© Tonio, filmkritik99.jimdo.com
"The Comedians" ist in seinen besten Momenten ein komplexer, bitterer, genauestens und subtil inszenierter, gnadenloser Politthriller. Darin ist er dermaßen beeindruckend, dass ich für seine schwachen Momente nur einen Stern abziehe, obwohl sich gewisse Schwächen kaum leugnen lassen. Nach Graham Greenes Roman wird eine Geschichte um den Terror des Haitianischen Präsidenten Duvalier erzählt. Der Film spart dabei nicht mit Drastik, schon zu Beginn sehen wir Fotos von grausam verstümmelten Leichen, die das Regime auf dem Gewissen hat und deren Gesichter von einem Offizier rot durchgestrichen wurden - so löscht man Leute aus, ohne sich selbst die Finger schmutzig zu machen. Der Kinderlobgesang auf Duvalier macht sofort einen grausamen Eindruck dessen, was effektiver Totalitarismus bedeutet: Jede Strophe endet auf "Präsident fürs Leben". Das weist einerseits darauf hin, dass dieser Mann tatsächlich das gesamte Leben seiner Untertanen kontrollieren will, und andererseits darauf, dass er sich nicht abwählen lassen wird. Was dann folgt, ist ein schroffes Spiel mit Gegensätzen, die eine aus den Fugen geratene Welt zeigen, aber auch demonstrieren, dass Selbsttäuschungen und das Sich-Verlassen auf vorgebliche Gewissheiten nicht funktionieren. Hier ist jeder ein "Komödiant", der entweder anderen etwas vormacht, oder aber sich selbst. Ein Offizier Jones (Alec Guinness), dessen britische Hochnäsigkeit wie eine Karikatur aus Guinness' Haltung in "Die Brücke am Kwai" erinnert, wird verhaftet, obwohl er auf persönliche Einladung eines Haitianischen Offiziers gekommen ist. Doch dieser ist nun sein Zellennachbar und andere haben das Sagen. Als Jones zusammengeschlagen wird, schneidet die Kamera von seinem Schmerzensschrei auf einen Freudenschrei der Begrüßung um, mit der ein Haitianer den Hotelier Mr. Brown (Richard Burton) willkommen heißt. Offiziere können sich nicht mehr auf ihre Connections verlassen, Einflussreiche sind abgesetzt, Folter und Tod gehen mit falscher Jovialität und idealistisch-propagandistischer Verklärung durch instrumentalisierte Kinder einher. Willkommen auf Haiti! Die Anzeigetafel mit dem entsprechenden Schriftzug scheint direkt den Zuschauer anzusprechen und zu sagen: Willkommen in einer völlig perversen Welt. Nach der furiosen Einleitung des Filmes ein angemessen galliger Kommentar!
Der Film wird als Polit-Thriller brillant bleiben und uns noch mehrere Male mit brutalen Kontrasten schockieren. Brown hat es tatsächlich geschafft, Touristen für sein Hotel zu finden, das er eigentlich in den USA verkaufen wollte, aber wegen der politischen Lage fand er keinen Käufer. Nun muss er aber erst einmal eine Leiche aus dem Pool heimlich wegschaffen, bevor seine Gäste dies merken, und wiederum nutzt der Film einen abrupten Schnitt zur Verdeutlichung. Nach der Nacht-und-Nebel-Aktion ist es plötzlich ein herrlich sonniger Tag und Browns neue Gäste genießen das Baden im Pool. Diese stehen nicht so sehr für ihre eigene sorglose Haltung (im Gegenteil, Lilian Gish beweist in einer starken Rolle Zivilcourage), sondern für diejenige von Brown, der ein Duckmäuser ist und bestrebt, sich aus allem herauszuhalten. Gibt es auch Folter und Mord, so spült er es weg, möchte es und sich mit dem frischen Poolwasser reinwaschen und seinen Gästen einen komfortablen Aufenthalt bieten. Dass er - obschon wir spüren, dass irgendwo in ihm ein Rückgrat schlummert - sich ganz gern vor Verantwortung und Aufrichtigkeit drückt und hofft, sein unstetes Leben bis in alle Ewigkeit weiterzuführen, zeigt sich noch an einem anderen Umstand: Er hat ein Verhältnis mit der jungen Frau eines Botschafters. Hier nun bekommt der Film leider einen Knacks - die Frau wird von Elizabeth Taylor dargestellt. Burton/Taylor, das war 1967 ein Kult-Paar, im Film wie im Leben, und so ganz sicher bin ich mir noch nicht, ob dieser Anflug von Hochglanz in einen eher düsteren Politthriller paßt. Obwohl sich das Drehbuch (von Greene selbst verfasst) eine gewisse Mühe gibt, das fehlende "Flagge zeigen" im Privaten und Politischen zu parallelisieren und die Figur dieser Frau am Ende dramaturgisch wichtig ist, fallen doch die Begegnungen von Burton und Taylor aus dem Rahmen. Mitunter wirken in diesen Passagen selbst die Dialoge ein bißchen platt, wie aus der Beziehungskistenwerkstatt durchschnittlicher Fernsehschmonzetten ("Drei Monate warst du weg, das sind wie drei Jahre, wie dreißig Jahre"). Die glamouröse Taylor wirkt in ihrer nicht besonders großen Rolle wie ein Fremdkörper und das Paar ist ein Gefangener der Erwartungshaltungen. Der Film scheint sie irgendwie bedienen zu wollen und zieht das Geplänkel zwischen den beiden mitunter in die Länge, aber es wäre der Geschichte vielleicht dienlicher gewesen, die Frau mit einer anderen Darstellerin zu besetzten und die Rolle wirklich so weit zu verkleinern, wie sie für die Geschichte wichtig ist - dann aber sie so aufmerksam zu inszenieren wie den ganzen Rest. Dieser überrascht nämlich immer wieder durch beeindruckende Einfälle selbst in allerkleinsten Details. Das Regime schreckt wie gesagt vor nichts zurück (Störung der Totenruhe und Leichenraub / Ermordung eines Arztes mitten im OP-Saal, bevor die OP durchgeführt ist), und wir sehen nicht nur die offensichtlichen Scheußlichkeiten, sondern werden auch durch scheinbare Randnotizen auf das Ungeheuerliche hingewiesen. Als beispielsweise die Militärs eine Beisetzung nicht zulassen und ein Tor zum Friedhof versperren, hören wir auf einmal das Summen einer Fliege - sobald klar ist, dass der Tote nicht anständig begraben werden wird. Und was den druckvollen und manchmal etwas plakativ wirkenden Teil der Darstellung betrifft (Schurken mit Sonnenbrillen, finsterem Blick, tief sitzenden Hüten und harten Fäusten), so hat dieser absolut seine Berechtigung: Es geht dabei nämlich immer darum, dass Menschen wie Jones und Brown ihre Augen vor dem Offensichtlichen verschließen, Jones in Selbsttäuschung und Angst, Brown nur in Angst (clever: in einer markanten Szene zwischen den beiden ist von Noel Coward die Rede, man hätte eigentlich jede andere Show-Berühmtheit erwähnen können, aber es ist der Mann, dessen Name "Feigling" bedeutet). Wir Zuschauer haben sozusagen den Informationsvorsprung und bekommen die ganze hässliche Fratze des Regimes vor Augen geführt. Umso schonungsloser zeigt der Film das Wegschauen der Protagonisten. Das gilt übrigens auch für den von Peter Ustinov gespielten Botschafter, der sich vormacht, seine Frau sei ihm noch treu. Was dieser selbstverschuldete Irrglaube mit ihm angerichtet hat, sehen wir in einer brillant gespielten Szene, in der er ganz kurz seine Contenance verliert und sie schlägt, weil sie ihm den Spiegel vorgehalten hatte. Obwohl Ustinov hier nur kleinste mimische Irritationen zeigt, spüren wir, dass dieser Minimalismus für eine völlig niederschmetternde Desillusionierung und für einen vollständigen Würdeverlust steht, denn eigentlich ist der Diplomat stets um Diplomatie bemüht.
Desweiteren fällt auf, dass der Film das Einmaleins der Farbdramaturgie verstanden hat; beispielsweise ist das Unstet-Leidenschaftliche der Beziehung Taylor/Burton durch Gegensätze wie Treffen in einem roten Auto und Techtelmechtel in einem blauen Gästezimmer illustriert. Rot ist natürlich die Liebe und Leidenschaft, aber Blau die Farbe der Weite, aber dadurch auch Ferne, Düsternis, Niedergeschlagenheit wie in der englischen Doppelbedeutung von "blue". Auf der Haben-Seite gibt es ferner mit Ausnahme von Taylor erstklassige Darstellerleistungen, gerade von Alec Guinness, der seine Rolle als grelle Selbstparodie gestaltet*, aber am Ende sich als tragischer und sehr verloren aussehender, alter Mann entpuppt. Seine Wandlungsfähigkeit ist hier genauso komplex wie seine Rolle eines Mannes, der seine Seele dem Teufel verkaufen würde, aber am Schluss eine tragische Figur ist. Insgesamt sind jedoch die Szenen mit Liz Taylor, wie auch ein paar andere Passagen, zu sehr in die Länge gezogen. Müssen wir zum Beispiel eine Voodoo-Zeremonie in aller Ausführlichkeit sehen, nur um uns klar zu machen, dass Brown zwischen purem Ekel und aufkommendem Respekt für die einfache und für die aufständische Bevölkerung Haitis schwankt? Auch mit dem Aufbruch zur Flucht von Jones und Brown (die dann aber in sehr starke letzte 25 Minuten mündet) lässt sich der Film reichlich Zeit, dem ein beherzterer Cutter vielleicht ganz gut getan hätte. Nichtsdestoweniger ist "The Comedians" mitunter so unglaublich stark, dass gewisse unausgegorene Elemente erträglich sind.
* Übrigens kann man Jones' Offiziersstolz nicht nur als grelle Farce seiner Rolle in "Die Brücke am Kwai" interpretieren, sondern er bezeichnet sich auch selbst einmal als "Lawrence von Arabien", d.h. als einen Mann, den Alec Guinness zuvor tatsächlich gespielt hatte.