Auch wenn "Die Sturmrufer" der erste Band von Nina Blazons "Meerland-Chroniken" ist, kann der dreihundert Seiten starke Roman völlig für sich allein stehen. Obwohl die Geschichte vom Grundprinzip her einfach und traditionell gestrickt ist - vier Gefährten landen auf einer unheimlichen Insel und müssen sich gegen Ungeheuer und seltsame Erscheinungen zur Wehr setzen - gelingt es Blazon, aus diesem schlichten Konzept einen beeindruckenden Roman zu machen.
Dies hat vor allem zwei Gründe:
Zum einen schafft die Autorin für ihre Meerland-Chroniken ein wundervoll individuelles Setting. Eine magische Küstenwelt wird vor dem Auge des Lesers lebendig. Besonderes Lob verdient Blazon, weil sie sich nicht auf traditionelle Sagengestalten und Seemannsgarn verlässt, sondern mit Wesen wie den Naj und den Dschellar eigene Mythen erschafft, die viel zur Stimmung des Romans beitragen.
Darüber hinaus überzeugen die Charaktere der Gruppe, die über weite Strecken des Romans die einzigen Handlungsträger sind. Eine jede Figur unterscheidet sich von der anderen und trägt ihr eigenes Geheimnis mit sich herum, das sie vor den anderen bewahren will. Ebenso wie das unheimliche Mysterium der Insel werden diese Geheimnisse nur stückchenweise über den Verlauf des Romans offenbar, bis erst ganz zum Schluss, auf den allerletzten Seiten, diese Stückchen zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden. Viele Handlungen der Charaktere entfalten erst in der Retrospektive ihre volle Bedeutung. Nicht immer gelingt es Autoren, die Leser so lange zappeln zu lassen - ohne dass es den Gesamtverlauf der Handlung stört.
Handwerklich ist dieser gut durchkonstruierte Roman mit seinem faszinierenden Setting deshalb rund und durchaus empfehlenswert. Der Ueberreuter-Verlag hat ihn darüber hinaus noch sehr ansprechend verpackt. Kartoniertes Hardcover mit einem passenden Titelbild und qualitativ hochwertiges Papier rechtfertigen den Preis dieses phantastischen Jugendbuches. Man darf gespannt sein, was Nina Blazon für ihre Meerland-Chroniken noch aus dem Hut zaubert.