Hörbuch-Rezension
Mit feiner, weise klingender Stimme trägt Elias Canetti selbst in dieser Produktion des Hessischen Rundfunks von 1985
Die Stimmen von Marrakesch vor. Es sind Erinnerungen an seine Eindrücke, die er als Begleiter eines Filmteams im Jahr 1954 machte. Für den Geschichtensucher Canetti war Marrakesch ein idealer Ort. Das hört man in jeder Geschichte, jedem Satz, obwohl oder gerade, weil er die Texte erst aus der Distanz, nach seiner Rückkehr, aufgeschrieben hat. Alles, was er sah bzw. nicht sah, inspirierte ihn zu diesen Erzählungen voller Buntheit und Lebendigkeit, die aber auch kritische und ernste Töne enthalten.
Insgesamt dreizehn Geschichten liest er. Er erzählt von seiner Begegnung mit Kamelen und ihrem letzten Gang zum Schlächter, gibt eine lebhafte Schilderung der Suks, beschreibt die Vielfältigkeit der handgefertigten Waren und die geheimnisvolle Preispolitik der Händler. In Die Lust des Esels zeigt er eindringlich, wie viel Kraft und Lust noch in einem alten Esel steckt. Die Blinden, die Mellah, das Judenviertel Marrakeschs, Restaurants und Bars lässt er lebendig werden. Er ergreift Partei für die Bettelkinder, als ein Restaurantbesitzer sich mit seiner prahlerischen Erzählung darüber, wie er einst eine Frau um ihren Lohn gebracht hatte, selbst verächtlich macht.
Die Reiseerzählung Die Stimmen von Marrakesch erschien 1968. Als Canetti sie 1985 las, war er ein mit vielen Preisen ausgezeichneter Schriftsteller, u. a. erhielt er den Georg-Büchner-Preis und den Nobelpreis für Literatur. Viele seiner Themen sind in den erinnerten Geschichten leicht und heiter vertreten: der Kampf gegen den Tod, die Sprache, die Zeit und die Utopie. Nur für ein anderes großes Thema, seine Begeisterung für Frauen, war Marrakesch offensichtlich nicht der richtige Ort.
Fazit: Anlässlich seines hundertsten Geburtstages, er lebte von 1905-1994, ist es ein Fest für alle Canetti-Fans und die, die ihn in Zukunft näher kennen lernen möchten, ihn selbst sprechen zu hören. Seine Stimme ist eine Überraschung! Der Autor von Die Blendung und von Masse und Macht, der im Leben für seine Umwelt nicht immer einfache Mann, spricht so zärtlich, mit so viel Neugierde und Begeisterung für die banalsten Dinge. Er klingt noch im hohen Alter, als wäre er zeit seines Lebens ein Kind geblieben.
Autorenlesung, Spieldauer: ca. 140 Minuten, 2 CDs. -- culture.text
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Kurzbeschreibung
Der Zufall führte Canetti 1954 als Begleiter eines Filmteams in ein bestürzend fremdartiges Land - nach Marrakesch. Erst aus der Distanz, nach seiner Rückkehr nach London, skizzierte er die Eindrücke dieser Reise. Die Aufzeichnungen sind kein Reisebericht im klassischen Sinn. Es sind Miniaturen von atmosphärischen Erscheinungen einer orientalischen Großstadt. Elias Canetti streift durch die arabischen und jüdischen Viertel der Stadt, atmet die seltsamen Gerüche, beobachtet die feilschenden Händler in den Suks und die Verkäuferinnen duftenden Brotes, vernimmt die Stimmen der Blinden, Bettler und zungenlosen Krüppel in den Slums, spürt die hilflose Kreatürlichkeit und Nähe des Todes vor den Kamelen mit ihren Schlächtern, staunt über die vielen Gesichter armer Juden in der Mellah, wird Zeuge intimster menschlicherVerhältnisse, sieht Bosheit, Armut und Prostitution und spürt nur die Sehnsucht, die Sehnsucht nach einem besseren Leben.
Der Verlag über das Buch
Dieser Band vereint die 15 Essays und Reden, die Canetti unter dem Titel »Gewissen der Worte« zusammengefaßt hat. Es ist ihre fast intime Unmittelbarkeit, durch welche die großen Essays über Broch, Musil, Kafka, Büchner, Karl Kraus, Tolstoi und Konfuzius Zeugnis vom Selbstverständnis des Schriftstellers Canetti geben. Arbeiten aus dem Themenkreis von »Masse und Macht«, besonders der Essay über Albert Speer, machen zentrale Gedanken Canettis noch einmal deutlich. Der berühmte Reisebericht »Die Stimmen von Marrakesch« schließlich zeigt den genauen Beobachter und großen Erzähler.
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Über den Autor
Elias Canetti, 1905 im bulgarischen Rustschuk geboren, entstammt einem sephardischen Elternhaus. Von 1911 bis 1913 lebte er in Manchester, danach in Wien, Zürich und Frankfurt am Main. In Wien studierte er Chemie, seinen literarischen Neigungen folgend besuchte er in dieser Zeit regelmäßig die Vorlesungen von Karl Kraus. Canetti ist als Romancier, Essayist, Dramatiker, Aphoristiker und theoretischer Denker bekannt geworden. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise, u.a. den Georg-Büchner-Preis (1972) und den Nelly-Sachs-Preis (1975), 1981 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Elias Canetti starb im August 1994 in Zürich. Im Fischer Taschenbuch Verlag liegen seine gesammelten Werke vor, darunter auch seine autobiographischen Schriften »Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend«, »Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-1931« und »Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-1937« sowie der Roman »Die Blendung« und die Abhandlung »Masse und Macht«.