1974, als ich das Buch von Erhart Kästner las, war die Welt alles andere als in Ordnung: die Fernsehberichterstattung über den Vietnamkrieg hatte in meine Augen die Regierung der USA suspekt erscheinen lassen. Dabei war ich in einer gut katholischen Familie aufgewachsen mit klaren Vorstellungen von Gut und Böse, Oben und Unten. Auch die Folgen des Zweiten Vatikanischen Konzils samt nachkonziliarer Krise erreichten Deutschland, Hans Küng stellte die Unfehlbarkeit des Papstes in Frage.
Die "Stundentrommel vom heiligen Berg Athos" war aber bereits 1956 erschienen, als die Welt noch in Ordnung war also. Alles in diesem Buch, so schien mir, dreht sich um eine theologische Diskussion zwischen dem Abt des Klosters Megistis Lavras ("Wir wurden am Abend ins Gebäude des Abtes zum Essen geladen. Es gab reichlich, zu reichlich. Lawra ist ein vermögendes, und, wie der Ausdruck heißt, idiorhytmisches Kloster, in welchem jeder Mönch auf seine Art wohnt, ißt und trinkt, ohne gemeinsame Tafel; man darf auch Vermögen und Bedienung besitzen; es ist ohne Zweifel eine Entartung, ein Abfall von der alten Idee") und Pater Awakum, einem alten Asketen, der an die zwanzig Jahre als Einsiedler gelebt hatte, das Alte und das Neue Testament auswendig kannte und danach lebte. "...man spürtedie Stöße, man spürte die Schläge, die von dem Lumpenmanne am unteren Tischende kamen. Denn er saß am unteren Tischende, aber auf einmal war dieses Tischende oben. Er saß da, das Gesicht von Gräben durchzogen, die Augen geschlitzt, der Bart verwildert, auf dem Haupt einen Topfhut aus grauem Filz, der eher lächerlich war, und das alles wäre nichts Besonderes gewesen, wenn er nicht diese unglaubliche Freude ausgestrahlt hätte."
Ich habe dieses Streitgespräch noch oft gelesen. Es hat mir Mut zu der Erkenntnis gegeben, dass es Gut und Böse gibt, ebenso wie Oben und Unten. Dass aber Gut und Oben nicht immer eins sind. Ganz schön gewagt für 1956.