Die Welt wie wir sie kennen ist vernichtet, und die Zerstörung ist total und umbarmherzig in ihrem Umfang.
Die wenigen Menschen, oder wie es im Buch an einer Stelle heißt "lebenden Toten in einem Horrorfilm", die diese verbrannte, vergiftete und hoffnungslose Welt durchstreifen teilen sich in zwei Gruppen: Gesetzlose Rüberbanden welche längst ihre Menschlichkeit verloren haben und Jagd auf andere Menschen machen um diese als Nahrung zu verwenden und auf der anderen Seite ihre Opfer, geisterartige, zerlumpte, elende, kriechende, abgemagerte Gestalten, mehr Tier als Mensch, mehr tot als lebendig, welche die zerstörten und längst bis auf die Knochen geplünderten Städte nach essbarem durchsuchen. "Du willst nicht wissen von was für Dingen ich mich ernährt habe" erfahren wir von einem von ihnen.
Was hat diese Katastrophe verursacht? Ein Atomkrieg, ein Meteoriteneinschlag, eine Umweltkatastrophe?
Wir erfahren es nicht, und es ist auch nicht wichtig. Denn die postapokalyptische Horrorwelt die dem Leser präsentiert wird dient nur als Kulisse. Dieses Buch ist kein politisches Statement, keine Warnung vor dem drohenden Untergang a la "The Day After Tommorow", wer so etwas hier sucht ist fehl am Platze.
Das Thema dieses Buches ist Hoffnung inmitten der Hoffnungslosigkeit, symbolisiert durch die Liebe, die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn.
Eben dieser Vater und sein Sohn, die beiden Hauptprotagonisten des Buches sind glückliche Überlebende der Katastrophe, wobei das "glücklich" mehr als fragwürdig scheint. "Es gab nur wenige Tage an denen ich die Toten nicht beneidete" erfahren wir vom Vater, welcher schwer krank nur durch den Willen seinem Sohn das Überleben zu sichern davon abgehalten wird durch den Tod dieser alptraumhaften Welt endgültig zu entfliehen.
"Papa, was würdest du machen wenn ich sterben würde?"
"Dann würde ich auch sterben wollen"
"Damit du bei mir sein kannst?"
"Ja, damit ich bei dir sein kann."
Nur mit dem was sie am Leibe tragen und einigen wenigen Vorräten wandern die beiden durch das zerstörte und verbrannte, kalte und lebensfeindliche Ödland immer Richtung Süden, ständig bedroht von Hunger, dem eisigen Klima und Räuberbanden. Was hoffen sie dort zu finden? Der Leser merkt sehr bald dass der Vater selbst darauf keine Antwort hat.
In einer Welt die allem Lebenswerten beraubt worden ist, sind der Vater und der Sohn "each the others world entire".
In einer Welt die alles menschliche verloren hat ist die Beziehung zwischen Vater und Sohn die einzige Quelle von Menschlichkeit.
Der Vater trägt einen Revolver mit sich, gefüllt mit zwei Kugeln. Dieser Revolver und eine damit verbundene Frage ziehen sich durch das gesamte Buch: Was wenn ich nicht mehr weitermachen kann, was wenn ich kurz vor dem Tod stehe, werde ich die Kraft haben meinem Sohn durch den Gnadenschuß ein Schicksal zu ersparen welches schlimmer als der Tod ist? Und dass so ein Schicksal in der von McCarthy beschriebenen Horrorwelt möglich und wahrscheinlich ist, daran hat nach kurzer Zeit auch der Leser keine Zweifel mehr.
Das ist nicht das einzige, quälende Motiv dieses Buches.
Der Vater ist einzig und allein auf das Überleben seines Sohnes fixiert und durch seine Liebe und Fürsorge zu diesem motiviert.
Für Barmherzigkeit gegenüber anderen Menschen bleibt da in dieser Welt kein Platz. Fast verwischen die Grenzen zwischen den "Good guys", zu denen sich Vater und Sohn zählen, und den "Bad guys", wäre da nicht der Sohn, welcher sich durch sein naives, aber herzzereißendes Mitgefühl auszeichnet.
Die Grenzen zwischen notwendigem Egoismus um das eigene Überleben zu sichern und mangelndem Mitgefühl für das Leiden anderer sind fließend und stellen ein ständiges moralisches Dilemma dar.
Dieses Buch wird oft als düster beschrieben, und zu großen Teilen stimmt das auch. Für mich ist es aber vor allen Dingen ein Buch über Liebe und Hoffnung, über die Fähigkeit des Menschen sich für einen anderen ohne wenn und aber und allen Umständen zum Trotz aufzuopfern, vielleicht eine der wichtigsten Eigenschaften die uns auszeichnet. Diese positiven Aspekte werden für mich vor allen Dingen durch das Ende des Buches herborgehoben, welches, ohne zuviel zu verraten, unendlich traurig und doch ermutigend zugleich ist und micht zu Tränen bewegt hat.
Eine absolute Empfehlung und 5 Sterne von mir.