Ein Buch, dass ein paar Fragen beantwortet und 100 neue aufwirft - ein bißchen hilflos kam ich mir da schon vor. Zwar macht Joris hier anders als bei ihren vorherigen Kongo-Erzählungen genaue Zeit- und Ortsangaben, es gibt eine Landkarte und ein Glossar. Dennoch überfordert den Leser die Vielzahl an nicht richtig eingeführten Charakteren - ganz abgesehen von den sowieso extrem komplexen Problemen des Landes und seiner zwei Kriege 1997 und 1998, die sie schildert. Schwierig ist auch die schwimmende Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion. Allzu oft gibt Joris innerste Gedanken ihrer Hauptfigur Assani preis, die man eher einem allwissenden Erzähler fiktionaler Literatur zuordnen würde, obwohl es sich um eine wahre Geschichte handeln soll, höchstens zugespitzt und verdichtet.
Nach wie vor schätze ich Joris' sachliche Art der Berichterstattung, in der nichts verurteilt wird. So befehligt ihr Protagonist Assani zwar eine Armee von Kindersoldaten, die er zum Teil selbst rekrutiert und "ausbildet", und wahrscheinlich ist er mitverantwortlich für grausames Massenmorden, auch von Zivilisten, im Osten des Landes. Gleichzeitig schildert sie überzeugend, dass Assani vollkommen unfreiwillig in diese Situation gezwungen wurde, dass er zunehmend selbst bedroht ist und eigentlich in diesem Land bzw. unter den Voraussetzungen der tribalistischen Ideologie Mobtutus bzw. Kabilas (sen. wie jun.) keine Chance auf Zugehörigkeit, keine Daseinsberechtigung hat.
"Warum solltest Du nicht lange leben?"
"Erstens, weil ich Afrikaner bin, zweitens, weil ich Kongolese bin, drittens Tutsi und außerdem ... Munyamulenge!" (S. 169)
- Für die Einen ist er dies, für die anderen das - und für Irgendjemanden immer der Feind. Der Kongo ist keine Nation (ein Narr, der das erwartet hat) und scheint es aufgrund von Kriegen, wechselnden Allianzen der Führungselite, Agitation und Pogromen bis auf weiteres auch nicht werden zu können. So klar war mir das nicht. Natürlich ist der Begriff der "Nation" ein oktroyiertes Konstrukt, aber die Vielzahl der Konfliktlinien innerhalb der Bevölkerung, die so extrem gereizt sind und immer wieder von Demagogen angefacht werden, insbesondere gegen ruandophone Gruppen, ist doch außerordentlich ernüchternd.