"Die Suche" ist ein Comic, der unter Beachtung pädagogischer, fachlicher und didaktischer Kriterien für den Einsatz in Schulen und anderen Erziehungs- und Bildungsstätten konzipiert und realisiert wurde. Herausgegeben wird er vom Anne-Frank-Haus (in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Historischen Museum Amsterdam); inzwischen ist auch die deutsche Fassung erhältlich, die von einem Konglomerat deutscher Schulbuchverlage veröffentlicht wurde.
Thematisch geht es - das mag kaum verwundern - um den Holocaust, also um die gezielte und im industriellen Maßstabe betriebene Vernichtung der (neben anderen Opfern der NS) jüdischen Bevölkerung Europas durch die Nationalsozialisten und entsprechende Kollaborateure in den europäischen Umländern. In "Die Suche" wird das Schicksal zweier holländisch-jüdischer Familien beispielhaft herausgegriffen. Die Storyline wechselt dabei zwischen einer Gegenwartserzählung, in dem die Enkel bzw. Urenkel der betroffenen Familien mehr und mehr über die Vergangenheit ihrer Vorfahren erfahren, und der historischen Erzählschiene, in der die Ereignisse zwischen 1933 und 1945 am Beispiel beider Familien exemplarisch zusammengefasst werden.
Geschichte, Unterricht und Comics: Besonders bei den hohen fachlichen Ansprüchen, welche in der Referendarsausbildung sowie in den vorliegenden Kernlehrplänen und Richtlinien deutlich formuliert werden, stellt sich zunächst die Frage, ob "Die Suche" überhaupt den Ansprüchen genügen kann, die im Regelfall an ein Medium gesetzt werden, welches sich mit dem sensibelsten Thema der jüngeren deutschen Geschichte beschäftigt. Nach eingehender Prüfung kann gesagt werden: Obwohl es sicherlich schwierig ist, ein komplexes Thema wie den Holocaust in einem doch recht kurzem Comic umzusetzen, ist der Spagat zwischen Umfang, historischer Validität und schülerfreundlicher Gestaltung gut gelungen. Die historischen Hintergründe werden allesamt richtig dargestellt; auch wird, was die Darstellung einzelner Personengruppen (Deutsche Besatzer/Soldaten/Zivilisten/KZ-Wächter - Holländische Zivilisten/Kollaborateure etc.) angeht, entsprechend der historischen Fakten differenziert.
Von der Gestaltung her orientiert sich der Comic stark an Hergés Ligne claire. Das passt da besonders gut, wo die Zeichner sich historische Fotografien und andere Materialien als Vorlage genommen haben. Abgesehen davon wird "Die Suche" sicherlich keinen Preis für die besondere zeichnerische Gestaltung gewinnen, aber angesichts des Zieles, ein historisches Thema in einem Kinder und Jugendlichen leicht zugänglichen Medium zu realisieren, spielt dies sicherlich keine ausschlaggebende Rolle.
Soweit, so gut. Nun zu den Fragen, die den Pädagogen nun stets beschäftigen: Wo einsetzen, wie einsetzen, warum einsetzen? Meine (!) Antwort darauf lautet: Der Comic ist sehr gut dafür geeignet, Kinder und Jugendliche an das Thema heranzuführen, wo noch kein entsprechender Geschichtsunterricht das Thema aufgegriffen hat. Bespricht man in der neunten/zehnten Klasse (je nach Bundesland, Schulform etc.) die nationalsozialistische Herrschaft, so hat dieser Comic - zumindest am Gymnasium - meines Erachtens keinen Platz mehr. Hier kann man den SuS schon die reflektierte und "erwachsene" Aufarbeitung des Themas mit Hilfe von Autorentexten, Quellen und audiovisuellen Medien zutrauen. Den Platz für diesen Comic sehe ich dort, wo die SuS noch nicht im Rahmen des Faches Geschichte im 20. Jahrhundert angekommen sind. Der Holocaust mit seinen bis in die Gegenwart anhaltenden Folgen für deutsche Politik, Gesetzgebung und Ethikkonzepte geht auch an SuS jüngeren Alters nicht spurlos vorbei. Ob es nun die gedankenlose Verwendung des Wortes "Jude" als Schimpfwort ist, die Anwesenheit eines jüdischen Mitschülers, die historischen Spuren in der eigenen Gegend oder die mediale Präsenz des Thema in Film, Fernsehen und Zeitungen: Die SuS werden im Regelfall auf die eine oder andere Art und Weise mit dem Thema konfrontiert. Und hier bittet sich dann "Die Suche" an - aufgrund der hohen Zugänglichkeit, der guten Inszenierung, aber auch aufgrund des gelungenen Umgangs mit dem Thema.
Die zweite Chance für diese Publikation sehe ich dann eher in der Sekundarstufe II, womöglich im Leistungskurs Geschichte. Hier bietet sich die kritische Reflexion darüber an, inwiefern Comics ("Maus", "Die Suche") historische Sachverhalte entsprechend ihrer Komplexität abbilden und ihnen gerecht werden können. Auch entsprechende Seminare an den Universitäten werden sich natürlich über neues Futter zur fachdidaktischen Reflexion freuen... ;=)
Insgesamt kann man aufgrund des niedrigen Preises, der gelungenen optischen wie auch inhaltlichen Gestaltung und angesichts der gesellschaftlichen Bedeutung des Themas nur eine klare Kaufempfehlung aussprechen.