Um meiner Sammlung von morbiden DVDs eine weitere hinzuzufügen, bekam ich "Die Stone-Skala - Das Böse im Visier" geschenkt. Wenn das so weitergeht, kann ich mich bald selbst als Profiler bewerben, soviel Material über Psychopathen, Serienmörder und geisteskranke Gewaltverbrecher besitze ich inzwischen. In der mir vorliegenden Scheibe hat sich jedoch Dr. Michael Stone, seines Zeichens Gerichtspsychiater und forensischer Psychiater an der New Yorker Columbia Universität im Rahmen einer siebenstündigen Discovery Channel-Dokumentation mit dem Thema Serienmord beschäftigt. Er hat Taten und Täter mithilfe einer 22stufigen Skala kategorisiert, die die Schwere der Taten und auch die Bösartigkeit der Täter erfasst.
Da alleine die Laufzeit der aus zwei DVDs bestehenden Edition schon 440 Minuten beträgt, verfügt die Scheibe über keine weiteren Extras. Zuhören kann man Dr. Stone nur auf deutsch (bzw. in einer über das englische Original gesprochenen deutschen Übersetzung, keiner Synchronisation), dafür in DD 5.1 oder 2.0, teilweise werden einige Original-Aussagen von Tätern oder Zeugen deutsch untertitelt. Des Weiteren gibt es ein mehrseitiges Booklet, das den Inhalt der zwei DVDs genau beschreibt. Teile dieser Dokumentation sind bereits im Fernsehen (auf VOX) gelaufen, gedreht wurde das Ganze 2007, erschienen ist es aber erst 2010. Die einzelnen Kapitel der DVDs setzen sich wie folgt zusammen: Stalker, Genies, die töten, Kranke Mörder, Rachelust, Aus Eifersucht, Ungelöste Fälle, Töten für die Sekte, Amokläufer, Morden für die Schlagzeilen und Töte für mich. Jedes Kapitel dauert ca. 45 Minuten.
Soweit die Fakten. Nun zum interessanteren Part, der Auswertung des Inhalts. Nun, zuerst einmal muss man leider sagen, dass das zentrale Thema der Dokumentation, nämlich die Stone-Skala, völlig überflüssiger Blödsinn ist. Stone kann mit seiner Skala weder zu polizeilichen Ermittlungsarbeiten beitragen noch hat seine Einstufung sonst irgendeinen Nutzen. Denn mal ehrlich, ob ein Ted Bundy oder John Wayne Gacy nun eine 12 oder 22 ist, ist doch vollkommen egal. Fakt ist, es handelt sich um zwei der schlimmsten amerikanischen Serienmörder, die so krank wie grausam sind. Wie böse sie nun auf einer Skala von 1-22 sind, welchen Zusatz man an ihre Namen hängt (psychisch-kranker Foltermörder, schizophrener Serienmörder oder sonst was), ist eigentlich für jeden vollkommen unerheblich. Insofern stellt sich natürlich die Frage, was diese ganze Stone-Skala und die Arbeit, die Dr. Stone da zweifellos hineingesteckt hat, eigentlich soll. Sicherlich gibt es verschiedene Möglichkeiten, Taten und Täter miteinander in Beziehung zu setzen, sie zu analysieren und zu erfassen, aber inwieweit soll die Stone-Skala hier dienlich sein? Ich bin auch nach Sichtung des siebenstündigen Materials nicht dahinter gekommen, warum diese Skala überhaupt ersonnen wurde und wem sie wozu nützen könnte.
Von dieser Tatsache mal abgesehen ist "Die Stone-Skala" keine schlechte Dokumentation, die darüber hinaus sehr ausführlich daherkommt. Denn wenn man mal aufhört, über die Sinnhaftig- bzw. -losigkeit der Skala nachzudenken, bietet Stone hier eine Menge Material auf, welches er offenbar gründlich recherchiert und ausgewertet hat. Dem versierten Fan solcher Dokumentationen oder Bücher offenbart sich hier zwar nicht allzu viel Neues, aber für Einsteiger in die Thematik ist die Doku gut geeignet. Allerdings scheint mir Stones Täterauswahl manches Mal recht willkürlich. Ted Bundy z. B., einer der charismatischsten und schlimmsten Serienmörder Amerikas, wird lediglich in ein paar Nebensätzen abgehandelt. Andere Täter wiederum, die teilweise nur auf ein einziges Opfer verweisen können und von denen man noch nie etwas gehört hat, werden in 20minütigen Beiträgen besprochen. Auch verliert Stone zwischendrin immer mal wieder sein eigentliches Ansinnen aus den Augen und schwadroniert und philosophiert über Nebenschauplätze und Unteraspekte seines Ursprungsthemas, die mehr langweilen als erhellen. Dies fällt besonders im Kapitel "Kranke Mörder" auf, wo Stone tief in psychiatrische Untersuchungen und Diagnosen eintaucht und z. B. eine Täterin präsentiert, die einen im Interview mit ihren Wahnvorstellungen einfach nur langweilt. Hier holt Stone oft viel zu weit aus und präsentiert Details, die langweilig und zäh sind.
Darüber hinaus tauchen einige Täter gleich in mehreren Kapiteln auf, so dass man hier fast ein wenig von Etikettenschwindel reden könnte. Sicherlich sind ein Charles Manson oder auch ein Jim Jones sowohl im Kapitel "Töten für die Sekte" als auch in "Töte für mich" richtig aufgehoben, allerdings setzt hier ein Wiederholungseffekt bzw. eine deutliche Überschneidung ein. Bilder und Aussagen sind identisch mit denen aus dem anderen Kapitel, so dass hier dieselbe Kuh zweimal gemolken wird. Dies ist bei der Menge an verfügbaren Tätern, über die man berichten könnte, nicht ganz einleuchtend und somit auch partiell ärgerlich, denn immerhin kostet die Scheibe neu 14,99, da hat man dann ungern sich wiederholendes Material in verschiedenen Kapiteln.
Inwieweit Stone hier wirklich auf eigene Recherchen oder auf bereits vorhandenes Material von Profilern oder Polizisten zurückgreift, vermag ich nicht zu beurteilen, ich muss allerdings sagen, dass er hier, zumindest bei den bekannten Fällen, kaum neue Aspekte beisteuern kann. Er geht zwar fast immer auf Kindheit und Jugend der späteren Täter ein, aber das haben die meisten Profiler vor ihm auch schon getan, insofern kommt er nicht wirklich mit neuen Erkenntnissen um die Ecke. Nichtsdestotrotz bieten die zwei DVDs einen interessanten Querschnitt durch die vorwiegend amerikanische Serienmördergeschichte (kleine Abstecher nach Kanada und Japan inklusive), den der alte Doc Stone souverän präsentiert. Die Dokumentation setzt sich zusammen aus kleinen Filmbeiträgen, in denen Täter und Taten nachgestellt werden, wenn nicht auf filmisches Archivmaterial zurückgegriffen werden kann und aus Interviews mit Tätern oder anderen Experten außer Dr. Stone. Der wiederum wird vorwiegend an seinem Schreibtisch oder an einer Tafel gezeigt, auf der er stichwortartige Schlagwörter kritzelt. Das eingeblendete Bild- und Archivmaterial ist teilweise nur von mittelmäßiger Qualität, sowieso lässt sich sagen, dass die Bild- und Tonqualität der Scheibe bestenfalls im Mittelmaß liegt. Aber bei einer Dokumentation kommt es ja auch nicht so zwingend auf ein astreines Bild und glockenklaren Klang an, insofern ist das schon in Ordnung so.
Alles in allem ist "Die Stone-Skala" als kriminaltechnisches Instrument natürlich völlig überflüssiger Humbug, als erzähltechnisches Instrument zum Thema Serienmord jedoch ganz gut geeignet. Dr. Stone hat umfangreiches Material zusammengetragen oder selbst erstellt und bietet, wenn er sich denn ausreichend Zeit für einen Täter nimmt, interessante Informationen zu dessen Kindheit und Werdegang. Sich wiederholende Informationen sowie die teilweise fahrlässig grobe Abhandlung einiger in meinen Augen wichtiger oder spektakulärer Täter ist ärgerlich, aber zu verschmerzen. Teilweise verliert Stone den Faden und ergeht sich in langweiligen Details psychiatrischer Diagnostik, aber im Großen und Ganzen bietet die siebenstündige Dokumentation viel Information für wenig Geld und interessante Einblicke in das Phänomen Serienmord. Somit also drei von fünf Skalierungen, die zwar überflüssig, aber informativ sind.