal bemerkt.
Der Film erspart uns zwar nichts, aber er verharrt auch nicht beim Zeigen eines Elends.
Es geht ihm um etwas anders. Um das Gefühl tief drin. Und das ist fein gemacht, dass Martin und Viktor verschiedene Sprachen sprechen, so kommt vieles durch Schweigen und auf der nonverbalen Ebene zur Sprache. Die beiden sind sich irgendwann sehr nahe gekommen und schlagen sich gemeinsam durch. Wie schön, dass Martin und Viktor sich gefunden haben, sie beschützen sich gegenseitig und ihre vater-sohn-artige Gemeinschaft ist berührend zart und spendet beiden Trost.
DER WALD:
Und wieder: Es ist kalt, es regnet, es ist hoffnungslos - und doch …
Er baut für sich und Viktor dort eine Hütte. Dort leben sie fortan. Im Wald, dem Ursprungsort des Menschseins. Und im Wald kann Martin plötzlich seine schiefe, krumme, Angst machende Welt, die unbewältigbar geworden ist aus den Angeln heben. Er kann sich frei fühlen, durchatmen. Wieder schön und stark und gut sein. Freier Atem, der durch Nase und Lungen strömt. Schnaps und Tabletten verlieren ihre Dringlichkeit und werden schlicht vergessen. Martin kann auf seine Art gesunden. Am Ende ist natürlich auch der Wald ein Illusion, die dort gefunden Heilung keine echte, aber er hatte kurz den Halt in sich selbst. Und in einer Vollmondnacht trifft er dort auch auf seinen Seelenverwandten. Den Wolf.
Beeindruckend ist sie Sequenz wo der leichte Regen plötzlich in Sturm übergeht.
Nah an den Gesichtern, nah an Martin dran. Peter Schneider heißt übrigens der Mann, der diesem Martin ein so lebendiges und authentisches Gesicht gibt. Auch Timur Massold überzeugt als Viktor, genug noch Kind und doch früh gealtert.
Krankmachende Kultur und gesundmachende Natur? Klar, irgendwie schon, aber auch das allein aus Martins Blickwinkel. Wer hier vordergründig Kritik unserer westlichen Zivilisation auf der einen Seite sieht und die Hippieverheißungen eines "gelobten Landes" auf der anderen, wird dem Film nicht gerecht. So einfach ist das nicht. Ich glaube das findet auch Weingartner.
Spätestens die geniale Volte zum Schluss, die alles noch mal in ein neues Licht taucht, stellt eh noch mal alles auf den Kopf.
winziger SPOILER:
[Nur geträumt:
Ich glaube auch nicht, dass es wirklich um Naturromantik geht oder die Verheißung eines alternativen Lebens in einer Hippiekommune. Ist das alles nur geträumt, so wie dass eine jungehübsche Zahnarzthelferin einen verwahrlosten mundfaulen Waldschrat ins Cafe einlädt, um am nächsten Tag ihren Job aufzugeben, um mit ihm in ein Hippiedorf nach Portugal auszuwandern?
Teilt nicht Lena das Schicksal Viktors?
Oder? ;-) ]
Mit
Das weiße Rauschen, hat Hans Weingartner uns schon einmal auf einen Trip in die Innenwelten eines psychisch Kranken geschickt.
Mighty Oaks, einer in Berlin beheimateten Indie-Folk-Band unterlegen den Film mit einem schönen melancholischen Klangteppich.
Wer das mag, mag vielleicht auch
Die Liebenden von Pont-Neuf oder
Vagabond ... dtsch. Titel "Vogelfrei" - aber der ist leider nicht zu bekommen.