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15 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Einfühlsam und virtuos, 19. Februar 2007
"Ich bin nichts, nichts als ein heller Umriss" - ein mutiger Satz für eine Ich-Erzählerin am Beginn eines Romans. Ein Satz, der mit den Worten endet: "die schamlose Kopie eines ersten Satzes". Silke Scheuermann ist zunächst als Lyrikerin hervorgetreten und an der hohen Qualität der Bildsprache wie an der kunstvollen syntaktischen Formation ihres ersten Romans spürt man das auch allenthalben. Ihr gelingen - eingebettet in die Darstellung der Geschichte zweier Schwestern, von denen die eine, Ines, nach Jahren die Ich-Erzählerin, um Hilfe bittet, - atmosphärisch dichte, poetische Sequenzen.
Ines ist alkoholkrank, ihr Freund Kai, entnervt und überlastet mit ihren ständigen Abstürzen, bedrängt die Ich-Erzählerin ebenfalls, der Schwester beizustehen. Anfangs lehnt diese das ab: sie legt Wert auf Kontrolle und feste Strukturen, geplante Abläufe - die Welt ihrer Schwester ist ihr fremd. Doch dann entwickelt sich eine zunehmende Faszination, eine Affäre mit Kai beginnt und die Ich-Erzählerin verliert allmählich ihren festen Kontrollzugriff auf ihr Leben. Dabei werden ihre Sehnsüchte und ihre Einsamkeit spürbar.
Es ist nicht gelebtes Leben, an denen Scheuermanns Figuren laborieren. Immer wieder Sehnsucht nach Erfüllung, nach gelingendem Leben, nach zumindest temporärem Kontrollverlust und Entgrenzung. An der Affäre der Ich-Erzählerin mit Richard, einem Arbeitskollegen, wird dies deutlich: abends vor einem Kiosk trifft sie den getrennt lebenden Mann mit einem Korb Bierflaschen. Er will sich einen bequemen Videoabend mit Bier und Knabbereien machen und lädt die Ich-Erzählerin dazu ein. Trotz seines schäbigen Auftritts und des enorm Unspektakulären der Situation willigt die Erzählerin ein, ist gar fasziniert: "(...) was in mir plötzlich einen Schub Begehren auslöste, der lächerlich war angesichts seines Jogginganzugs und der Tatsache, dass er mir in der Redaktion nie wirklich aufgefallen war." Auch wenn der spätere Liebesakt parallel zu einem Frankenstein-Video abläuft und mit diesem immer wieder erzählerisch vernetzt erscheint, auch wenn die Akteure gleichsam Rollen spielen ("es war die Rolle einer mir in anderen Geisteszuständen fremden und sehr liebesbedürftigen Frau, in die ich mich an diesem Abend verwandelte"), sind beide mit dem Erlebnis zufrieden: "Wir beide, Richard und ich, waren bemüht, zu einem Paar zu werden und Gefühle zu teilen, zwar nicht der Liebe, aber doch der Zuneigung und der Lust, und wir waren hinterher beide zufrieden mit uns."
Ironische Brechungen, ein sehr verhaltener, ja behutsamer Humor zeichnet dabei Scheuermanns Schreiben aus und hebt sie von vergleichbaren Erzählungen und Romanen ihre Kolleginnen und Kollegen ab. Wenn die Gespräche der beiden Flirtenden sich um den Paranuss-Effekt drehen (die großen Nüsse werden von den kleinen durch Schüttelbewegungen hochgetrieben), wenn die Ich-Erzählerin ihre betrunkene Schwester auf offener Straße nach deren Hausschlüssel absucht all das sind Szenen, die an Botho Strauß Komik in Der Widmung erinnern, ein Werk, das in vielerlei Hinsicht mit Scheuermanns Roman vergleichbar ist.
Die Stadt Frankfurt, in der Scheuermann selbst lebt und die sie schätzt, spielt eine zentrale Rolle im Buch, erfrischend, dass die Protagonisten einmal nicht Berlin bevölkern. Bars, nächtliche Straßen, Hinterhöfe, Kiosks, Bistros es sind night-hawk-locations, die Scheuermann kunstvoll semantisch aufgeladen werden.
Auch der Gattungsbezeichnung Roman, mittlerweile von Verlagen nahezu jedem Prosatext angefügt, um den Titel zu verkaufen, hält Scheuermanns Werk Stand: es ist welthaltig, trifft das Lebensgefühl unserer Zeit, setzt ein kunstvoll entworfenes Personengefüge im semantisierten Raum der Großstadt Frankfurt ein, um Beziehungen, Lebenswelt, Sehnsüchte und Befindlichkeiten zu veranschaulichen, die sich weit verzweigen.
Am Ende steht ein utopisches Potential, das vielen vergleichbaren Texten abgeht: Im Wald mit ihrer Schwester artikuliert die Ich-Erzählerin offen, wonach sie sich sehnt: "Ich stand, ohne mich zu rühren, im lichten Wald, ich sah Ines zu, die den Flachmann weggestellt hatte, und mit einem Stöckchen Linien ins Moos zeichnete, und ich gab mich der unsinnigen Hoffnung hin, die mich überfallen hatte, der Hoffnung, dieser Wald könnte alles Unheil von uns abwenden, hier, jetzt, könnte sich ein schützender Zauber über uns legen, ein Zauber, der nicht weniger war als ein unausgesprochenes, unaussprechliches, unanständiges Geschenk, das das Leben uns machte, indem es uns Seelen schenkte, in denen Zartheit und Geduld herrschte, so dass unser Dasein endlich zur Deckung käme mit jener Vision eines guten Lebens, die wir in uns trugen und immer wieder sahen, wenn auch nur als Schatten (...)"
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11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Über die Desorientierung einer Generation, die an die Veränderung der Gesellschaft nicht mehr glaubt - große Poesie in Romanform, 13. April 2008
Diesem Buch spürt man von der ersten bis zur letzten Seite ab, daß es von einer Frau geschrieben ist, die ihre ersten Schreibversuche und dann auch Veröffentlichungen als Lyrikerin gemacht hat.
Schon mit dem ersten Satz nimmt Silke Scheuermann den erwartungsvollen Leser, der die vielen lobenden Kritiken in den Feuilletons der großen deutschen Zeitungen gelesen und den Ulrich Greiners Vergleich mit Rilke skeptisch gespannt gemacht hat, mit auf eine sprachlich anspruchsvolle Reise:
"Ich bin nichts, nichts als ein heller Umriss... die schamlose Kopie eines ersten Satzes."
So führt sich die namenlose Ich-Erzählerin, die gerade von Rom nach Frankfurt umgezogen ist, in die Handlung ein. Sie war in Rom als Korrespondentin ziemlich erfolgreich, kehrt aber jetzt in ihre Heimatstadt Frankfurt zurück ( wie wohltuend, daß ein erfolgreicher Roman mal wieder dort und nicht in Berlin oder München spielt), um dort für eine Zeitung zu arbeiten. Doch schon nach einigen Tagen trifft sie ihre Schwester wieder. Ines heißt sie, eine schwierige Persönlichkeit, mit der man bis zum Ende des Buches nicht recht warm werden will. Sie war, wie sich bald herausstellt, eine erfolgreiche Malerin, ist mittlerweile aber sehr dem Alkohol verfallen.
Ines bittet ihre Schwester um Hilfe. Wer jemals mit einem Alkoholiker in der Familie oder im Freundeskreis zu tun hatte, weiß, wie abstoßend und schwierig solche Kontakte sein können. So nimmt es nicht wunder, daß Ines bei ihrer Schwester zunächst auf kühle Zurückhaltung und Ablehnung stößt. Nicht schon wieder will diese in das Muster der ewig Helfenden zurückfallen. Sie will ihre eigene , eher abgeschlossene Lebenswelt retten, sich nicht mit der Welt der Schwester auseinandersetzen, von der sie doch mit jedem weiteren Kontakt mehr und mehr angezogen wird. Besonders der ko-abhängige Freund und Partner von Ines, Kai, berührt sie. Aus Anziehung wird wirkliche Berührung und die beiden beginnen eine Affäre. Die Ich-Erzählerin steigert sich in einen fragwürdigen, rauschartigen Glückszustand, der sie seltsamerweise ihrer kranken, am Boden zerstörten, verzweifelten Schwester immer näher bringt. Mit Kai hat sie Sex, zwischen ihrer Schwester und ihr aber kommt es immer mehr zum Austausch von Gefühlen wahrer Liebe.
Doch diese Gefühle werden von den Protagonisten Scheuermanns nur skeptisch wahrgenommen. Man kann ihnen nicht wirklich trauen, weil man der Welt, in der man lebt und leidet, nicht mehr trauen kann.
Und so erzählt dieser Roman von der Desorientierung einer Generation in und an einer Gesellschaft, an deren Veränderung sie nicht mehr glaubt und die ihnen mehr und mehr die echten Gefühle und Emotionen entzieht. Eine "hochemotionale Beobachtungskälte" hat Ulrich Greiner in der ZEIT Silke Scheuermann bescheinigt. Doch bei aller Distanz zu ihren Figuren lässt sie die Hoffnung auf einen Neubeginn niemals ganz schwinden. Und das macht diesen Roman zu einem Buch, das man am Ende dann doch zufrieden aus der Hand legt, obwohl die Fülle der drastischen Bilder und die Schilderung jener "Stunde zwischen Hund und Wolf" bei der alkoholabhängigen Ines den Leser über lange Strecken arg mitgenommen haben.
Auf den nächsten Prosatext dieser Schriftstellerin darf man sehr gespannt sein.
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7 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Zwei Schwestern wie sie unterschiedlicher nicht sein können, 25. März 2007
Silke Scheuermann debütierte 2001mit dem Lyrikband "Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen",2004 erschien ihr Gedichtband "Der zärtlichste Punkt im All", 2005 dann ihr erster erfolgreicher Erzählband "Reiche Mädchen". Zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen hat sie mittlerweile bekommen, unter anderem den Hermann- Hesse- Literatur Förderpreis 2006. Jetzt hat sie mit "Die Stunde zwischen Hund und Wolf", ihren ersten Roman veröffentlicht.
Ein schmaler, aber dennoch wunderbarer Roman, bei dem der "nouveau roman" aus Frankreich als Vorbild gedient haben könnte, denn die Ich-Erzählerin ist eigentlich namenlos, selbst ironisch, lakonisch und arrogant. Dabei ist die extreme erzählerische Diskretion sehr auffällig.
Im Zentrum des Romans stehen zwei Schwestern, die sich seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Die eine ist die namenlose Ich-Erzählerin, die ewig Helfende, deren ältere Schwester Ines, die eigenwillige Malerin, die offensichtlich in ihren zwanziger Jahren einmal eine sehr erfolgreiche Künstlerin war, mittlerweile eher an der Flasche hängt. Dieses Schwesternmotiv, das den Roman sehr bestimmt, zeigt zwei Frauen die sich im Übergang treffen, die sich lange nicht mehr gesehen haben und doch eine gemeinsame Geschichte verbindet. Die Protagonistin kommt als Journalistin nach Frankfurt, lernt dort plötzlich ihre Schwester wieder neu kennen, die sie um Hilfe bittet, aber nur auf Kälte und Missbilligung trifft.
Die Schwestern mögen sich nicht besonders, sie haben sich entzweit, vermutlich deshalb, weil die Malerin den Vater als Material benutzt hat, ihn noch im Sterben gemalt hat. Die Ich - Erzählerin nahm ihr das sehr übel, weil sie sagte, Vater war ein diskreter Mensch, er hätte das so nicht gewollt, steckte aber in seinem Zustand in extremer Passivität.
Ines hat die Kontrolle über ihr Leben verloren, sucht bei ihrer Schwester Rat und Hilfe. Der Alkoholismus, die Sucht der Schwester gerät zunächst sehr ins Zentrum, wobei die Protagonistin die Meinung vertritt, Sucht ist eine Entscheidung. Die Ich-Erzählerin ist ein gnadenloser Kontrollfreak, während Ines die Kontrolle verliert. Die Protagonistin, die noch nicht einmal einen Namen hat, bleibt sehr zurück genommen. Beiläufig erfährt man, dass sie einmal in Rom verheiratet war. Aber eigentlich gehört zur Charakterisierung dieser Person, dass sie so überhaupt nichts von sich preisgeben will.
Der Trick der Perspektive ist, dass eigentlich sehr viel passiert. Die Ich-Erzählerin zieht gerade um, die Schwestern begegnen sich wieder, sie fängt ein Verhältnis mit einem Arbeitskollegen an und sie hat eine rauschhafte Affäre mit Ines' Freund. Das alles passiert in nur zwei Wochen.
Zwei komplizierte Liebesverstrickungen, über die nicht alles verraten werden soll. Zunächst gerät die Protagonistin rein zufällig in diese wirklich romantische, einen nie geahnten Glückszustand hervorbringende Liebesbeziehung mit Kai. Ines kommt nach einem Unfall ins Krankenhaus. Kai und die Ich-Erzählerin treffen zufällig in der Wohnung von Ines aufeinander, wo beide Bücher und Kleidung für das Krankenhaus zusammenstellen wollen. Und da es die erotische Spannung schon vorher gab, passiert es halt und wir werden Zeuge einer so unmöglichen Liebesgeschichte, die eigentlich genau das Gegenteil von einer "Kontaktanzeigen Anbahnung" ist.
Es gibt eine zweite Liebesgeschichte mit Richard, einem Kollegen von der Zeitung in Frankfurt, bei der sie arbeitet. Sie hat Richard zum ersten Mal geschlafen und dann gibt es da die schöne Stelle im Text:"Wir sahen uns an, entspannt, nach diesem gemeinsamen erfolgreich verlaufenden Erlebnis. Der Erfolg einer effizienten, beide Parteien zufrieden stellenden kollegialen Zusammenarbeit".
Mit einer Portion Ironie, ganz ohne jede Spur von Romantik, sollen diese beiden Liebesgeschichten nebeneinander gestellt werden.
Die Autorin berichtet melancholisch, romantisch und doch dann auch wieder lapidar, immer mit einer Portion Ironie von einer Gesellschaft in der hohe Ansprüche existieren, aber diese immer wieder an banalen Alltäglichkeiten scheitern und in das romantische Moment eigentlich Konsum aufgeladen ist.
Das extreme Maß an erzählerischer Diskretion, ist sicher auch ein erzählerisches Credo der Erzählerin Silke Scheuermann. Es ist einfach der Geschichte geschuldet, dass die Geschwätzigkeit der Figuren unterdrückt wird und intime Details an den Rand gestellt werden.
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