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Vilnius ein historischer
Stadtführer von Czeslaw Milosz
Vilnius ist eine schöne alte Stadt mit prächtigem historischem Kern und reichlich grünender Umgebung. Und Vilnius ist eine Stadt mit schlechtem Gedächtnis, so viele steinerne Zeugen der Geschichte sie auch birgt. Die Hauptstadt der seit 1991 (nicht seit 1994, wie das Buch schreibt) souveränen Litauischen Republik hat viele Herren gesehen: aus der alten litauischen Residenz Vilna wurde das polnische Wilno, das der jüdischen Bevölkerung, die hier ihr «Jerusalem des Nordens» hatte, Vilné hiess, bis die SS daraus das Ghetto Wilna machte.
Das Fürstentum Litauen war der letzte heidnische Staat Europas, freilich einer, in dem Christen und Juden wohlgelitten waren und eine für das Mittelalter ganz ungewöhnliche Toleranz herrschte. Erst 1387 liess der Grossfürst sich taufen, die heiligen Bäume fällen und das ewige Feuer der heidnischen Kulte löschen. In der Folge sollte die Geschichte Litauens bald fruchtbar, bald furchtbar, immer aber untrennbar mit der Polens verbunden sein. Im 16. und 17. Jahrhundert der Religionskriege bietet Wilno Christen (verschiedener Konfessionen) und Juden gleichermassen Heimstatt, und auf den Strassen wird polnisch, litauisch, jiddisch, deutsch, ruthenisch gesprochen. Aber wie das zaristische Russland zur europäischen Macht wird, gerät das prekäre Gleichgewicht aus der Balance: Pogrome schwappen aus dem Reich des Zaren herüber, und als Preussen, Österreich und Russland den polnischen Staat zerschlagen, wächst Wilno zum geistigen Zentrum eines romantischen polnischen Nationalismus. Indes die litauische Oberschicht allmählich polonisiert wird, verkommt das Litauische zum Bauerndialekt.
Dreizehnmal sollte die Stadt alleine im 20. Jahrhundert ihre staatliche Zugehörigkeit wechseln. Eine Volkszählung der deutschen Militärverwaltung erweist 1916, dass es in der litauischen Metropole keine Literatur mehr gibt, dafür jeweils 49 Prozent Polen und Juden. Heute, nach dem nationalsozialistischen und dem stalinistischen Terror, nach der düsteren Ära als «Sowjetrepublik» stellen die Litauer die grosse Mehrheit, denen eine erhebliche russische und kleinere polnische wie ukrainische Minderheiten gegenüberstehen.
Eine jüdische Bevölkerungsgruppe hingegen existiert nicht mehr; 120 000 Juden waren in den wunderschönen Eichenwäldern, die einst wie heute in der Umgebung Wilnas die Wanderer erfreuten, unter fanatischer Beteiligung der litauischen Gestapo, der Sauguma, erschlagen, erschossen und in Massengräber geworfen worden. Die Kriegsverbrecher im Solde der deutschen Besatzer stehen heute in gar keinem so schlechten Ansehen, denn schliesslich wurden viele von ihnen später von stalinistischen Gerichten abgeurteilt. Und nicht wenige Litauer (oder auch Esten und Letten in den anderen baltischen Republiken) meinen, dass so schlecht wieder nicht gewesen sein könne, wer von der Sowjetmacht verfolgt worden sei.
Der polnische Nobelpreisträger Czeslaw Milosz, der in Wilna ins Gymnasium und zur Universität ging, hat ein merkwürdiges Buch über die Stadt der vielen Namen geschrieben. Kaum einmal, dass er die Jugend magisch heraufbeschwört oder die Schönheit Wilnos bannt, wie man das von einem Lyriker erwarten zu können meint. Statt dessen legt er einen dichten historischen Führer vor und handelt mehr als ein halbes Jahrtausend mit wilder Detailversessenheit und aus einer gemässigt nationalpolnischen Sicht der Dinge ab. Seinem historischen Essay hat der Verlag ein paar nicht näher datierte poetische Texte des Autors und seinen Briefwechsel mit dem litauischen Exildichter Tomas Venclova beigefügt. Im langen Brief Venclovas aus dem Jahr 1978 klingt an, was mittlerweile auch in Vilnius einer wachsenden Zahl an Menschen bewusst wird: dass diese Stadt das Schicksal Europas birgt und ihre Würde darin besteht, dass sie nicht bloss einem Volk alleine Zuflucht und Heimat war.
Karl-Markus Gauss
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