Claude Simons "Straße in Flandern" ist ein schwieriges Buch: Über Seiten ohne Absatz winden sich interpunktionslose Sätze, die wie ein ungeordneter Bewusstseinsstorm wirken können. Aber das Durchhaltevermögen des Lesers wird belohnt: Simons Buch ist das eindringlichste Buch über den Krieg, das ich kenne.
Der Krieg, das ist hier der Mai 1940, die katastrophale Niederlage der französischen Armee. Der Erzähler Georges erlebt sie als Teil einer Reiterschwadron, die völlig orientierungslos durch Flandern unterwegs ist. Niemand weiß mehr, wo der Feind steht und wo die eigenen Truppen. Der Regen, die Nacht, die Müdigkeit scheinen unendlich. Aus dieser Unendlichkeit besteht der Krieg; die Schlacht dauert nur wenige Minuten, in denen das Regiment aus dem Hinterhalt niedergemetzelt wird.
Und doch sind diese eindrucksvollen Kriegsbilder nur Hintergrund für das, was Georges interessiert: Das Regiment wird geführt vom alten Hauptmann de Reixach, einem Cousin von Georges. Als de Reixach stirbt, wirkt es, als hätte er selbst den Tod gesucht. Georges will mehr wissen: In deutscher Kriegsgefangenschaft befragt er gemeinsam mit seinem Freund Blum den ehemaligen Jockey des Hauptmanns. Bald ist klar, dass dieser eine Affäre mit Corinne, der jungen Ehefrau des Hauptmanns hatte. Georges ist fasziniert von den Gedanken an diese Frau und will sie nach dem Krieg selbst kennen lernen...
Simon hat in diesem Roman mit äußerster Genauigkeit seine eigenen Kriegserlebnisse verarbeitet. Mit de Reixach stirbt symbolisch eine Führungsschicht, die endgültig versagt hat. Vor allem aber ist "Die Straße in Flandern" ein großes Kunstwerk, eine an Proust geschulte Erforschung dessen, wie Erinnerung funkitoniert - und gerade deshalb die eindrücklichste und wahrhaftigste Darstellung des Krieges, die mir bisher in der Literatur begegnet ist.