Die Stunde des Wolfs" ist ein ganz besonders faszinierender Film von Ingmar Bergman. Das Paar Johan und Alma leben seit sieben Jahren fast das ganze Jahr über auf einer Insel, die wahrscheinlich zur Ostseeinsel Gotland gehört. Die Stamm-Darsteller Liv Ullmann und Max von Sydow sind wahrhaftig ein beeindruckend schönes Paar. Liv Ullmann spricht den Prolog und den Epilog, wie sie das schon öfters in Bergman-Filmen getan hat. Johan und die schwangere Alma lieben sich wirklich, was zwischen beiden steht ist die frühere Geliebte Johans, Veronica Vogler. Dass Johann Veronica nicht vergessen kann überschattet das Glück der beiden. Er kann nachts nicht schlafen, er und Alma warten immer den Tagesanbruch ab, weil Johan sich vor der Dunkelheit fürchtet. Diese Furcht hat ihren Ursprung in traumatischen Kindheitserlebnissen. Alma beschäftigt sich in Gedanken viel mit der Tatsache, dass es Paare gibt, die durch ein lebenslanges Zusammenleben einander gedanklich und vom Gesichtsausdruck her ganz ähnlich werden. Sie träumt davon dass auch ihr und Johan dieses Glück beschieden sein wird, dass sie gemeinsam alt und einander ganz ähnlich werden. Johan ist Maler und wird eines Tages vom Eigner der Insel, einem Baron, mit Alma auf dessen Schloß zum Speisen eingeladen. Eines morgens erscheint Alma eine Angehörige der Schlossfamilie und empfiehlt ihr das Tagebuch Johans heimlich zu lesen. In diesem surrealistischen Film, ganz besonders beeindruckend durch das Schwarz/Weiß-Format, verwischen sich Realität und Phantasie und sind schwer zu durchschauen. Alma liest in dem Tagebuch. Johan erlebt surrealistische Begegnungen wenn er die Schönheit der kargen Insel malt. Auch erscheint ihm Veronica Vogler, die ihm erschreckende Ereignisse prophezeit. Als Johan und Alma die Einladung zum Essen im Schloss annehmen, lernen sie die gesamte Schlossfamilie und einige zwielichtigte Verwandte kennen. Der zwielichtige Herr Lindhorst, der Ähnlichkeit mit einem Vogel hat, lädt die Abendgesellschaft nach dem Kaffee zu einer kleinen Aufführung seines Puppentheaters ein. Ein Ausschnitt aus Der Zauberflöte" wird gespielt. Während Herr Lindhorst die Szene aus der Zauberflöte in seinem Puppentheater ablaufen lässt, fällt das Licht und der Schatten in diesem finsteren Schloss tatsächlich so auf sein Gesicht, dass er einer Krähe ähnlich sieht. Die musikalische Untermalung der Szene aus der Zauberflöte beeindruckt alle ZuseherInnen dieser Abendgesellschaft. Johan fühlt sich nicht wohl dort bei der Familie, er trinkt zuviel, wird etwas aggressiv. Irgendwie haben alle Ereignisse an diesem Abend einen Bezug zu der Existenz Veronica Voglers. Auch die Szene aus der Zauberflöte, dargestellt durch das Puppentheater, haben Bezug auf sie. Johan erkennt dass Veronica noch lebt, wie Pamina, als Tamino verzweifelt den unsichtbaren Chor fragt: Lebet Pamina noch ? und der Chor antwortet: Pamina lebet noch." Als FilmzuseherIn ist man absolut gefesselt von dem Handlungsablauf. Ergreifende Worte werden von dem Intellekutellen Herrn Lindhorst über Mozart und die Zauberflöte gesprochen. Die Ehefrau des Barons von Mertens zeigt dann noch ein Portrait Veronica Voglers, das Johan vor vielen Jahren gemalt hat. Auch Alma ist fasziniert von der Schönheit Veronicas. Auf dem Heimweg in ihr Seehäuschen hat Alma ängstliche Gefühle, dass ihre Beziehung zu Johan durch die Schlossfamilie gefährdet wird. Sie gesteht Johan dass sie sein Tagebuch gelesen hat. Als beide wieder in ihrer Seehütte sind erzählt Johan über die Stunde wenn die Nacht zur Neige geht und die Morgendämmerung kommt. Dies sei die Stunde des Wolfs, in der nach Legenden die meisten Menschen sterben und die meisten Kinder geboren werden. Johan gesteht Alma dass er einen Jungen getötet hat, durch den er sich beim Angeln beobachtet und gestört gefühlt hat. Seinerzeit erzählte Johan Alma dass seine Verletzung am Hals von einem Schlangenbiss gekommen sei, in Wirklichkeit aber vom Todeskampf mit dem Jungen kam. Diese Geschehnisse entspringen den Halluzinationen Johans durch seine psychische Krankheit. Nachts erscheint wieder einer der Schlossbewohner in dem Haus, obwohl die Tür zweimal verschlossen war, und lädt das Paar erneut zu einer Party im Schloss ein und lässt eine Pistole auf dem Tisch liegen mit dem Hinweis zur Verteidigung gegenüber Kleintieren auf der Insel. Er erzählt dass auch Veronica Vogler auf dieser Party anwesend sein wird. Alma wird jetzt aktiv und holt das Tagebuch Johans hervor und will mit ihm über Veronica sprechen. Zwischen dem Paar werden gewaltige Worte gesprochen, Alma zitiert aus dem Tagebuch dass Johan seine Beziehung zu Veronica mit den Bibelworten Mann und Frau zu einem Fleisch geworden" ansieht. Alma erinnert Johan an dessen Worte, dass er zu ihr einmal gesagt hat was er an ihr liebt ist dass er glaubt dass sie (Alma) von Gott aus einem Stück geschaffen wurde, dass sie zu echten Gefühlen und aufrichtigen Gedanken fähig ist, und wie wichtig es ist dass es solche Menschen gibt. Johann spielt mit der Pistole und Alma wird von ihm mit harten Worten weggeschickt. Er eilt zum Schloss und begegnet der Mutter des Schlossherren, die ihm den Aufenthaltsort Veronicas verrät. Er begegnet dem gegenwärtigen Geliebten Veronicas und dann Herrn Lindhorst, dem Vogelmenschen". Er wird von ihm verschönert, mit Lippenfarbe, Lidstrich und Puder und bekommt noch einen Pyjama und einen Morgenmantel für sein bevorstehendes Liebesabenteuer mit Veronica. Dazu muss man sagen dass der Darsteller Max von Sydow aussieht wie ein griechischer Gott aus der Antike, nachdem er von Herrn Lindhorst geschminkt wurde. Johan schreitet in einen grossen Saal und sieht eine mit einem Tuch bedeckte Figur auf einer Bahre, das Bild erscheint wie ein Sezierraum in der Gerichtsmedizin. Er geht vorwärts und nimmt nach und nach das Leichentuch von der angeblich toten Person ab und erkennt Veronica, die sich tot stellt. Er kann es nicht fassen und streicht ihr liebevoll vom Gesicht und Haar bis zu den Fussspitzen, als Veronica plötzlich hysterisch zu Lachen anfängt. Sie umarmt ihn und küsst ihn wild und ungestüm. Plötzlich steht die Schlossfamilie hinten ihm Saal und stimmt ein Gelächter wie aus dem Jenseits an. Dieses Gelächter soll Johan in seinen Gefühlen erniedrigen. Durch die Zärtlichkeiten mit Veronica verwischt sein Make-up und er hat den Gesichtsausdruck eines Wolfs, der ein Schaf gerissen hat. Diese eindringlichen Szenen lassen die geliebte Veronica als austauschbares Objekt erscheinen, das sich mit der Schlossfamilie, von Johan abwertend als die Menschenfresser" genannt, verbündet hat um ihn zu verhöhnen. Johan durchschaut die Szene schnell und bedankt sich bei Veronica für diese Inszenierung, er sagt ihr die Grenze sei endlich überschritten, er fragt allerdings Veronica noch, was die Scherben reflektieren ? Veronica sitzt als Sexualobjekt wortlos da und ist plötzlich von einer Minute auf die andere entzaubert. Durch diese furchtbaren Erkenntnisse und Erlebnisse schafft Johan es sich von dem Zauber Veronicas zu lösen und die Wahrheit zu erkennen. Durch diese Szenen wird eine Katharsis Johans dargestellt. Johan in seiner Verzweiflung irrt auf der Insel herum, mal im Seehaus, Tagebuch schreibend, mal irrt er in den Wald. Alma läuft ihm hinterher, weil sie Angst hat ihm könnte etwas zustossen. Die furchtbare Schlossfamilie beobachtet das unheimliche Geschehen. Die von Johann als Menschenfresser" bezeichneten Schlossbewohner sind überall und beobachten ihn. Der Film endet schliesslich mit dem Epilog Almas, die sich wieder Gedanken macht ob es nicht tatsächlich so ist, dass Liebende, die ein Leben lang zusammenleben, einander ähnlich werden. Sie zweifelt ob ihre Liebe gross genug war Johan zu beschützen. Der Anspruch an die geneigten ZuseherInnen sehe ich darin, dass jede/r sich selbst einen Schluss ausmalen kann. Vielleicht wird Johan wieder gesund und überwindet die grauenhafte Enttäuschung über seine vergangene Liebe und findet mit Alma wieder zusammen. Auffallend ist von Beginn bis Ende des Films die zärtlich streichenden Gesten seiner feingliedrigen Hände über das Gesicht und Haar Almas. Auch zum Ende des Films, in seinem Wahn, streichelt er zärtlich den Kopf Almas, obwohl man nicht genau sehen kann ob er sie wirklich erkennt. Ein grandioser Film, ohne jede Einschränkung zu empfehlen. Grosses Kino !