"Nationen werden in Blut geboren. Genau wie Babys. Der Unterschied ist, das sich das Blut bei Nationen nicht so leicht abwaschen lässt. Es klebt und klebt und..." Diese Sätze legt Autor Bernhard Jaumann einem namibischen Kriminalbeamten in den Mund. Wie oft wird von Touristen, die dieses herrliche Land besuchen, vergessen, dass die Unabhängigkeit erkämpft werden musste, auch mit Gewehren - weil die weißen Besatzer der Rassistenarmee des früheren Südafrika sich über Jahrzehnte geweigert haben, die vielen Resolutionen der UNO zu achten, sondern Namibia weiter unterjochen wollten. Es ist sehr ungewöhnlich in der deutschen zeitgenössischen Literatur, dass in einen Kriminalroman politische Gedanken eingeschrieben werden. Hierzulande publizieren die Verlage lieber "Politthriller" aus den USA, die sich nicht mit der für jeden Leser nachvollziehbaren deutschen Gegenwart beschäftigen. Namibia ist Gegenwart, weil dort die weißen deutschstämmigen Farmer, Nachfahren der Kolonisten, immer noch die wirtschaftliche Macht fest in ihren Händen halten und darüber zu reden oder zu schreiben ein deutsches Tabu ist. Jaumann setzt sich in seinem Krimi darüber erfrischend hinweg. Schon das Thema packt ein heißes Eisen an: Vor zwanzig Jahren wurde Anton Lubowski ermordet, erstes weißes Mitglied der namibischen Regierungspartei SWAPO. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haben Buren das Verbrechen verübt, Mitglieder eines rassistischen Geheimdienstes der früheren Apartheidregierung Südafrikas. Es gab nie einen Prozess, der Mord ist gerichtlich bis heute nicht aufgeklärt, die Tat nicht gesühnt. Die der Tat äußerst verdächtigen mutmaßlichen Verbrecher sind namentlich bekannt. Jaumann, der inzwischen in Namibia lebt, hat lange recherchiert und legt in seinem spannenden Krimi eine Fantasielösung des Falles vor, nennt dabei die wirklichen Namen der Tatverdächtigen und schließt in seinem Nachwort mit einer Aufforderung: "Falls irgendwer meine erzählerische Vergegenwärtigung dessen, was geschehen sein könnte, als untragbar ansieht, steht ihm der Gerichtsweg offen. Vielleicht kommt es dann zu einem Prozess, der endlich Licht in die Sache bringt".
Jaumann beweist, dass Krimiautoren sich nicht nur ihrer Fantasie hingeben müssen. Die Beschäftigung mit hochbrisanten politischen Fragen kann auch in Deutschland Rezept für schriftstellerischen Erfolg sein. Das sollten sich die großen Verlage merken. Erfrischend ist auch die Aufmachung der realistischen Erzählung: in Kursivschrift eingeschoben lässt der Autor seine Personen immer wieder einmal selbst zu Wort kommen, schafft dadurch einen anderen Blickwinkel des Handlungsablaufs.
Wer Namibia kennt, wird Straßen, Plätze und Landschaften wiedererkennen. Wer noch nie dort war, könnte durch den Krimi dazu angeregt werden, das Land zu besuchen und wird dabei nicht wie fast alle Touristen ausschließlich durch Reiseliteratur auf dem Pfad leider immer noch kolonistisch gefärbter deutschstämmiger Namibier vorbereitet sein. Eines der besten Bücher, die in diesem Jahr auf den Markt gebracht wurde. An dieser positiven Bewertung halte ich fest, obwohl Jaumann wie fast alle deutschen Autoren leider immer wieder in alten kolonialen Sprachgebrauch verfällt ("Buschmänner", "Stamm" etc.).