Der Mythos ist bekannt: Vor der babylonischen Sprachverwirrung sprach die Menschheit eine Sprache - so die Genesis im Alten Testament. Solange man die Bibel für ein Geschichtsbuch nahm, lag die Folgerung nahe: Diese vorbabylonische Sprache musste die vollkommene Sprache per se gewesen sein. Welche Sprache also war das? Diese Frage hielt jedenfalls jahrhundertelang die Gelehrten in Atem, und deren Antworten und Überlegungen waren mitunter krude, mitunter aber zeitigten sie Ergebnisse, die heute so selbstverständlich wirken, dass kaum noch jemand darüber nachdenkt. Und schließlich dauert diese Suche gewissermaßen bis heute an - unter anderen Prämissen und mit anderen Zielen.
Die Geschichte der "Suche nach der vollkommenen Sprache" in all ihren Facetten ist ein gefundenes Fressen für Umberto Eco, der hier die verschiedensten Strömungen v.a. der europäischen Geistesgeschichte und ihre Ergebnisse unter den verschiedensten Gesichtspunkten abhandelt: Die Buchstabenmystik z.B. der Kabbala, die "Entdeckung" der Volkssprache durch Dante, die streng nach philosophischen bzw. erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten entwickelten Plansprachen des 16. und 17. Jahrhunderts, die Suche nach der "Ur-Muttersprache" der Menschheit unter den zeitgenössischen Volkssprachen und den Wettstreit, der sich aus dieser Suche ergab ("Sprachen Adam und Eva im Paradies womöglich dänisch?"), den "furor etymologicus", die Wechselwirkung zwischen linguistischen Thesen (im weitesten Sinne) und Enzyklopädien v.a. im 18. Jahrhundert, die Rekonstruierung des Indogermanischen, schließlich die "modernen" Plansprachen (z.B. Esperanto), und vieles, vieles mehr.
Das Buch ist interessant und liefert dem Leser so manchem Aha-Effekt, geizt dabei auch nicht mit Anekdoten - besonders hübsch der Hinweis auf Andreas Kempe, dersich im 17. Jh. "eine Eva ausdenkt, die von einer frankophonen Schlange verführt wird, während Gott schwedisch spricht". Hier allerdings läse man gern Kempes (ernstgemeinte!) Beweisführung. Schade, dass Eco sie nicht mitteilt...
Ecos erklärend gemeinte Schaubilder sind auch in diesem Buch oft rätselhaft; wer sie nicht auf Anhieb versteht, sollte davon absehen, in ihnen doch noch einen Sinn erkennen zu wollen. Verwirrend sind auch einige seiner Darstellungen modernerer linguistischer Thesen und Theorien (ab Ende 19. Jh.); diese Abschnitte sollte man besser meiden.
Vor allem: Eine allgemeine Einführung zum Thema ist die "Suche nach der vollkommenen Sprache" nicht; dazu müsste sie systematischer aufgebaut und stringenter formuliert sein. Man sollte ein gerüttelt Maß Vorwissen für die Lektüre mitbringen; Lesern ohne einschlägige Vorkenntnisse dürften etliche Kapitel nur schwer verständlich sein, besonders, da man im Anhang weder Sacherklärungen noch wenigstens ein Sachregister findet (Personenregister und Bibliographie freilich sind vorhanden).