Da ich es bisher nicht geschafft hatte, über die ersten drei Seiten und ein unentschlossenes hin- und herblättern hinaus zu kommen, weiß ich noch nicht, ob mir der Inhalt, die Geschichte, gefällt.
Der Text ist auf den ersten Blick durch die ausgesprochen großzügige Verteilung von 'unnötigen' Satzeichen sehr leseunfreundlich. Auf den zweiten Blick fallen die vielen ungewöhnlichen Wortverbindungen und die Ignorierung grammatischer Regeln auf. Das hemmt den Lesefluss sehr stark, vor allem, wenn man den Fehler begeht, über den Sinn der Spielereien nachzudenken.
Eben, bei meinem vierten Leseversuch, habe ich zu meiner Verblüffung festgestellt, wie ich halbwegs unfallfrei durch den Text navigieren kann: Gehirn auf Sparflamme stellen und schnell weiter lesen, nach vorne sehen und nicht umdrehen. Sonst holen einen die Schatten der Zweifel ein: Warum nur hat er jetzt das so und nicht anders geschrieben?
Bester Arbeiter auf der Wort-Baustelle ist für mich Arno Schmidt. Nur, was ich bei dem schmunzelnd als genialen Umgang mit der Sprache empfinde, wird manch anderen Leser an den Rand des Wahnsinns treiben.
Der Verlags-Klappentext tut so, als ob es sich um ein ganz normales Buch handeln würde.
Dabei ist es im Gegenteil total verrückt. Der Hanser-Verlag sollte auf dem Buchumschlag einen Warnhinweise anbringen: 'Lesen Sie dieses Buch, wenn Sie Interesse an einem ungewöhnlichen Gebrauch der deutsche Sprache haben.' Ohne dieses spezielle Interesse wird der unvorbereitet Leser schnell das Handtuch werfen.
Arno Schmidt (Schriftsteller, Hungerkünstler, Dechiffrieropfer) spielte sehr exzessiv mit Wortbedeutungen. Bei ihm hat die Wortakrobatik und sogar das Schriftbild(!) meistens einen tieferen, textdienlichen Sinn und ist zudem oft auch noch komisch.
Es interessierte mich, ob das bei Jirgls Werk ähnlich sei. Nach der Lektüre ersten Seiten stellte ich fest, dass das nicht der Fall ist. (Nach meinem Geschmack, klar. Jeder darf anders...)
Fazit:
'Die Stille' ist ein sehr widerspenstiger Text. Unbedingt vor dem Kauf ein paar Seiten lesen.
Reinhard Jirgl tut alles, um dem Leser das Leben/Lesen schwer zu machen. Das alleine macht Literatur noch nicht zur guten, gehobenen - aber: 'Das Feuilleton' freut's.
Seine eigenwilligen Wortschöpfungen und Zeichensetzungen verkürzen und erhellen nicht - sie verlängern und verdunkeln den Lese- und Verstehensprozess. Wenn man sich überflüssigerweise in die Betrachtung seiner Wort-/Satzzeichen-Schöpfungen versenkt, versinkt man und kommt nicht von der Stelle.